ausgeschlossen zu sein und alles zu übersehen . Achtzehntes Kapitel Judith Die barmherzigen Brüder waren durch die Politik wieder rüstig und munter geworden und hatten die Flaschen neu füllen lassen , obgleich Mitternacht lange vorüber , als Judith plötzlich aufbrach und sagte : » Frauen und junge Knaben gehören nun nach Hause ! Wollt Ihr nicht mitkommen , Vetter , da wir den gleichen Weg haben ? « Ich sagte ja , doch müßte ich erst nach meinen Verwandten sehen , welche wahrscheinlich auch mitkommen würden . » Die werden wohl schon fort sein « , erwiderte sie , » denn es ist spät ; wenn ich nicht darauf gerechnet hätte , daß ich mit Euch gehen könnte , so wäre ich auch längst fort . « - » Oho ! « riefen die Zecher , » als ob wir nicht auch da wären ! Wir alle begleiten Euch ! Das soll nicht gesagt sein , daß die Judith nicht Begleiter zur Auswahl habe ! « Sie erhoben sich und sorgten , noch den frischen Wein unterzubringen , während Judith mir winkte und , auf dem Flur angekommen , sagte : » Diese vier Heiden wollen wir schön anführen ! « Auf der Straße sah ich , daß der Saal , wo meine Vettern und Basen sich aufgehalten , schon dunkel war , und mehrere Leute bestätigten ihre Heimkehr . So mußte ich der Judith folgen , als sie mich durch ein dunkles Seitengäßchen ins Freie und durch einige Feldwege auf die Landstraße führte , daß wir einen Vorsprung gewannen und die vier Männer hinter uns rufen hörten . Indem wir eilend weiterschritten , gingen wir um einige Spannen entfernt nebeneinander her ; ich hielt mich spröde zurück , während mein Ohr keinen Ton ihres festen und doch leichten Schrittes verlor und begierig das leise Rauschen ihres Kleides vernahm . Die Nacht war dunkel , aber das Frauenhafte , Sichere und die Fülle ihres Wesens wirkte aus allen Umrissen ihrer Gestalt wie berauschend auf mich , daß ich alle Augenblicke hinüberschielen mußte , gleich einem angstvollen Wanderer , dem ein Feldgespenst zur Seite geht . Und wie der Wanderer mitten in seiner Angst sein christliches Bewußtsein wachruft zum Schutze gegen den unheimlichen Begleiter , trug ich während des verlockenden Ganges einen geistlichen Hochmut der Sprödigkeit und der Unfehlbarkeit in mir . Judith sprach von den Männern und lachte über sie , erzählte mir unbefangen die Dummheiten , die der eine ihr gemacht , und fragte mich , ob Luna nicht eine alte Mondgöttin wäre ? Wenigstens habe sie das immer vermutet , wenn sie jenes Lied in einem Buche gelesen ; es habe auch gut für den Schlingel gepaßt . Dann fragte sie mich plötzlich , warum ich so stolz geworden sei und sie so lange nie mehr angesehen , viel weniger besucht habe ? Ich wollte mich damit entschuldigen , daß sie keinen Verkehr mit dem Hause meines Oheims pflege und ich daher schicklicherweise auch nicht veranlaßt sei , sie zu sehen . » Ach was ! « sagte sie , » Ihr seid ja ebensogut mein Vetter und könnt mich von Rechts wegen wohl heimsuchen , wenn Ihr wollt ! Damals , wo Ihr so jung gewesen , habt Ihr mich so gern gehabt , und Ihr seid mir immer ein wenig lieb ; aber jetzt habt Ihr ein Schätzchen , in welches Ihr verliebt seid , und meint , keine andere Frau mehr ansehen zu dürfen ! « » Ich ein Schätzchen ? « erwiderte ich , und als sie diese Behauptung wiederholte und Anna nannte , leugnete ich die Sache auf das bestimmteste . Wir waren unversehens beim Dorfe angekommen , in welchem noch viele Stimmen laut wurden und die jungen Leute über die Gasse gingen ; Judith wünschte ihnen aus dem Wege zu gehen , und obgleich ich nun füglich meine Straße hätte ziehen können , leistete ich doch keinen Widerstand und folgte ihr unwillkürlich , als sie mich bei der Hand nahm und zwischen Hecken und Mauern durch ein dunkles Wirrsal führte , um ungesehen in ihr Haus zu gelangen . Sie hatte ihre Äcker verkauft und nur einen schönen Baumgarten nächst dem Hause behalten , in welchem sie ganz allein wohnte . Der genossene Wein erhöhte die Aufregung , in welcher ich mich befand , wie wir so durch die engen Wege hinschlüpften , und als , bei dem Hause angekommen , Judith sagte : » Kommt herein , ich will noch einen Kaffee kochen ! « und ich hineinging und sie die Haustüre fest hinter uns verriegelte , da klopfte mir das Herz mit ungewisser Furcht , während ich mich übermütig des Abenteuers freute und mich vermaß , dasselbe zu meiner Ehre , aber verwegen zu bestehen . An Anna dachte ich gar nicht , mein wallendes Blut verfinsterte ihr Bild und ließ nur den Stern meiner Eitelkeit durchschimmern ; denn , genau erwogen , wollte ich nur um meiner selbst willen meine Standhaftigkeit erproben . Doch darf ich mir gestehen , daß es im Grunde eine Art romantischen Pflichtgefühls war , welches mich antrieb , keiner merkwürdigen Erfahrung auszuweichen . Auch verlor sich die unheimliche Aufregung , sobald Judith Licht angezündet und ein helles Feuer entflammt hatte . Ich saß auf dem Herde und plauderte ganz vergnüglich mit ihr , und indem ich fortwährend in ihr vom Feuer beglänztes Gesicht sah , glaubte ich stolz mit der Gefahr spielen zu können und träumte mich in die Lage der Dinge zurück , wie ich vor zwei Jahren noch ihr Haar auf- und zugeflochten hatte . Während der Kaffee singend kochte , ging sie in die Stube , um ihr Halstuch abzulegen und ihr Sonntagskleid auszuziehen , und kam im weißen Untergewande zurück , mit bloßen Armen , und aus der schneeweißen Leinwand enthüllten sich mit blendender Schönheit ihre Schultern . Sogleich ward ich wieder verwirrt , und erst allmählich , indem ich unverwandt sie anschaute , entwirrte sich mein flimmernder Blick an