der , je weiter wir vorrückten , immer höher und höher stieg und alle anderen Höhen , zwischen denen der Fluß sich hindurchzuwinden hatte , weit überragte . Schließlich lag ein Zelt oder ein Halbzelt an unserem Wege , bald wieder eins , hierauf wieder und wieder eins . Sie mehrten sich . Sie traten immer enger zusammen . Es sah ganz so aus , als ob wir durch die äußerste Gasse einer weit ausgedehnten Lagerstadt nach ihrem Mittelpunkte ritten . Vor diesen Zelten saßen Indianerinnen , die uns neugierig und mit ungewöhnlichem Interesse betrachteten . Man sah ihnen an , daß sie von unserm Kommen unterrichtet waren . Kinder gab es keine . Die hatte man nicht mit nach dem Mount Winnetou bringen dürfen . Auch Männer sahen wir nicht . Die waren uns schon voraus , um bei der Szene zugegen zu sein , die uns erwartete . Nun verbreiterte sich das Tal des Flusses sehr schnell , bis die Uferhöhen plötzlich derart nach beiden Seiten zurückwichen , daß wir die ganze vor uns liegende Hochebene mit einem einzigen Blicke zu überschauen vermochten . Der Eindruck , den das , was wir sahen , auf uns machte , war ein derartiger , daß wir wie mit einem gemeinsamen Rucke unsere Pferde und Maultiere anhielten . » Herrlich ! Herrlich ! « rief ich aus . » Mein Gott , wie schön , wie schön ! « sagte das Herzle . » Gibt es denn wirklich so etwas auf Erden ? « Und der alte Pappermann stimmte ein : » So eine Stelle habe ich freilich noch nicht gesehen , noch nie , noch nie ! « Man denke sich einen gigantischen , weit über tausend Meter aufsteigenden Riesendom , vor dem sich ein ebenso riesiger , freier Platz ausbreitet , der durch mehrere Stufenreihen in eine obere und eine untere Hälfte geschieden ist . Der Dom steht auf der westlichen Seite dieses Platzes und geht nach und nach in viele andere Türme über , die in perspektivischer Verjüngung im geheimnisvollen Blaugrau des Westens verschwinden . Auf den anderen drei Seiten ist der Platz von niedrigeren Bergen rundum derart eingefaßt , daß es nur eine einzige Lücke gibt , nämlich das Flußtal im Osten , durch welches wir heraufgekommen sind . Dieser Riesendom ist der Mount Winnetou . Sein Hauptturm steigt wie eine von den kühnsten Naturgewalten improvisierte Gotik hoch über die Wolken empor . Seine Zackenspitze besteht aus nacktem Gestein , welches aus weichen , grünschimmernden Mattendächern emporwächst . Zwischen diesen Zacken liegt weißglänzender Schnee , den unaufhörlich die Sonne küßt , bis er sich , in Liebe aufgelöst , aus Wasserstaub in Wasserstrahl verwandelt und dann von Stein zu Stein , von Schlucht zu Schlucht zur Tiefe springt . Da , wo der Turm sich zum eigentlichen Domgebäude weitet , sammeln sich diese Wasser und bilden mit den von den Nachbarbergen strömenden Bächen einen See , aus dem zu beiden Seiten je ein Wasserfall wohl über sechzig Meter schroff hinunterstürzt und dann , der eine nach Süden , der andere nach Norden fließt , um die Hochebene , also den freien Domplatz , zu umfassen und dann im Osten sich zu dem Klekih Toli-Flusse zu vereinen , an dem wir heut heraufgeritten sind . Unterhalb der grünen Matten hoch oben auf dem Riesenturme beginnt der erste lichte , dann aber immer dunkler und dichter werdende Wald , der den See geheimnisvoll umfaßt und dann am Dom herniedersteigt , bis er den freien Platz erreicht und hierauf , sich in Gebüsch verwandelnd , in die saftgrasige Prärie der Ebene übergeht . Dieser See heißt Nahtowapa-apu24 . Am östlichen Teil des dicht bewachsenen Domes liegt das Portal , ein breit geöffnetes Höhental , in welchem man zum hohen , langen First des eigentlichen Bergmassives und zu dem » See der Medizinen « steigt . Ueber diesem Portal erhebt sich der Nebenturm des Mount Winnetou , welcher zwar nicht so hoch und nicht so schwer wie der Hauptturm ist , aber z.B. in Tirol doch als eine Dolomitennadel allerersten Ranges gelten würde . Auch er ist dicht bewaldet . Aus dem dunkeln Grün der Tannen und Fichten steigen die helleren Hochgebirgswiesen empor . Auf halber Höhe steht ein altindianischer Wartturm , von dem aus man die ganze Ebene und die oberen Windungen des Flusses zu überschauen vermag . Und einige Fuß weiter herab weichen Berg und Wald zurück , um ein weit hervorragendes Plateau zu bilden , auf welchem , einer uneinnehmbaren Festung ähnlich , eine nach beiden Seiten lang ausgestreckte Reihe von Gebäuden steht , deren Alter ganz gewiß noch über die Tolteken- und Aztekenzeit zurückreicht und auf jene graue Vergangenheit deutet , deren Reste jetzt so außerordentlich selten sind . Da oben wohnt Tatellah-Satah , der » Bewahrer der großen Medizin « . Man geht durch den vorderen Teil des Tales und dann durch ein Seitental hinauf zu ihm . Doch ist es keinem Menschen gestattet , ohne seine besondere Erlaubnis diesen Weg zu betreten . Der Hauptturm des gigantischen Domes ist der eigentliche Mount Winnetou , der Nebenturm aber der » Berg der Medizinen « . Und dieser letztere ist es , von dem es heißt , daß der » junge Adler « dreimal um ihn fliegen werde , um dem roten Manne die verloren gegangenen Medizinen zurückzubringen . Die hochebene Prärie vor dem Mount Winnetou war so groß , daß ihr Durchmesser die Länge fast einer ganzen Reitstunde betrug . Sie war jetzt nicht leer , sondern mit Hütten und Zelten besetzt , welche in ihrer Gesamtheit eine ganze Stadt bildeten . Weil nun die eine Hälfte der Ebene höher lag als die andere , zerfiel diese Stadt in eine Ober- und eine Unterstadt . Dies nur der Lage nach . Ob auch in anderer Beziehung ein Unterschied zwischen beiden herrschte , war in der kurzen Zeit , die wir betrachtend auf sie hinblickten , nicht zu sehen . Die untere Stadt war dichter besetzt als