lenkt das Schiff mit festem Maß , bis sich der Sturm gebrochen . « Allein in solchen Erwägungen tröstete den jungen Dichter immer wieder sein Schicksalsglaube , der durch Geschichtsbetrachtung und eigene Lebensschicksale in ihm eingewurzelt und gereift war . Was sein soll , soll sein ; man wird ja sehn . Wer groß ist , wird nicht klein , ob auch alle Welt ihn klein machen möchte . Wer klein ist , wird nicht groß , ob er auch aller Welt seine Größe aufschwätzt . Nicht der Erfolg , sondern das Urtheil der Nachwelt entscheidet . Außerdem - im Grunde wird doch Jedem , was ihm gebührt . Ausnahmen bestätigen die Regel . Man denkt wohl : Wieviel Cromwells als Landbebauer , wieviel Shakespeares als Dorffiedler , wieviel Moltkes als zur Disposition gestellte Majore , wieviel Rafaels als Zeichenlehrer enden - aber hat man je dafür einen strikten Beweis erbracht ? Wie ließe sich das beweisen ? - Die Wahrscheinlichkeitsberechnung ergiebt freilich , daß meist nur das Mittelmäßige und das sehr Gute in der Welt leicht Erfolg haben kann , das Gute viel schwerer . Jedoch , auch dagegen ließe sich viel einwenden . - Ist ein sogenanntes » Genie « liederlich und faul und kommt daher nicht zur Entwickelung , so ist es auch kein wahres Genie . Ein faules Genie ist in sich ein Unding . Und die äußeren Hindernisse ? So manche Erfahrung lehrt ( man sah es noch zuletzt an Bismarck und an Richard Wagner ) , daß eine höhere Führung , woher auch immer sie stamme , die Erkorenen aus Drangsal , Noth und Niedrigkeit siegreich zu den Höhen der Macht und des Ruhmes emporführt . Es giebt ein Schicksal . Ihm soll man sich demüthig anvertrauen , es wirds wohl machen . » Betet und schüttet frisch Pulver auf die Pfanne , « » dem Tapfern hilft das Glück « - diese Sätze sind nicht nüchtern und skeptisch aufzufassen . Die » Virtus « ( nannten die Alten doch » Tugend « und » Muth « so richtig mit dem gleichen Namen ) und die » Fortuna « bedingen einander innerlich . Gott läßt den Braven nicht sinken . Schlummert unter den Lumpen eines Bettlers , eines Derwisch , ein geborenes Herrschergenie - so wird Allah dies zum Padischah machen , auf die ein oder die andere Art. Jeder erreicht seine volle Bestimmung , ob so oder so . Wozu also der eitle Größenwahn ! Größe ist Größe und bedarf keines anderen Freundes und keiner Ermunterung - denn das Schicksal steht ihm zur Seite . » Ich habe so viel von Ihnen gehört und will mich min an die Lectüre Ihrer Werke machen , damit ich ein ehrliches unabhängiges Urtheil gewinne ! « hob Krastinik plötzlich an . Beide kamen an einem Tingeltangel-Keller vorbei . Aus der Tiefe tönte der Refrain des schönen Blödsinn-Hymnus : » Constantin - Constantin - Constantino - pel « und das nicht minder herrliche Lied : » Mach ' mir nur keine Wippchen vor , Wippchen vor - ! « Leonhart lachte leise . Es war ein stoßweises häßliches » Hähä ! « , in dem man den ganzen Stachel einer verbitterten Seele spürte , die einst unter den Stacheln der Welt geblutet . Oft lag in seinen leichten höflichen Worten ein ätzender Hohn , der gleichsam spielend traf . » Mach ' mir nur keine Wippchen vor ! « summte er halblaut vor sich hin . Krastinik verstand . » Sie mißtrauischer Mensch Sie ! Ich wiederhole Ihnen , ich will mir doch selbst ein Urtheil bilden . Welches Ihrer Werke empfehlen . Sie mir zur ersten Lectüre ? « » Alle ! « erwiderte Jener lakonisch . » Alle ? Das ist etwas viel . « » Bedaure . Meine Werke bilden in sich ein System , ein zusammenhängendes Gebäude . Lassen Sie eins aus , haben Sie nicht mehr den ganzen Dichter . « Krastinik schwieg einen Augenblick . » Bien , werde Ihren Rath befolgen . - Nun sagen Sie mir aber mal offen : Was halten Sie von der litterarischen Gesellschaft Berlins ? « Leonhart antwortete nicht . » Ah , hier sind wir vor Ihrem Logis , Herr Graf , « sagte er ausweichend . » Gute Nacht . « » Oho , so entkommen Sie mir nicht . Was halten Sie z.B. von Dr. Adolf Kratzenthal ? « » Hm ! « » Und von Herrn voll Schnapphahnitzkoi und von Doctor Gotthold Ephraim Wurmb ? « » Sie meinen kurzum , von der ganzen Blüthe unsrer Journalistik und Geschäftsfabrikantenlitteratur ? « Leonhart drückte dem Grafen die Hand zum Abschied und entfernte sich eilig mit großen Schritten , nachdem er das eine bedeutungsvolle Wörtchen geflüstert : » Dreck ! « » Hochverehrter Meister , Gestatten Sie , daß ich Sie so anrede ! Ich bin noch ganz außer mir ! Gestern Abend habe ich die Lectüre Ihrer sämmtlichen Werke geschlossen und bin noch weg und paff davon ! Ich wollte Ihnen nicht eher schreiben , bis ich Alles verdaut hatte . Ja , alles ! Sofort , am andern Morgen nach unserm Gespräch , machte ich mich zum nächsten Sortimenter auf ( nicht zur Leihbibliothek ) und kaufte ( - wird man mir als dem letzten bücherkaufenden Deutschen nicht eine Bildsäule setzen ? - ) Ihre Bücher en bloc . Ueber Schwächen und Mängel im Einzelnen läßt sich ja rechten . Der Gesammteindruck aber ist der : An Größe der Anschauung , an allgemeiner Productionskraft stehn Sie ohne Gleichen unter den Lebenden da . Sollte ich denn wirklich der Erste sein , der das entdeckt und der das ausspricht ? Sollte es möglich sein , daß alle Welt mit Blindheit geschlagen ist , das nicht zu sehen , was doch so klar vor Augen liegt ? Wahrlich , ich werde irre an der Welt oder an mir selbst ! Helfen Sie mir , dies Dilemma enträthseln ! Bis dahin aber seien Sie