als wären sie etwas Lebendiges , etwas , das ihm gehörte ! Er schloß die vom grellen Licht geblendeten Augen . Wirbelnde Funken und Sterne und Kreise sah er . Sie schmolzen ineinander , verdichteten sich . Und dann war es , als ritte der steinerne Ritter vom Dom vor ihm her im leeren , im pechschwarzen Raume , weiß und leuchtend , - bis er kleiner und kleiner wurde - immer kleiner - ein gleitender Schwan - ein schwebender Vogel - zuletzt nur noch ein Stern - und im nachtdunklen Meer der Unendlichkeit versank . Es wetterleuchtete fern am Horizont . Aber in den abendlichen Straßen der Stadt brütete die Glut des Tages ; jede Mauer strömte die Hitze der Sonne aus , die sie stundenlang in sich gesogen hatte . Und wo Menschen in Gruppen beieinander standen , war es , als wäre eine unsichtbare Flamme mitten unter ihnen . Man sprach nicht viel - man lauschte mit gespannten Nerven - selbst im Rollen der Räder lag ein gedämpfter Ton . Da : - von fern her ein Ruf , unverständlich zunächst , dann deutlicher : » Österreich macht mobil ! « Und unten , am Ende der Straße , flutete es hervor mit schwarz-gelben Fähnchen , in festem Schritt , dem der Gesang den Rhythmus gab : » Gott erhalte Franz den Kaiser - « Konrad war bis zum Potsdamer Platz vorgedrungen , als der Zug sich näherte . Die Bogenlampen überströmten ihn jetzt mit ihrem weißen Licht : es war Jugend , lauter Jugend , rundbäckige Knabengesichter darunter , Jugend , durch die Wonne des Erlebens allein beseligt . Singend verlor sie sich wieder , rasch übertönt von entfesselten Stimmenfluten ringsum , die vom nächsten Café aus brausten und prasselten , sich selbst überstürzend . Konrad ging vorüber . » Nieder mit Serbien ! « klang es . » Hoch Österreich ! « vom nächsten Tisch , und die Bierseidel klapperten aneinander . » Expansionspolitik - « » Platz an der Sonne - « fing er weitere Gesprächsfetzen auf . Er eilte weiter ; in allen Nebenstraßen war es leer , - an den Ecken standen Dirnen und lachten ihm ins Gesicht - Bettler traten aus dunklen Türen . Sein Schritt wurde schneller . War er gekommen , um Gespenster von einst zu sehen ? Da und dort , wie die letzten Raketen eines Feuerwerks , stiegen noch abgerissene Klänge gen Himmel . Und der nächste Tag erwachte , noch leuchtender als der vorangegangene . Aber niemand in der Stadt hatte irgendeinen Sinn für seine blaue , glühende Sommerstille . Die Straßen , die Cafés waren von früh an überfüllt . Aber nicht mehr von jener Jugend , die sich in der Nacht zuvor an dem ersten großen Ereignis ihres Daseins berauscht hatte . Reife Männer waren es , die in aller Frühe von der Sorge von ihrem Lager getrieben worden waren , und mit übernächtigen Gesichtern überall beieinander standen , um ihre Ansichten und Befürchtungen über die politische Lage auszutauschen . Wenn sich auch die Hoffnungen vieler an die Friedensbemühungen des Kaisers knüpften , von denen die Presse erfüllt war , so schienen die meisten am Kriege kaum noch zu zweifeln . Krieg ! - Wer von der Generation der Gegenwart wußte noch etwas von ihm ? Der ängstlichen Gemüter bemächtigten sich fast mittelalterliche Vorstellungen . Besonders die Frauen schienen einen Zusammenbruch des gesamten wirtschaftlichen Lebens für möglich zu halten und suchten mit einer Aufregung , die oft an Paroxismus grenzte , Einkäufe für den Haushalt zu machen , als gelte es , sich für eine Belagerung vorzubereiten . Aber auch ruhige Männer wurden vom Fieber ergriffen . Krieg ! - Für die Generation des Friedens bedeutete dieses Wort ein dunkles Rätsel , erfüllt von tausend Schrecknissen . Konrad gehörte zu den Zuschauern dieses Schauspiels . Er fürchtete nichts . Er hoffte nur . Wie der Landmann angesichts der durstenden Felder den schwarzen Wolken hoffend entgegensieht , die sich drohend am Himmel ballen . Je höher die Sonne stieg , desto mehr schien sie die Luft zwischen den Häusern zu etwas greifbar Schwerem zusammenzupressen . Sie lastete förmlich auf den Köpfen und beengte den Atem . Die Schatten schrumpften verängstigt zusammen . Auch der Tiergarten , in den Konrad einbog - den alten Weg zu Walter Warburg ging er - , bot keine Kühle . Kein Luftzug regte sich . Jedes Blatt am Baum stand wie gebannt im blendenden Glast der Mittagshitze . » Ich suche den Arzt , wenn ich den Freund nicht finde , « sagte Konrad , als Warburg , den unerwarteten Patienten erkennend , mit rasch verhärtetem Gesichtsausdruck vor ihm zurücktrat . » Bitte , « erwiderte er kühl , ihn mit flüchtig einladender Handbewegung zum Sitzen nötigend . » Du weißt , « begann der Ankömmling , mit einem Blick voll Schmerz und Mitgefühl des Arztes durchfurchtes Antlitz streifend , » daß ich seinerzeit wegen eines Herzfehlers für dienstuntauglich erklärt wurde . Jeder , der was auf sich hielt , bereitete sich damals « - und er lächelte leise - » mittels einer durchschwärmten Nacht wirkungsvoll auf die Untersuchung vor . Jetzt « - mit einer energischen Gebärde richtete er den Oberkörper auf - » wünsche ich nichts mehr , als gesund zu sein und hoffe , deine Untersuchung wird das ergeben . « Warburg hielt den Blick hartnäckig gesenkt , keine Muskel in seinem Gesicht zuckte . Er kramte zwischen den Notizen auf seinem Schreibtisch und sagte dann geschäftsmäßig wie zu einem völlig Fremden : » Hier ist die Adresse eines Militärarztes , der für diese Frage allein in Betracht kommt . « Er umging sichtlich jede Anrede , um das » du « nicht aussprechen zu müssen . Konrad sprang auf , er atmete schwer , und die drohende Falte zwischen seinen Brauen strafte den freundlichen Ton , mit dem er sich zu sprechen zwang , Lügen . » Danke . Ich werde zu ihm gehen - nachher