seine Freiheit dadurch behauptet , daß er nicht mehr will als er kann . Ich weiß wohl , fuhr er fort , daß der Kreis des Einen größer ist als des Andern ; allein ein jeder zieht ihn sich am Ende selbst und kann nicht über seine Kräfte hinaus . Manche , die weit ausholten , wurden am Ende auf den Ausgangspunkt zurückgedrängt . Luise hätte dagegen noch Manches einzuwenden gehabt und meinte im Innern , dies sei aller Dumpfheit das Wort geredet ; allein sie war wenig zum Streiten aufgelegt , und kämpfte genugsam gegen manche peinliche Vorstellungen , die sie bei der Annäherung an den Falkenstein befielen . Der Weg dahin ward immer verschlungener , das Gebüsch dichter , und ein schwerer , glühender Himmel machte die eingeschloßne Gebirgsluft unerträglich ; dazu kam , daß ein starker Gewitterregen Quellen und Bäche angeschwellt und die Wege überschwemmt hatte ; sie konnten daher nur langsam auf dem schlüpfrigen Boden fahren . Luise war bemüht , die trüben Bilder , die auf sie zu traten , durch eine Menge unzusammenhängender Fragen zu verdrängen ; allein ihre Unruhe wuchs so sehr , daß sie endlich Julius bat , mit ihr den Berg hinan auf einem festen ebnen Fußpfad zu steigen . Er willigte gern ein , und Beide hatten Ursach , sich über diesen Entschluß Glück zu wünschen ; denn nicht lange darauf schlug der Wagen mit solcher Gewalt gegen einen Stein , den das übergetretne Wasser verbarg , daß das Rad absprang und der Wagen auf die Seite fiel . Luise that einen lauten Schrei , da sie dies von fern sahe , und Julius gerieth in solche Wuth auf seine Leute , als sei Luise wirklich beschädigt . Sie sah ihn zum erstenmal , durch die losbrechende Heftigkeit seines Gemüthes hingerissen , ohne Besonnenheit handeln . Die Verlegenheit , in der sie sich befanden , zwang ihn indeß , in sich selbst zurückzugehn . Sie waren schon zu weit von der Stadt , um dort Hülfe zu suchen , und eben so wenig wollten sie um solche Veranlassung jetzt nach dem Falkenstein schicken , wo man sie in Lust und Freude erwartete . Julius erinnerte sich , daß hier in der Nähe die Wohnung eines Heideläufers sein müsse , zu der jener Fußsteig , in gleicher Richtung der großen Straße , vorbei führe . Er entschloß sich , Luisen hinzuführen , und dort ein Mittel , wie ihnen schnell geholfen werden könne , zu erfahren . Sie waren bald bei dem kleinen Häuschen , das , wenige Schritte davon , im Gebüsch versteckt lag . Lieber Gott , sagte eine Stimme von innen , schlage doch nur noch einmal , nur ein einzigesmal , die Augen auf ! Julius zog die Hand zurück , die schon die Thür gefaßt hatte ; er besann sich einen Augenblick und pochte dann leise an . Sogleich trat eine junge Frau heraus , wischte die hellen Thränen aus den Augen und erwiederte auf die Frage nach ihrem Manne , mit angenehmer Stimme , daß er dort im Hofe arbeite . Dieser trat jetzt zur Hinterthür herein und stellte , die Fremden im Vorbeigehn grüßend , einige glatt gehobelte Bretter in die Luft . Es wird wohl Noth haben , sagte die Frau , auf die Bretter sehend , es ist bald vorbei ! - Ein Sarg ! dachte Luise , und schauderte zusammen . Danke Gott , erwiederte der Mann , das Wurm hat viel gelitten ! Julius hatte nicht das Herz , sein Gesuch vorzutragen ; allein der Mann fragte ihn gleich darauf ganz ruhig , was zu seinem Befehle stände , und meinte nach erhaltner Auskunft , wenn es nichts als ein abgesprungenes und etwas beschädigtes Rad sei , so könne er wohl allein helfen , ohne deshalb noch weiter zu gehn . Er versah sich mit dem Nöthigsten und machte sich sogleich mit Julius auf den Weg . Wollen Sie nicht hinein treten ? sagte die Frau zu Luisen , ansteckend ist die Krankheit nicht . Luise zögerte noch einen Augenblick und fragte , was es für ein Uebel sei . Das weiß der Himmel , antwortete die Frau ; seit dreizehn Wochen leidet das Kind . Wir haben wohl einen Chirurgus befragt , aber das hat bei armen Leuten keine Art. Man kann auch nicht alles so haben , - ( sie waren während dem in ein niedriges , enges Stübchen an das Bett der Kleinen getreten ) und heute , fuhr die Frau fort - sie konnte nichts weiter sagen , bückte sich zu dem Kinde und drückte seine welke Händchen an ihre Lippen . - Luise sah überall Spuren der allerhöchsten Dürftigkeit ; sie glaubte fast , daß Mangel an kräftiger Nahrung das Kind , nach früher überstandner Krankheit , allein tödte , und dachte mit Wehmuth , daß so mancher unbeachtet hinstirbt , den oft eine Kleinigkeit retten könne . Ein kristallnes Büchschen öffnend , ließ sie einen Tropfen starken Balsams unter die Zunge der Kranken fallen , die sogleich stark nieste und die großen Augen verwundert aufschlug . Mariechen , liebes Mariechen ! rief die Mutter , kennst Du mich ? Das Kind schloß aufs neue die Augen und wandte sich auf die Seite . - Luise schickte die Frau nach dem Wagen , indem sie ihr auftrug , sich dort den mitgebrachten Wein und Zwieback geben zu lassen , und fuhr fort , der Kleinen die Schläfe mit dem Balsam zu reiben . In Kurzem kam die Mutter zurück . Luise nahm das Kind in den Arm und flößte etwas Wein in den halbgeöffneten Mund . - Nach einer Viertelstunde ermunterte sich Marie , sah umher , und spielte mit Luisens Fingern , an welchen mehrere Ringe glänzten . Liebe Frau , sagte diese , unter den freudigsten Thränen die sie jemals vergoß , das Kind wird gewiß besser , wenn es alle Stunden , von jetzt an bis morgen Mittag , einen Löffel von