Morgen noch nicht angebrochen war , der dieser stillen Vorfeier Namen und Bedeutung verleihen sollte . Kindlich geängstigt von dem Gedanken , nicht beten zu können , hob sie flehend ihre Hand zum Himmel . Herr , mein Gott und Vater ! rief sie aus tiefer Brust , sieh mich an und sei mir gnädig ! Dann senkte sie ihr schönes Haupt lange auf das Pult , küßte endlich inbrünstig ihr kleines griechisches Evangelium , das ihr zur Erbauung diente , und legte sich beklommen und sich selbst entfremdet auf ihr Lager . Da flossen endlich die Thränen , die sie bisher aus Scham bekämpft , und sie wehrte ihnen nicht länger , obwol sie es tadelte , so ohne Ursach zu weinen ; und wie ein unschuldiges Kind weinte sie sich in die Arme des Schlafes hinüber . Die Sonne Englands leuchtet nur selten am frühen Morgen mit dem hellen , farblosen Lichte anderer Länder . In Nebel und feuchte Dünste gehüllt , verbreitet sie ein weniger helles und wärmendes , aber alsdann von der zartesten Rosenfarbe magisch verklärtes Licht . In langen schmalen Streifen sendete sie am andern Morgen ihren zauberischen Glanz durch die bunten gothischen Fenster in das Schlafgemach der hold noch Träumenden . Auf dem glänzenden Tafelwerk an Wänden und Fußboden schienen die farbigen Scheiben ihr Licht als zerstreute Blumen zu malen , gleichsam neckend , um die Schläferin zu wecken . So ruhte das schöne Kind , ganz übergossen von den bunten Lichtern , auf ihrem Lager , dessen Vorhänge , weit zurückgezogen , ihnen vollen Einzug gönnten . Doch schon zuckten zuweilen die zarten Augenlieder , und eben wollten die feinen Hände die blendenden Lichter aus den Augen streichen , da vollendeten diese selbst das angefangene Werk , und zwei klare Augen öffneten sich dem heitern Morgen . Mit einer unbeschreiblich süßen Empfindung ward sie sich ihrer selbst bewußt . Wie ein Kind , das liebes Spielzeug wieder erkennt , schaute sie , lächelnd aufgerichtet , umher in das lieblich gefärbte Gemach , den Gegenständen ihre anmuthigen , wohlbekannten Erscheinungen aufs Neue ablauschend . Als sie auch ihr weißes Gewand und sich selbst mit bunten Lichtern übergossen sah , entschlüpfte sie leichten Fußes dem so lustig bestreuten Lager , und hinaus in die Frische des herrlichen Morgens sehnte sich die heiße Brust . Jugendlich erquickt und erfreut durch den gesunden Schlaf , gedachte sie nicht ihrer Empfindungen am Abend , oder glaubte sie doch , nach flüchtiger Erwägung , glücklich beseitigt . Ein doppelt und dreifaches Leben an seliger Heiterkeit füllte ja heute die gestern so beklommene Brust ; sie mußte ja niederknien , und dies Mal fehlte das Gebet ihr nicht ; ja , ein Hymnus von Dank und Liebe gegen Gott strömte aus dem seligen Herzen , und als sie , von Freude und Andacht leuchtend , aufstand , da schien sie die andächtig harrende Errol zu fragen : Ist es nicht eine Seligkeit zu leben ? Mit dem heitersten Lächeln strich sie über das alte liebe Gesicht , und ein Kind kann nicht theilnehmender nach der Nachtruh der Mutter forschen , als jetzt das schöne Fräulein die alte Dienerin befrug . Dazwischen lauschte sie stets nach den Fenstern hin , und das erwachende Leben in der Natur entging ihren aufmerkenden Sinnen nicht . Zwar war die Zeit des Sommers schon dahin , aber der Herbst hatte noch sein eigenthümliches Leben nicht verloren , und sie hörte von fern den Reiher über dem Moore sich mit vereinzeltem Geschrei erheben , der Drossel nahen sanften Ton und der Seemöwe weitgetragenen , gellenden Ruf . Hell lachte sie den Schwalben nach , die , aus dem Mauergesimse emporschwirrend , sich erst an den glänzenden Scheiben mit dem Kopf stoßen mußten , ehe sie den rechten Weg in das Weite fanden . Hinter ihnen her strebte ihre Seele mit Ungeduld und schnell half sie selbst sich in die zierliche Morgenkleidung hüllen . Dem Klima und der Sitte gemäß , bestand diese weder in Mousselin , noch seidenem Stoffe , sondern sie wählte einen dunkeln Sammet , dessen Ränder mit feiner Goldstickerei zu dem goldnen Netze paßten , das die glänzenden Zöpfe umschloß und von einem kleinen Federhute überbaut wurde , der so leicht wie ein Heiligenschein um den Kopf saß , weder der Sonne , noch dem Sturme zu wehren vermögend . Während dies in eigentlicher Schnelligkeit bald beendigt ward , hatte sich zu wiederholten Malen ein Geräusch an der Thüre hören lassen , das zwar einen ungestüm Harrenden andeutete , aber zugleich von einem Willkommenen herrühren mußte , denn jedes Mal blickte Lady Maria mit dem schalkhaften Lächeln zur alten Errol auf , die dann jedes Mal lachend nach der Thür hinnickte . Jetzt war das schöne Wesen von Kopf bis zu Fuße geschmückt , und trotz des dabei waltenden Eifers doch von keinem andern Gefühle bewegt , als dem der gehörigen Abfertigung eines nöthigen Geschäfts . Rasch und von eigener freudiger Ungeduld übereilt , flog sie gegen die Thür , und sogleich stürzte sich Gaston ihr mit dem ausgelassensten Jubel entgegen , und nachdem sie seine Liebkosungen empfangen , jagte er , die kühnsten Sprünge wagend , und in langen Bogen sie umkreisend und wieder erreichend , um sie her , während sie selbst , wie ein flüchtiges Reh , über die Stiegen und Gallerien mit ihm hinab eilte in den herrlich ihr entgegen leuchtenden Park . Aber welch ' ein Morgen schien ihr der heutige . Welch ' ein Licht , welch ' ein Farbenglanz und welch ' eine leichte balsamische Luft , von der sie sich wie getragen fühlte ! Welch ' ein Gefühl von Glück und Muth und Hoffnung schien ihr von ihm auszugehen . Ihre Seele war befreit von dem Kummer , der seine schwere Hand nach ihr in der Einsamkeit auszustrecken pflegte , die Bilder der verlorenen Lieben ihr vorführend und ihr eigenes vereinsamtes Loos . Ach ! wohl gedachte sie ihrer Lieben ; aber heute mehrten sie