Hier nun wallte wohl auch das Gefühl der Empörung in ihr auf ; allein noch mehr überwog die niederdrückende Überzeugung , daß sie mit all ihrem gerühmten Verstand , ihrer Gewandtheit und Energie dem Mann nicht gewachsen sei , der , einmal beleidigt , in souverän kühler Art und Weise ein zweites Mal nicht an sich herankommen ließ ... So war es zu ihrem eigenen Grimm ein namenloses , ein feiges Erschrecken , das sie bei seinem Erblicken sofort den Fuß wenden machte ; es war eine unbezwingliche Scheu vor seiner Stimme , seinem Blick , und Furcht vor sich selber , daß sie einmal seinem geschlossenen Wesen gegenüber die Selbstbeherrschung verlieren und eine abermalige Niederlage erleiden könne . In die Nähe des Säulenhauses kam er nicht . Er verließ den Schillingshof – auch zu Pferde – stets durch die Mauertür . Er hielt Wort – Fräulein von Riedt weilte ja nach wie vor als Besuch im oberen Stockwerk ; sie hielt die Zügel des Hauswesens und pflegte die Baronin , denn die war krank . Oft mehrmals tagsüber rannten Boten nach dem Arzt . Er kam meist mit unwilligem Gesicht und nichts weniger als beschleunigten Schrittes – dann hörte man durch die offenen Fenster seine ernst mahnende , strenge Stimme gegen das gellende Aufschreien der Kranken ankämpfen ... Manchmal mochte ihm auch die Vermittlerrolle aufgedrängt werden ; denn er ging nach dem Atelier , kehrte aber stets ohne Baron Schillings Begleitung zurück – zur heimlichen Freude der Dienstboten , die ja seit Jahren wußten , was für eine Bewandtnis es mit den Krampfanfällen der Gnädigen hatte . Inzwischen – und zwar am Tage nach Baron Schillings Zurückkunft – war auch ein Brief von Lucile an Donna Mercedes eingelaufen , ein Brief voller Schmähungen und Ungehörigkeiten , in welchem sie kurz und bündig abermals die sofortige Herausgabe ihrer kleinen Tochter verlangte . Die Antwort erfolgte umgehend und betonte ebenso fest und entschieden , daß das Kind in den Händen derer verbleibe , die zu seinem Schütze berufen seien – man werde es auf einen Prozeß ankommen lassen . Das reizende , kleine Geschöpf , um dessen Persönchen ein heftiger Kampf zu entbrennen drohte , tummelte sich indessen harmlos und fröhlich in Haus und Garten . Paula fragte wohl manchmal nach » Mama « , aber die gleichmäßige zärtliche Liebe und Fürsorge , die sie umgaben , ließen keine Sehnsucht aufkommen nach der kleinen Frau , die ihre Kinder oft mit stürmischen Liebkosungen fast erstickt hatte , um sie gleich darauf in übler Laune um irgend einer Geringfügigkeit willen erbost auszuschelten . Die schwarze Deborah wich Tag und Nacht nicht von ihrem » Goldkind « . So saß sie auch heute strickend auf ihrem schattigen Lieblingsplatz unter den Fichten , während Paula einen Puppenwagen über die sich kreuzenden Wiesenwege schob , die Deborah von ihrem Sitz aus vollkommen übersehen konnte . Es war ein schöner , stiller Morgen . Pirat , der sonst immer , zum Verdruß der Schwarzen , fast ohne Unterbrechung bellte , war in das Säulenhaus zu José gebracht worden ; im Atelier rührte und regte sich nichts – Baron Schilling war ausgeritten – es schwebte demnach eine fast feierliche Ruhe über dem Garten ; man hörte jeden fernen Vogelschrei , das Piepen und Gezwitscher in den zahllosen Nestern des Wäldchens , den flüsternden Hauch des Morgenwindes , der die langen Barte der Fichten leise schaukelte ... Manchmal wurden auch Menschentritte jenseits der Mauer laut , oder ein Wagen rollte schwerbeladen langsam und kreischend durch die öde Straße draußen . Einmal war es auch , als halte ein leichtes , rasch daherkommendes Gefährt vor der Türe – Deborah hörte das nur mit halbem Ohr ; sie hatte an ihrer Strickarbeit einen Fehler gemacht und war ärgerlich und vor Eifer schwitzend dabei , ihn zu verbessern . Darüber bemerkte sie nicht , daß die Mauertür leise zurückgeschoben wurde . Ein Frauenzimmer in rundem Hut und langem , dunklem Reisemantel huschte wie ein Schatten in den Garten , und eine andere , eine zarte , elegante Damengestalt , blieb auf der Schwelle der offenen Tür stehen und sah ihr mit verschleiertem Gesicht , in sichtlich gespannter Haltung nach . Hinter dieser Dame erschien ein schlanker junger Herr in glänzendem Zylinderhut und lavendelfarbenen Handschuhen ; er stand ehrerbietig um zwei Schritte zurück , lugte aber doch auch neugierig mit langem Halse über die Schulter der Dame in das Fichtendämmern hinein . Die Eingetretene warf einen scharfforschenden Blick um sich ; dann flog sie wie ein Stoßvogel , wenn auch völlig lautlos , über die nächste Rasenfläche , direkt auf die kleine Paula zu . In diesem Augenblick waren aber auch die entwischten Maschen gefangen und wieder auf die Stricknadel gereiht worden ; mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung sah die Schwarze empor und – ihre runden Augen wurden weit vor Erstaunen und Bestürzung . Eine Frau griff eben nach dem » Goldkind « , das , ihr den Rücken wendend , ahnungslos neben dem Korbwägelchen im Wege kauerte und emsig das Puppenbettzeug aufschüttelte – diese plötzlich wie hereingewehte Person aber war Minna , die Kammerjungfer der kleinen Frau . Sie hob das Kind blitzschnell vom Boden auf und sagte ihm etwas in das Ohr . » Ach ja – zu Mama ! « rief die Kleine und schlang die Ärmchen um den Hals der Kammerjungfer , die zu spät die Linke auf den jubelnden Kindermund legte . Mit einem wilden Aufschrei sprang Deborah empor , schleuderte das Strickzeug fort und stürzte sich mit weit ausgebreiteten Armen aufhaltend der in Sturmeseile nach dem Ausgang Strebenden entgegen . » Zu Hilfe , Jack ! Hilfe ! Sie wollen uns das Kind stehlen ! « schrie sie über den Garten hinweg . Die Kammerjungfer stieß mit der freien Linken kräftig nach ihr und suchte sie aus dem Weg zu schleudern ; zugleich packten Männerhände die Schwarze von rückwärts an den Schultern ; spitze , scharfe Fingernägel schlugen sich wie Raubtierkrallen in ihren nackten Arm