Stand hatte man mit der „ geistlichen Vormundschaft “ , die natürlich die Verlobung nicht anerkennen wollte und Himmel und Hölle dagegen in Bewegung setzte . Man drohte dem jungen Bräutigam mit der Hölle ; er drohte dagegen mit der Presse und erklärte , er werde die ganze Stadt zur Vertrauten seiner Herzensangelegenheit machen und in sämmtlichen Zeitungen Lärm darüber erheben , daß man ihm seine Braut entreißen wolle , um sie wider ihren Willen in das Kloster zu sperren . Das erregte denn doch Bedenken . Man hatte bei dem Sturze des Gouverneurs gesehen , was Zeitungsartikel anrichten konnten . Man gab nach . Die feindliche Partei zog sich zurück , und Max behauptete triumphirend das Feld . Er war klug genug , die Hochzeit so rasch wie möglich zu betreiben , und entführte seine junge Frau schon nach wenigen Monaten nach der Schweiz . Brunnow , der durch die Erbschaft seines Vetters völlig unabhängig geworden war , bestand darauf , daß Sohn und Schwiegertochter vorläufig in seinem Hause wohnten , da Max bei seiner schnellen Heirath nicht Zeit gefunden hatte , sich zuvor eine Praxis zu gründen . Dies geschah nun zwar in kürzester Frist ; trotzdem wurde aber das Zusammenleben beibehalten . Das Verhältniß zwischen Vater und Sohn war ein durchaus anderes geworden , seit jener Scene am Krankenbette des Letzteren , und wenn einmal eine Differenz vorkam , so trat Agnes mit ihrer sanften Vermittelung dazwischen . Die junge Frau hatte in Kurzem das ganze Herz des Schwiegervaters gewonnen . Der Hofrath dagegen lebte nach wie vor in R. unter dem Scepter der Frau Christine , aber er befand sich wohl dabei und kam jeden Sommer , um seine Kinder zu besuchen . – – Es war wieder Sommer geworden . Der See und die Stadt an seinen Ufern lagen im hellsten Sonnenschein , und das Gebirge erhob sich duftumhüllt und nur zur Hälfte sichtbar in der Ferne . Die einst so kleine und bescheidene Besitzung Rudolph Brunnow ’ s zeigte jetzt ein weit stattlicheres Aussehen . Der Garten hatte durch Ankauf der benachbarten Grundstücke fast das Doppelte an Raum gewonnen , und auch das Wohnhaus war umgebaut und bedeutend vergrößert worden , da es jetzt Platz für zwei Familien gewähren mußte . Der junge Doctor Brunnow pflegte sonst die Vormittagsstunden zu Besuchen bei seinen Patienten zu benutzen , heute aber war die gewohnte Ausfahrt unterblieben , und Max befand sich im Garten , mit einem Gaste , der erst vor einer halben Stunde eingetroffen war . „ Jetzt kommst Du aber mit mir , Georg , damit ich Dich auch einmal für mich allein habe ! “ sagte er nachdrücklich . „ Papa läßt Dich sonst gar nicht aus den Händen , und Dein Besuch gilt doch vor allen Dingen mir . Das war eine Ueberraschung ! Ich ahnte gar nicht , daß Du in der Schweiz seiest . “ „ Es war eine Dienstreise , “ versetzte Georg . „ Ich mußte zu unserer Gesandtschaft nach B. Meine Aufträge waren schneller erledigt , als ich glaubte , und da konnte ich es mir nicht versagen , auf der Rückreise Dich zu überraschen . “ Winterfeld hatte sich in den letzten vier Jahren kaum verändert . Er war nur reifer , männlicher geworden , und seine Haltung hatte an ruhiger Sicherheit noch gewonnen . Die frühere durchsichtige Blässe aus seinen Zügen war längst der Farbe der Gesundheit gewichen , aber aus der einst so klaren Stirn lag ein Schatten , und die schönen blauen Augen , die sonst nur ernst blickten , hatten jetzt etwas entschieden Düsteres . Der kaum zweiunddreißigjährige Mann mit seiner so viel verheißenden Lebensstellung schien irgend etwas mit sich herumzutragen , was ihm die Freude am Leben nahm . Max Brunnow ’ s Aussehen dagegen entsprach vollständig seiner Behauptung , daß er sich in dieser nichtsnutzigen Welt ganz vortrefflich befinde , und war überdies ein glänzendes Zeugniß dafür , daß Frau Agnes die Hausfrauentugenden sich zu eigen gemacht hatte . „ Sage einmal , Georg , “ fragte Max im Laufe des Gesprächs , „ wie lange dauert es denn noch eigentlich , bis Du Minister wirst ? “ Georg lachte . Wahrscheinlich noch eine ganze Reihe von Jahren . „ Vorläufig bin ich Ministerialrath . “ „ Und die rechte Hand des Ministers , die Seele der ganzen Verwaltung . O , wir wissen ganz genau , wie es in Eurer Residenz zugeht . Ich höre oft genug davon durch meinen Schwiegervater . Die gute Stadt R. muß nun einmal opponiren , das bringt die lange Gewohnheit so mit sich . Der neue Gouverneur ist die Liberalität und Menschenfreundlichkeit selbst ; sie finden eigentlich nichts an ihm auszusetzen und das gerade ärgert sie . “ „ Was man vermißt , “ sagte Georg , „ ist die mächtige Persönlichkeit Raven ’ s , die selbst den Feinden Bewunderung abzwang . Der jetzige Gouverneur ist redlich und wohlwollend , aber er ist durchaus keine hervorragende Natur und vielleicht nicht ganz einem so wichtigen und verantwortungsreichen Posten gewachsen . – Der Hofrath lebt also noch immer in R. ? Ich glaubte , er würde sich endlich zu einer Uebersiedelung zu seiner Tochter entschließen . “ „ Welche beleidigende Idee ! “ spottete Max . „ Mein Schwiegervater , der Inbegriff aller Loyalität , sollte einer schnöden Republik den Besitz seiner Person gönnen ? Er lebt und stirbt unter den Fittigen seines allergnädigsten Souverains . Hier würde sich übrigens das Zusammenleben des alten Herrn mit meinem Vater auf die Dauer doch sehr unerquicklich gestalten . Sie sind zu schroffe Gegensätze , um je mit einander auszukommen . “ Winterfeld warf einen Blick nach dem Hause zurück . „ Max , ich habe Deinen Vater doch recht gebeugt und gealtert gefunden . “ Max zuckte die Achseln . „ Er kann den Tod Raven ’ s nicht verwinden . Ich glaubte , die Zeit würde den Schmerz mildern – leere Hoffnung ! Als Arzt