der Ostwind seine Melodie dazu . » Warum steht die Saita Jubinals nicht hier oben ? « dachte er . » Kann es denn eine noch schönere Stelle geben ? « Er sah sich um . Kein Baum , kein Strauch , keine Spur des Lebens , und doch war es ein großartiger , erhebender Eindruck . Langsam wanderte er durch das Schiff dieser natürlichen Kirche , an deren entgegengesetzter Seite ein Wasserfall mit donnerähnlichem Tosen zwischen die zerklüfteten Felsen hinabstürzte . Schäumend , Silbertropfen spritzend und ringsumher alles mit feinem Gischt bestäubend , stürzte das Wasser auf das Gestein herab . Spitze Zacken ragten daraus hervor , aber kein Zeichen verriet , wo sich ein Abzugskanal aus diesem Felsental befand . Robert blickte staunend hinab . Wo blieben diese schäumenden Wassermassen ? - - Da sah er eine kleine weiße Möwe mit grauem , perlartigem Federmantel , wie sie kreischend von oben herab in den Felsspalt mehr taumelte als flog . Die ausgebreiteten Flügel glänzten von schimmernden , unzähligen Wassertropfen , die roten Füßchen suchten auf dem feuchten Gestein vergeblich Halt , und das Köpfchen duckte sich , wie vor einer drohenden Gefahr . Im gleichen Augenblick erkannte Robert auch den Räuber , der das kleine , scheue Tierchen verfolgte . Ein riesiger Seeadler schoß herab , an der Möwe vorüber und fast in das Wasser hinein . Er hielt sich mit den scharfen Fängen auf einer vorspringenden Klippe und schien eine Weile außer Fassung , weil er sein Opfer in blinder Eile verfehlt hatte . Die Möwe schwebte hoch in der Luft , ehe sie ihr Verfolger erreichen konnte . Alle Jagdlust erwachte in Robert , als er den Adler so nahe bei seinem eigenen Versteck auf den Klippen sitzen sah . Es war ein besonders großes , sehr schönes Tier , dessen stolze Haltung und feuriges Auge ihm ein wahrhaft vornehmes , königliches Aussehen gaben . Es saß auf der vorspringenden Klippe und bog den schlanken Hals der entfliehenden Möwe nach , dann breitete es die Flügel aus , um sich wieder in die Luft zu erheben . Robert hielt den Atem an . Über zwei Meter mochtes das Tier messen , wenn man die äußerste Flügelspannweite rechnete , - wie ein Riesenbildwerk , unbeweglich wie die Klippen ringsumher , saß es auf der schmalen Felszacke . Die Wassertropfen schleuderten spielend einen Perlenregen über das braune Gefieder herab , zornig blickte das Auge der entkommenen Möwe nach . Robert hob das Gewehr . Sollte er abdrücken ? Fast war es Mord . Das Fleisch des Adlers konnte nicht gegessen werden , - sein Leben in der endlosen Steinwüste schadete niemand . Mit welchem Recht durfte er das Tier töten ? Da erhob sich der Adler , um den Flug durch die Lüfte fortzusetzen . Robert besann sich nicht länger , - es lockte ihn zu unwiderstehlich . Der Schuß krachte mit zehnfachem Echo , der Pulverdampf schwebte über der Kluft , und neugierig sah der junge Schütze hinab . Die Klippe war leer . Er trat bis an den äußersten Rand und beugte sich vor , um besser in den sprudelnden Gischt hinabschauen zu können . An den unteren Zacken und Klippen mußte ja das getroffene Tier hängen geblieben sein , da es auf der kreisenden , schaumbedeckten Oberfläche nicht zu erkennen war . Wenigstens einige Federn , einige Blutspuren mußte er finden . Aber so sehr er seine Augen auch anstrengte , zwischen jede Klippe blickte und zehnmal die ganze Umgebung musternd überflog , - es zeigte sich nichts . Dort wo das Wasser blieb , war auch der Vogel verschwunden , auf geheimnisvolle , unerklärliche Weise , ohne eine Spur in der zerklüfteten , verwitterten Umgebung zurückzulassen . Robert sah kopfschüttelnd an der andern Seite des Berges hinab . Er stand in einer Höhe von beinahe hundert Metern über dem Talkessel , der in den Sumpf ausmündete . Vielleicht ließ sich also auf halbem Wege , in der Mitte oder am Fuße des Berges , diesem seltsamen , wie ein mitternächtlicher Spuk verschwindenden Wasserfall noch weiter nachforschen . Gedacht , getan ; vorsichtig kletternd suchte er einen Pfad an der ziemlich steil abfallenden Gebirgswand , deren vielfache Vorsprünge , Ecken nnd Plattformen seinen Füßen als Stützpunkte dienten . Schritt für Schritt hinabsteigend , sah er immer nach unten , nie aber zur Seite seines Weges , und auf diese Weise verlor er die eingeschlagene Richtung vollständig aus den Augen . Hinter ihm , vor ihm , rechts und links türmte sich das Gebirge , überall führten stufenartige Abhänge in die Tiefe , mehr und mehr verloren die Sonnenstrahlen an Licht und Wärme , und die Kälte wurde immer durchdringender . Robert merkte nichts davon . Seine Tollkühnheit riß ihn weiter . Er wollte den erlegten Adler wiederfinden , wollte wissen , wohin das unterirdische Wasser gelangte und wie tief hinab ihn dieser Weg führen werde , daher kletterte er rüstig weiter , immer im Glauben , daß es leicht sein müsse , wieder hinaufzusteigen , wenn er Lust habe . Das ging ja von Stufe zu Stufe , bequem wie eine Treppe und bestimmt tausendmal besser , als in den schaukelnden Wanten eines Schiffes . Tiefer , immer tiefer kletterte er hinab . Dämmerung umgab ihn , der Wind schwieg ganz , die Luft war kalt wie Eis . Und jetzt stand er auf festem Boden . Vor ihm wölbte sich eine enge , finstere Halle , von steinernen Bogen überdacht , unter denen ein schmaler Weg hindurchführte . Während das Innere dieser Felsenhöhle fast nächtlich dunkel erschien , zeigte an ihrem äußersten Ende ein Lichtschimmer , daß dort die Sonne ungehindert von oben eindringen konnte . Robert hielt das wieder geladene Gewehr schußbereit in der Hand und drang mutig vor . Die Grotte besaß nur geringe Ausdehnung . Schon nach zehn bis zwölf Schritten erweiterte sie sich bedeutend , das Tageslicht fiel voll herein , und eine Art scharfkantiger Brüstung erhob sich unmittelbar vor