, um Abschied von ihr zu nehmen . Rosa hatte aber kaum von seinem Vorhaben gehört , als sie sogleich mit aller Heftigkeit den Gedanken ergriff mitzureisen . » Das laß ich wohl bleiben « , sagte Leontin , » da schnüre ich noch heut mein Bündel und reit euch ganz allein davon . Ich will eben als ein Verzweifelter weit in die Welt hinaus , will mich , wie Don Quijote , im Gebirge auf den Kopf stellen und einmal recht verrückt sein , und da fällt ' s euch gerade ein , hinter mir dreinzuzotteln , als reisten wir nach Karlsbad oder Pyrmont , um mich jedesmal fein natürlich wieder auf die Beine zu bringen und zurechtzurücken . Kommt mir doch jetzt meine ganze Reise vor , wie eine Armee , wo man vorn blitzende Schwerter und wehende Fahnen , hinterdrein aber einen langen Schwanz von Wagen und Weibern sieht , die auf alten Stühlen , Betten und anderm Hausgerät sitzen und plaudern , kochen , handeln und zanken , als wäre da vorn eben alles nichts , daß einem alle Lust zur Courage vergeht . Wahrhaftig , wenn du mitziehst , meine weltliche Rosa , so lasse ich das ganze herrliche , tausendfarbige Rad meiner Reisevorsätze fallen , wie der Pfau , wenn er seine prosaischen Füße besieht . « - Rosa , die kein Wort von allem verstanden hatte , was ihr Bruder gesagt , ließ sich nichts ausreden , sondern beharrte ruhig und fest bei ihrem Entschlusse , denn sie gefiel sich schon im voraus zu sehr als Amazone zu Pferde und freute sich auf neue Spektakel . Friedrich , der eben hier dazukam , schüttelte den Kopf über ihr hartes Köpfchen , das ihm unter allen Untugenden der Mädchen die unleidlichste war . Noch tiefer aber schmerzte ihn ihre Hartnäckigkeit , da sie doch wußte , daß er nicht mitreise , daß er es nur um ihretwillen ausgeschlagen habe , und ihn wandelte heimlich die Lust an , selber allein in alle Welt zu gehen . Leontin , der , wie auf etwas sinnend , unterdes die beiden verliebten Gesichter angesehen hatte , lachte auf einmal auf . » Nein « , rief er , » wahrhaftig , der Spaß ist so größer ! Rosa , du sollst mitreisen , und Faber und Marie und Erwin und Haus und Hof . Wir wollen sanft über die grünen Hügel wallen , wie Schäfer , die Jäger sollen die ungeschlachten Hörner zu Hause lassen und Flöte blasen . Ich will mit bloßem Halse gehn , die Haare blond färben und ringeln , ich will zahm Sein , auf den Zehen gehen und immer mit zugespitztem Munde leise lispeln : O teuerste , schöne Seele , o mein Leben , o mein Schaf ! Ihr sollt sehen , ich will mich bemühen , recht mit Anstand lustig zu sein . Dem Herrn Faber wollen wir einen Strohhut mit Lilabändern auf das dicke Gesicht setzen und einen langen Stab in die Hand geben , er soll den Zug anführen . Wir andern werden uns zuweilen zum Spaß im grünen Haine verirren , und dann über unser hartes Trennungslos aus unsern spaßhaften Schmerzen ernsthafte Sonette machen . « - Rosa , die von allem wieder nur gehört hatte , daß sie mitreisen dürfe , fiel hier ihrem Bruder unterbrechend um den Hals und tat so schön in ihrer Freude , daß Friedrich wieder ganz mit ihr ausgesöhnt war . Es wurde nun verabredet , daß sie sich noch heute abend auf Leontins Schlosse einfinden sollten , damit sie alle morgen frühzeitig aufbrechen könnten , und sie sprang fröhlich fort , um ihre Anstalten zu treffen . Als Friedrich und Leontin wieder nach Hause kamen , begann letzterer , der seinen gestrigen Schreck fast schon ganz wieder vergessen zu haben schien , sogleich mit vieler Lustigkeit zusammenzurufen , Befehle auszuteilen und überall Alarm zu schlagen , um , wie er sagte , das Zigeunerleben bald von allen Seiten aufzurühren . Rosa traf , wie sie es versprochen hatte , gegen Abend ein und fand auf der Wiese bei Mondenschein bereits alles in der buntesten Bewegung . Die Jäger putzten singend ihre Büchsen und Sattelzeug , andere versuchten ihre Hörner , Faber band ganze Ballen Papier zusammen , die kleine Marie sprang zwischen allen leichtfertig herum . Alle begaben sich heute etwas früher als gewöhnlich zur Ruhe . Als Friedrich eben einschlummerte , hörte er draußen einige volle Akkorde auf der Laute anschlagen . Bald darauf vernahm er Erwins Stimme . Das Lied , das er sang , rührte ihn wunderbar , denn es war eine alte , einfache Melodie , die er in seiner Kindheit sehr oft und seitdem niemals wieder gehört hatte . Er sprang erstaunt ans Fenster , aber Erwin hatte soeben wieder aufgehört . Das Licht aus Rosas Schlafzimmer am andern Flügel des Schlosses war erloschen , der Wind drehte knarrend die Wetterfahne auf dem Turme , der Mond schien außerordentlich hell . Friedrich sah Erwin wieder , wie sonst , mit der Gitarre auf der Mauer sitzen . Bald darauf hörte er den Knaben sprechen ; eine durchaus unbekannte , männliche Stimme schien ihm von Zeit zu Zeit Antwort zu geben . Friedrich verdoppelte seine Aufmerksamkeit , aber er konnte nichts verstehen , auch sah er niemand außer Erwin . Nur manchmal kam es ihm vor , als lange ein langer Arm über die Mauer herüber nach dem Knaben . Zuletzt sah er einen Schatten von dem Knaben fort längs der Mauer hinuntergehen . Der Schatten wuchs beim Mondenschein mit jedem Schritte immer höher und länger , bis er sich endlich in Riesengröße in den Wald hinein verlor . Friedrich lehnte sich ganz zum Fenster hinaus , aber er konnte nichts unterscheiden . Erwin sprach nun auch nicht mehr und die ganze Gegend war totenstill . Ein Schauer überlief ihn dabei . Sollte diese Erscheinung , dachte er , Zusammenhang haben mit Leontins Begebenheiten ? Weiß