thatkräftigen , fleißigen Mann aber das reine erquickende Element , aus dem er sich immerfort neue Kraft und neuen Muth saugen muß ! Für den Arbeiter ( und das ist am Ende jeder Mann , er mag Ministerpräsident oder des Ministerpräsidenten Schuster sein ) ist , wie Virgil es so schön ausdrückt : die Nacht der Preis des Tages . Und dazu kommt noch dies . Der Mann ist für Zärtlichkeit viel dankbarer als die Frau . Eine Frau , besonders wenn sie schön ist , wird von Jugend auf mit Aufmerksamkeit überhäuft ; wohin sie kommt , sind hundert Hände bereit , ihr zu dienen ; stets hat sie einen Hof von Schmeichlern und Bewunderern um sich her . Ist es nicht natürlich , daß ihr , wie den übrigen Großen der Erde , der Kopf verdreht wird ? daß ihr die Huldigung des Einzelnen nicht mehr so viel sein kann ? daß die Liebe in Folge des zu reichlichen Angebots bei ihr sinkt ? - Und nun der Mann ! Wenn er nicht ausnahmsweise ein Prinz ist , wird im Leben stets so kurzer Proceß mit ihm gemacht ! Auf der Schule , auf der Universität hat er wohl , wenn das Glück ihm günstig ist , sogenannte Freunde , die ihm das Dasein einigermaßen verschönern ; aber kaum ist er in das praktische Leben eingetreten , ist auch die Freundesschaar plötzlich , und zwar für immer , zerstoben und er steht allein , muß allein allen Schmerz , alle Noth und - was beinahe eben so schlimm ist , - alle Freude tragen . Die Gesellschaft erschließt sich ihm ; aber wann ? nachdem er Erfolge gehabt hat ; und bis dahin ? bis dahin ist ein langer , staubiger , schattenloser , entsetzlicher Weg , der ihm den besten Theil seiner Lebenskraft und Lebensfreude unwiederbringlich raubt . Hat er aber Erfolg gehabt , so wird er , wenn er vorher mit Geißeln gepeitscht war , jetzt mit Skorpionen gezüchtigt . Selbst sein Freunde werden jetzt seine Nebenbuhler ; und er sieht sich , einzig auf sich , auf seine Kraft , auf seinen Muth angewiesen , gegenüber einer Welt in Waffen , einer mitleidslosen , neidischen , schadenfrohen , im besten Falle gleichgiltigen Welt . Und o ! der Seligkeit , wenn nun hier , in diesem wüsten Gedränge , eine warme , weiche Hand seine Hand treulich faßt und eine liebe Stimme zu ihm spricht : Sei stark ! harre aus ! wenn Alles Dich verläßt , ich will Dich nicht verlassen ; wenn Andere Dir Deine Triumphe neiden , mich werden sie selig machen , und wenn Dir Dein Werk mißlingt und sie Dich verspotten und verhöhnen , oder es Dir wohl gelungen ist , sie aber gleichgiltig und kalt daran vorübergehen - dann sollst Du Dein müdes Haupt an diese Brust lehnen , dann will ich Dir die fiebernden Schläfen mit meinen Küssen kühlen , dann will ich Dir den köstlichen Balsam guter , theilnehmender , tröstender Worte träufeln in Dein armes , zerrissenes Herz ! - O , dreimal glückseliger Mann ! jetzt laß die Welt ihr Aergstes thun , Du zitterst nicht , Du zagst nicht ! In Deines Weibes Liebe hast Du den Punkt des Archimedes , auf den Dich stützend , Du die Welt aus den Angeln hebst . Und so habe ich denn in meinem Leben mehr als einen Mann kennen gelernt , der mit einer Liebe , die schlechterdings grenzenlos war , die mit dem stetigen Glanz des Nordsterns unerlöschlich , unwandelbar durch die Nacht seines Lebens brannte , an dem Weibe seiner Wahl hing ; und ganz gewiß , wo wir in der Geschichte einen Arnold Winkelried finden , der todesmuthig der Freiheit eine Gasse brach , der that es um der Freiheit willen ? ja ! um des Vaterlandes willen ? ja ! aber vor allem that er es für Weib und Kind , die ihm der Auszug und die Quintessenz von Welt und Leben waren . Melitta ließ das Buch in den Schooß sinken , und schaute sinnend vor sich nieder ; dann legte sie es nieder auf den Tisch , und trat an das Fenster . Es war beinahe dunkel geworden , und statt der einzelnen Flocken von vorhin fiel der Schnee jetzt ziemlich dicht herab , zerschmolz auch nicht mehr an der Erde , sondern hatte bereits eine dünne weiße Decke über den Rasenplatz gebreitet . -Melitta fing an , sich über das lange Ausbleiben ihres Julius ernstlich zu bekümmern . Sie machte sich Vorwürfe , daß sie den Knaben noch so spät hatte fortreiten lassen . Und auch Oldenburg kam nicht . Wenn er hier wäre , würde sie ihn bitten , den Beiden entgegenzureiten . Wie gern würde er ' s thun . Sie ging voll Sorge in das Speisezimmer , rechts neben dem Gartensaal , von dessen Fenstern man eine kurze Strecke weit auf den Weg , der in den Wald über Grenwitz nach Cona führt , sehen konnte . Der Schnee fiel jetzt so dicht , daß man kaum noch den Waldrand hoher düsterer Tannen erblickte , obgleich er nur einige hundert Schritte entfernt war . Sie öffnete das Fenster und lehnte sich , der Flocken nicht achtend , die auf ihr dunkles Haar wehten und auf ihrer Stirn zerflossen , weit hinaus . - War das nicht Hufschlag ? - Da kommen sie aus dem Walde , ein , zwei , drei dunkle Gestalten : Oldenburg , der Alte und zwischen ihnen Julius ; Almansor und Brownlock im Trabe , der Pony in der Mitte , um nur mitkommen zu können , im vollen Lauf . Melitta weht mit dem Taschentuch und ruft , und Julius antwortet mit seinem lustigen Halloh ! und schlägt den Pony mit der Gerte über den Hals , worauf der Pony unwillig den krausen Kopf schüttelt und in eine so wüthende Carriere fällt , daß er seine langbeinigen Nebenbuhler schließlich doch noch