Wochen konnte er ja von Detmold aus auf ein paar Tage wieder nach Wien zurückkommen . Denn das würden die Leute dort gewiß einsehen , daß er seine Angelegenheiten hier in Ordnung bringen müßte . Aber vor allem wäre es notwendig , ihnen einen Beweis seines ernsten Willens zu geben . Und wenn er auf ihren Rat etwas halte , so gäbe es nur eins : noch heute abends abzureisen . Um sie brauche er keine Sorge zu hegen , sie fühlte , daß sie außer jeder Gefahr sei , ganz untrüglich fühle sie das . Natürlich werde er täglich Nachricht haben , zweimal , wenn er wollte , früh und abends . Er gab nicht gleich nach , kam nochmals darauf zurück , daß das Unerwartete dieser Trennung ihn geradezu niederdrücken würde . Sie erwiderte , daß ihr ein solcher rascher Abschied viel lieber sei , als die Aussicht auf weitere vier Wochen in Bangen , Rührung und Abschiedsangst . Und das wesentliche bleibe doch immer : daß es sich um nicht viel mehr handle als ein halbes Jahr . Dann hatte man wieder ein halbes für sich , und wenn alles gut ginge , so standen vielleicht nicht mehr viele solcher Trennungszeiten bevor . Nun fing er wieder an : » Und was wirst du in diesem halben Jahr tun , während ich fort bin ? Es ist doch ... « Sie unterbrach ihn : » Vorläufig wird es schon so weitergehen , wie es eben jahrelang gegangen ist . Aber ich hab heute früh über vielerlei nachgedacht . « » Die Gesangschule ? « » Auch das . Obzwar das natürlich nicht so leicht ist und nicht so einfach und überdies « , setzte sie mit ihrem verschmitzten Gesicht hinzu , » es wäre doch schade , wenn man sie gar zu bald wieder zusperren müßte . Aber über all das werden wir nachher reden . Jetzt geh einmal telegraphieren . « » Ja was ? « rief er so verzweifelt aus , daß sie lachen mußte . Dann sagte sie : » Sehr einfach . Werde morgen mittag die Ehre haben , mich in Ihrer Kanzlei einzufinden . Aller- , alleruntertänigst , oder ergebenst ... oder allerhochmütigst ... « Er sah sie an . Dann küßte er ihr die Hand und sagte : » Du bist entschieden die Gescheitere von uns zweien . « Sein Ton deutete an : auch die Kühlere , aber ein Blick von ihr , mild , zärtlich und etwas spöttisch , lehnte diesen Nebensinn ab . » Also in zehn Minuten bin ich wieder da . « Er verließ sie mit heiterer Stirn , trat ins Nebenzimmer und schloß die Türe . Gegenüber , hinter jener andern , jetzt fiel es ihm mit Macht wieder ein , lag sein totes Kind im Sarg ... denn das » Nötige « , wie gestern Doktor Stauber sich ausgedrückt hatte , war ja wohl schon besorgt worden . In einer wehen Sehnsucht krampfte sich sein Herz . Frau Golowski kam aus dem Vorzimmer . Sie trat auf ihn zu , sprach bewundernd von der Ergebenheit und der Gefaßtheit Annas . Georg hörte etwas zerstreut zu . Seine Blicke glitten immerfort über jene Türe hin , und endlich sagte er leise : » Ich möcht es doch noch einmal sehen . « Sie schaute ihn an , leicht erschrocken zuerst und dann mitleidig . » Schon zugenagelt ? « fragte er angstvoll . » Schon fortgeschafft « , erwiderte Frau Golowski langsam . » Fortgeschafft ? ! « Sein Gesicht verzerrte sich mit einmal so peinvoll , daß die alte Frau wie beruhigend die Hände auf seinen Arm legte . » Ich war in aller Früh die Anmeldung machen « , sagte sie , » und das andre ist dann sehr schnell gegangen . Vor einer Stunde hat man ' s abgeholt in die Totenkammer . « In die Totenkammer ... Georg erbebte . Und er schwieg lange , verstört , wie wenn er eine völlig unerwartete grauenhafte Neuigkeit erfahren hatte . Als er wieder zu sich kam , fühlte er noch immer die freundliche Hand Frau Golowskis auf seinem Arm und sah ihren Blick aus übernächtigen , gütigen Augen auf seinem Antlitz ruhen . » Also erledigt « , sagte er , mit einem empörten Blick nach oben , als wär ihm jetzt erst die letzte Hoffnung tückisch geraubt . Dann reichte er Frau Golowski die Hand . » Und Sie haben alles das auf sich genommen , liebe gnädige Frau ... Wahrhaftig ich weiß nicht ... wie ich Ihnen das je ... « Eine Bewegung der alten Frau wehrte jeden weitern Dank ab . Georg verließ das Haus , warf auf den kleinen , blauen Engel , der wie ängstlich zu den verblühten Beeten niederschaute , einen verächtlichen Blick und trat auf die Straße . Auf dem Weg zum Amt überlegte er angestrengt die Fassung des Telegramms , das seine Ankunft in dem Ort des neuen Berufs und der neuen Verheißung ankündigen sollte . Neuntes Kapitel Der alte Doktor Stauber und sein Sohn saßen beim schwarzen Kaffee . Der Alte hielt ein Zeitungsblatt in der Hand und schien darin etwas zu suchen . » Der Termin für den Prozeß « , sagte er , » ist noch nicht festgesetzt . « » So « , erwiderte Berthold , » Leo Golowski glaubt , daß er Mitte November , also in etwa drei Wochen stattfinden wird . Therese hat ihren Bruder nämlich vor ein paar Tagen in der Haft besucht . Er soll vollkommen ruhig sein , geradezu gut aufgelegt . « » Nun wer weiß , vielleicht wird er freigesprochen « , sagte der Alte . » Das ist recht unwahrscheinlich , Vater . Er muß eher froh sein , daß er nicht wegen gemeinen Mords unter Anklage gestellt worden ist . Der Versuch dazu ist ja für alle Fälle gemacht worden . « » Das kann man doch keinen ernsthaften Versuch nennen