Als er an ihren Kerkertüren vorbeischritt , lagen sie alle auf den Knien , beteten und weinten ; auf dem Richtplatz sagte er : er stehe vor dem , der ihn erschaffen , und stehend wolle er ihm seinen Geist übergeben ; ein Geldstück , was unter seiner Administration geprägt war , übergab er dem Korporal , mit dem Bedeuten : es solle Zeugnis geben , daß er sich noch in der letzten Stunde an sein armes Vaterland mit allen Banden der Treue gefesselt fühle . Dann rief er : » Gebt Feuer ! « Sie schossen schlecht , zweimal nacheinander gaben sie Feuer , erst zum drittenmal machte der Korporal , der die Exekution leitete , mit dem dreizehnten Schuß seinem Leben ein Ende . Ich muß meinen Brief schließen , was könnte ich Dir noch schreiben ? Die ganze Welt hat ihre Farbe für mich verloren . Ein großer Mann sei Napoleon , so sagen hier alle Leute , ja äußerlich , aber dieser äußern Größe opfert er alles , was seine unplanetarische Laufbahn durchkreuzt . Unser Hofer , innerlich groß , ein heiliger deutscher Charakter , wenn Napoleon ihn geschützt hätte , dann wollte ich ihn auch groß nennen . - Und der Kaiser , konnte der nicht sagen , gib mir meinen Tiroler Helden , so geh ich Dir meine Tochter , so hätte die Geschichte groß genannt , was sie jetzt klein nennen muß . Adieu ! Daß Du mein Tagebuch zum Tempel einer indischen Gottheit erhebst , ist Prädestination . Von jenen lichten Waldungen des Äthers , von Sonnenwohnungen , vom vielgestaltigen Dunkel und einer bildlosen Klarheit , in der die tiefe Seele lebt und atmet , habe ich oft schon geträumt . An Rumohr konnt ich Deinen Gruß nicht bestellen , ich weiß nicht , nach welcher Seite er mit dem Winde davongestoben ist . Landshut , den 10. März 1810 An Bettine Liebe Bettine , es ist mir ein unerläßlich Bedürfnis , Deiner patriotischen Trauer ein paar Worte der Teilnahme zuzurufen und Dir zu bekennen , wie sehr ich mich von Deinen Gesinnungen mit ergriffen fühle . Lasse Dir nur das Leben mit seinen eigensinnigen Wendungen nicht allzusehr verleiden . Durch solche Ereignisse sich durchzukämpfen , ist freilich schwer , besonders mit einem Charakter , der soviel Ansprüche und Hoffnungen auf ein idealisches Dasein hat wie Du . - Indem ich nun Deinen letzten Brief zu den andern lege , so finde ich abermals mit diesem eine interessante Epoche abgeschlossen . Durch einen lieblichen Irrgarten zwischen philosophischen , historischen und musikalischen Ansichten hast Du mich zu dem Tempel des Mars geleitet , und überall behauptet sich Deine gesunde Energie , habe den herzlichsten Dank dafür und lasse mich noch ferner der Eingeweihte Deiner inneren Welt sein , und sei gewiß , daß die Treue und Liebe , die Dir dafür gebührt , Dir im Stillen gezollt wird . 19. März 1810 Goethe An Goethe Lieber Goethe ! Vieltausend Dank für Deine zehn Zeilen , in denen Du Dich tröstend zu mir neigst , so mag denn diese Periode abgeschlossen sein ; dieses Jahr von 1809 hat mich sehr turbiert ; nun sind wir an einem Wendepunkt : in wenig Tagen verlassen wir Landshut und gehen über und durch manche Orte , die ich Dir nicht zu nennen weiß . - Die Studenten packen eben Savignys Bibliothek ein , man klebt Nummern und Zettel an die Bücher , legt sie in Ordnung in Kisten , läßt sie an einem Flaschenzug durchs Fenster hinab , wo sie unten von den Studenten mit einem lauten Halt empfangen werden , alles ist Lust und Leben , obschon man sehr betrübt ist , den geliebten Lehrer zu verlieren ; Savigny mag so gelehrt sein , wie er will , so übertrifft seine kindliche Freundesnatur dennoch seine glänzendsten Eigenschaften , alle Studenten umschwärmen ihn , es ist keiner , der nicht die Überzeugung hätte , auch außer dem großen Lehrer noch seinen Wohltäter zu verlieren ; so haben auch die meisten Professoren ihn lieb , besonders die Theologen . Sailer , gewiß sein bester Freund . Man sieht sich hier täglich und zwar mehr wie einmal , abends begleitet der Wirt vom Hause leichtlich seine Gäste mit angezündetem Wachsstock einen jeden bis zu seiner Haustür , gar oft hab ich die Runde mitgemacht ; heute war ich noch mit Sailer auf dem Berg , auf dem die Trausnitz steht , ein Schloß alter Zeit : Traue nicht . Die Bäume schälen ihre Knospen ! Frühling ! Die Sperlinge flogen scharenweis vor uns her , von Sailer hab ich Dir wenig erzählt , und doch war er mir der Liebste von allen . Im harten Winter gingen wir oft über die Schneedecke der Wiesen und Ackerfläche und stiegen miteinander über die Hecken von einem Zaun zum andern , und alles , was ich ihm mitteilte , daran nahm er gern teil , und manche Gedanken , die aus Gesprächen mit ihm hervorgingen , die hab ich aufgeschrieben , obschon sie in meinen Briefen nicht Platz finden , so sind sie doch für Dich , denn nie denke ich etwas Schönes , ohne daß ich mich darauf freue , es Dir zu sagen . Zur Besinnung kann ich während dem Schreiben nicht kommen , der Studentenschwarm verläßt das Haus nicht mehr , seitdem Savignys Abreise in wenig Tagen bestimmt ist ; eben sind sie vorbeigezogen an meiner Tür mit Wein und einem großen Schinken , den sie beim Packen verzehren , ich schenkte ihnen meine kleine Bibliothek , die sie eben auch einpacken wollten , da haben sie mir ein Vivat gebracht . - Abends bringen sie oft ein Ständchen mit Gitarren und Flöten , und das dauert oft bis nach Mitternacht , dabei tanzen sie um einen großen Springbrunnen , der vor unserm Hause auf dem Markt steht ; ja , die Jugend kann sich aus allem einen Genuß machen . Die allgemeine Konsternation über Savignys Abreise hat sich