war von den durchgemachten Ereignissen so gedrückt , daß ich durchaus mit keinem fremden Menschen Umgang haben wollte Friedrich respektierte meine Trauer und versuchte gar nicht , das banale Mittel » Zerstreuung « dagegen vorzuschlagen . Ich war es den Grumitzer Gräbern schuldig - das sah mein zartfühlender Gatte wohl ein - ihnen eine Zeit lang in aller Stille nachzuweinen . Die der schönen Welt so rasch und grausam Entrissenen sollten nicht auch noch der Erinnerungsstätte , die sie in meinem trauernden Herzen hatten , ebenso rasch und kalt beraubt werden . Friedrich selber ging oft in die Stadt , um dort den Zweck seines hiesigen Aufenthaltes , das Studium der Rote-Kreuz-Frage zu betreiben . Von den Ergebnissen dieses Studiums habe ich keine klare Erinnerung mehr ; ich führte damals kein Tagebuch , und so ist mir meist wieder entfallen , was mir Friedrich von seinen betreffenden Erfahrungen mitteilte . Nur eines Eindruckes erinnere ich mich deutlich , den mir die ganze Umgebung machte : die Ruhe , die Unbefangenheit , die heitere Geschäftigkeit aller Leute , die ich zufällig sah - als lebte man mitten in friedlichster , gemütlichster Zeit . Fast nirgends ein Echo von dem stattgehabten Krieg , höchstens in anekdotischem Tone , wie wenn derselbe ein interessantes Ereignis mehr abgegeben hätte - weiter nichts - das neben dem übrigen Europaklatsch vorteilhaft Gesprächsstoff lieferte ; - als hätte das grausige Kanonendonnern auf den böhmischen Schlachtfeldern nichts Tragischeres an sich , als eine neue Wagnersche Oper . Das Ding gehörte nunmehr der Geschichte an , hatte einige Landkarten-Umänderungen zur Folge - aber dessen Schauerlichkeit war aus dem Bewußtsein geschwunden - in das der Unbeteiligte vielleicht niemals gedrungen ... vergessen , verschmerzt , verwischt . Ebenso die Zeitungen - ich las zumeist französische Blätter : - alles Interesse auf die für 1867 sich vorbereitende pariser Weltausstellung , auf die Hoffeste in Compiègne , auf litterarische Persönlichkeiten ( es tauchten ein paar neue vielbestrittene Talente auf : Flaubert , Zola ) , auf Theaterereignisse : eine neue Oper von Gounod - eine von Offenbach der Hortense Schneider zugedachte Glanzrolle u. dgl. gerichtet . Das kleine pikante Duell , welches die Preußen und Österreicher là-bas en Bohème ausgefochten , das war schon eine etwas verjährte Angelegenheit ... O , was drei Monate zurückliegt oder dreißig Meilen entfernt ist , was nicht im Bereich des Jetzt und des Hier sich abspielt , dort reichen die kurzen Fühlhörnchen des menschlichen Herzens und des menschlichen Gedächtnisses nicht hin . Gegen Mitte Oktober verließen wir die Schweiz . Wir begaben uns nach Wien zurück , wo die Abwickelung der Verlassenschaftsangelegenheiten meine Anwesenheit erheischte . Nach Erledigung dieser Geschäfte beabsichtigten wir , uns auf längere Zeit in Paris niederzulassen . Friedrich führte im Sinn , der Idee der Friedensliga nach Kräften die Wege zu ebnen , und er war der Ansicht , daß die bevorstehende Weltausstellung die beste Gelegenheit biete , einen Kongreß der Friedensfreunde zu veranstalten ; auch hielt er Paris für den geeignetsten Ort , eine internationale Sache wirksam zu vertreten . » Das Kriegshandwerk habe ich niedergelegt , « sagte er , » und zwar habe ich das aus einer im Kriege selber gewonnenen Überzeugung gethan . Für diese Überzeugung nun will ich wirken . Ich trete in den Dienst der Friedensarmee . Freilich noch ein ganz kleines Heer , dessen Streiter keine andere Wehr und Waffen haben , als den Rechtsgedanken und die Menschenliebe . Doch Alles , was in der Folge groß geworden , hat klein und unscheinbar begonnen . » Ach , « seufzte ich dagegen , » es ist ein hoffnungsloses Beginnen . Was willst Du - Einzelner - erreichen , gegen jenes mächtige , jahrtausendalte , von Millionen Menschen verteidigte Bollwerk ? « » Erreichen ? Ich ? ... Wahrlich , so unvernünftig bin ich nicht , zu hoffen , daß ich persönlich eine Umgestaltung herbeiführen werde . Ich sagte ja nur , daß ich in die Reihen der Friedensarmee eintreten wolle . Habe ich etwa , als ich beim Kriegsheer stand , gehofft , daß ich das Vaterland retten , daß ich eine Provinz erobern würde ? Nein , der Einzelne kann nur dienen , Mehr noch : er muß dienen . Wer von einer Sache durchglüht ist , der kann nicht anders , als für sie wirken , als für sie sein Leben einsetzen - wenn er auch weiß , wie wenig dieses Leben an und für sich zum Siege beitragen kann . Er dient , weil er muß : nicht nur der Staat - auch die eigene Überzeugung , wenn sie begeistert ist , legt eine Wehrpflicht auf . « » Du hast recht . Und wenn endlich Millionen Begeisterter dieser Wehrpflicht genügen , dann muß jenes von seinen Verteidigern verlassene , jahrtausendalte Bollwerk auch zusammenfallen . « Von Wien aus machte ich eine Pilgerfahrt nach Grumitz - dessen Herrin ich nun geworden . Doch ich betrat gar nicht das Schloß . Nur auf dem Friedhof legte ich vier Kränze nieder und fuhr wieder zurück . Nachdem meine wichtigsten Geschäfte geordnet waren , schlug Friedrich eine kleine Reise nach Berlin vor , um der beklagenswerten Tante Kornelie einen Besuch zu machen . Ich willigte ein . Für die Dauer unserer Abwesenheit übergab ich meinen kleinen Sohn der Aufsicht Tante Mariens . Letztere war durch die Ereignisse der Grumitzer Cholerawoche unbeschreiblich niedergedrückt . Ihre ganze Liebe , ihr ganzes Lebensinteresse übertrug sie jetzt auf meinen kleinen Rudolf . Ich hoffte auch , daß es sie ein wenig zerstreuen und aufrichten werde , das Kind eine Zeit lang bei sich zu haben . Am 1. November verließen wir Wien . In Prag unterbrachen wir unsere Reise , um zu übernachten . Tags darauf , statt die Reise nach Berlin fortzusetzen , machten wir eine neue Pilgerfahrt . » Allerseelentag ! « sagte ich , als mein Blick auf das Datum eines mit dem Frühstück in unser Hotelzimmer gebrachten Zeitungsblattes fiel . » Allerseelen « - wiederholte Friedrich