jedes Große in sich aufzunehmen und wieder zu geben , so wie ihre eigenen Hervorbringungen , zu denen sie sich zuweilen verleiten ließ , zu den beachtenswertesten der Zeit gehörten . Sie blieb immer um die Fürstin , auch wenn diese im Sommer auf ein Landgut , das in einem entfernten Teile des Reiches lag und ihr Lieblingsaufenthalt war , ging , oder wenn sie sich auf Reisen befand , oder eine Zeit an einer schönen Stelle unsers Gebirges weilte , wie sie gerne tat . An manchen Abenden zu der Zeit , da sie in der Stadt war , sammelte die Fürstin einen kleinen Kreis um sich , in welchem entweder etwas vorgelesen wurde , oder in welchem man über wissenschaftliche oder gesellige oder Staatsdinge oder Dinge der Kunst sprach . Die Kreise waren regelmäßig an gleichen Tagen der Woche , sie waren in der Stadt bekannt , wurden sehr hoch geachtet oder verspottet , wie eben der Beurteilende war , wurden gesucht , und bestanden zuweilen aus sehr bedeutenden Personen . In diese Kreise hatte ich Zutritt erlangt . Die Fürstin hatte mich einige Male getroffen , es war einmal von meiner Wissenschaft die Rede gewesen , sie war sehr neugierig , was man denn von der Geschichte der Erdbildung wisse , und aus welchen Umständen man seine Schlüsse ziehe , und sie hatte mich in ihre Nähe gezogen . Ich hörte aufmerksam zu , wenn ich an den bestimmten Abenden in ihrem Gesellschaftszimmer war , sprach selber wenig , und meistens nur , wenn ich dazu aufgefordert wurde . Die Fürstin saß in schwarzem oder aschgrauem Seidenkleide - lichtere trug sie nie - in ihrem Polsterstuhle und hatte einen Schemel unter ihren Füßen . Die Lampe trug gegen ihre Seite hin einen grünen Schirm und goß ihr Licht in die Gegend der Vorleserin oder des Vorlesers , wenn eben gelesen wurde , Die andern saßen nach ihrer Bequemlichkeit herum . Meistens bildete sich von selber eine Art Kreis . Man hörte in tiefer Stille dem Vorlesen zu und nahm an den Gesprächen , die nach dem Lesen folgten , oder die , wenn gar keine Vorlesung war , den ganzen Abend erfüllten , den eifrigsten Anteil . Die Fürstin konnte ihnen den lebhaftesten und tiefsten Fortgang geben . Es schien , daß das , was die vorzüglichsten Männer in ihrer Gegenwart sprachen , von ihr angeregt wurde , und daß ihre größte Gabe darin bestand , das , was in anderen war , hervor zu rufen . Sie saß dabei mit ihrer äußerst zierlichen Gestalt auf die anmutigste Weise in ihrem Stuhle , und bewegte noch als hochbetagte Frau die Gesellschaft mit ihrer lieblichen Schönheit . Zuweilen , wenn sich ihr Inneres erregte , stand sie auf , hielt sich an ihrem Stuhle , und erklärte und sprach zu den Anwesenden mit ihrer klaren , zarten , wohllautenden Stimme . Ich lernte verschiedene Menschen in den Zimmern der Fürstin kennen . Zuweilen war es ein hervorragender Künstler , den man dort sprechen hörte , zuweilen ein Staatsmann , der mit den wichtigsten Angelegenheiten unseres Landes betraut war , oder es war sonst eine bedeutende Persönlichkeit der Gesellschaft , oder es waren die Säulen und die Führer unseres tapferen Heeres . Ich hörte bei der Fürstin Aussprüche , die ich mir merken wollte , die ich mir aufschrieb , und die mir ein unveräußerliches Eigentum bleiben sollten . Ich gestehe es , daß ich nie ohne eine gewisse Beklemmung in das Zimmer mit den blaubemalten Wänden und den dunkelblauen Geräten und den einigen Bildern , worunter mich besonders das anzog , welches ihren Landsitz darstellte , trat , und ich gestehe es , daß ich nie das Zimmer ohne Ruhe und Befriedigung verließ . Ich empfand , daß jene Abende für mich von großer Bedeutung , daß sie eine Zukunft seien . Außer den besonders hervorragenden Menschen lernte ich bei der Fürstin auch noch andere Personen des höheren Adels unseres Reiches kennen , kam manches Mal mit den Kreisen desselben in Berührung , und sah seine Art , seine Lebensweise und seine Sitten . Neben diesen Abteilungen der menschlichen Gesellschaft kam ich auch mit anderen zusammen . Es war in der Stadt ein öffentlicher Ort , welcher hauptsächlich von Künstlern aller Art besucht wurde , welche sich dort besprachen , Erfrischungen zu sich nahmen , Zeitungen lasen , oder sich mit körperlichen Spielen ergötzten . Diesen Ort besuchte ich gerne . Da war der eine oder der andere Schauspieler von der Hofbühne oder von der Oper , da war ein Maler , dessen Namen damals hoch gepriesen wurde , da waren Tonkünstler , so wohl ausübende als dichtende , da waren Bildhauer und Baumeister , vorzüglich aber waren es Schriftsteller und Dichter , und es befanden sich darunter auch Vorstände und Mitarbeiter an Zeitungsanstalten . Von anderen Personen waren höhere Staatsdiener , Bürger , Kaufleute und überhaupt solche vorhanden , die einen Anteil an Kunst und Wissenschaft und an einem dahin abzielenden Umgange nahmen . Wenn auch eigentlich nur eine ungezwungene Heiterkeit herrschte , wenn auch nur Spiele zu körperlicher Bewegung und daneben das Schachspiel vorzuherrschen schienen , so waren doch auch Gespräche , und wie es bei solchen Männern zu erwarten war , Gespräche sehr lebhafter Natur im Gange , und waren doch im Grunde die Hauptsache . Da konnte man in leichten Worten den tiefen Geist des einen sehen , oder den ruhigen , der alles zersetzt und in seine Bestandteile auflöst , oder den lebhaften , der darüber weggeht , oder den leichtfertigen , der alles verlacht , oder den , dessen Sitten selbst ein wenig bedenklich waren . Oft war es nur ein Wort , ein Witz , der den Grund geben konnte , um Schlüsse zu bauen . Trotz meiner Schüchternheit , die mich ferne hielt , geriet ich doch in Gespräche und lernte den einen und andern Mann von denen kennen , die sich hier einfanden . Selbst das äußere Benehmen und