weit in die Fremde , aber seine Frau ließ sich nicht gerne sehen ; jeder Besuch war ihr eine Qual ; sie vermied die meisten und das ward ihrem Zustande zugeschrieben . Wunderbar , wie viele lang ersehnte Hoffnungen auf Kinder , die mit Jubel in der Welt aufgenommen sein würden , gehen in einem geringen zufälligen Schrecken unter , und dieses fluchbelastete Kind , das auf einem Tränenstrome in die Welt schwimmen sollte , hatte von allen diesen schrecklichen Ereignissen nicht gelitten . Ein neuer Brief von Klelien drückte ihren Wunsch nach Kindern so schmerzlich aus , sie schrieb so rührend von ihrem Glücke , von ihrem Manne , der ihr der Brennpunkt aller Tugenden , aller Frömmigkeiten war , und nun sah sie mit großem Bedauern rings um sich , wie so alles , was der Herzog und sie auf den Gütern schaffe , einst in fremder Hand wieder untergehen werde , da der Lieblingswunsch ihres Mannes unerfüllt bleibe , daß sie ihm Kinder schenke . Sie fragte sich , um welcher Sünde willen Gott ihren Leib verschlossen ; ja sie wünschte sich den Tod , um ihrem Manne diese Freude durch eine andre Gattin gewähren zu lassen . - Diese Frömmigkeit des Herzogs , die in den Augen seiner frommen Frau so rein erscheint , täten wir unrecht , ganz zu bezweifeln ; auch die Anlage zur Frömmigkeit war in ihm und hatte ihn gleich anfangs in Klelien gereizt , aber freilich nicht lange ; die heiteren Briefe ihrer Schwester Dolores , die er bei ihr las , hatten ihn damals zu ihr hingezogen ; seitdem bemächtigte sich seiner eine abergläubische Furcht , er hatte die Laster überlebt ; jetzt war es nicht bloß Sinn für Frömmigkeit , die ihn an die Wallfahrtsörter Siziliens , zu allen Geistlichen trieb , er schwindelte in die Frömmigkeit hinein , die seiner Frau eigen ; es war ihm ein neuer Reiz , den er aber immer neu steigern mußte ; die Religion ward ihm eine neue Art Opium , seine Natur forderte immer mehr bis sie nichts mehr fordern konnte . So lebte der Sünder wahrlich nicht unglücklicher als der Graf , den wir doch zu den Bessern rechnen müssen ; die Welt ist aber in ewiger Fortschreitung und das Laster endigt früher und geht unter , während die dauernde Tugend mit allen Hindernissen ihrer Entwickelung kämpft . Das unnatürliche Verhältnis des Grafen zu seiner Frau , das nur der umgebenden Welt wegen angenommen war , mußte sein Inneres ausleeren ; es gab ihm nichts und gestattete ihm auch nicht einmal die Freiheit , sich nach anderen Richtungen auszubreiten , seine Geschäfte , die er sonst mit Lust getrieben , kosteten ihm unsäglich viel Mühe und Überwindung ; er suchte sich Liebhabereien anzugewöhnen , um dadurch beschäftigt zu sein , schaffte kostbare Pferde an und lernte das Schachspiel , wollte ein Buch über Staatskunst schreiben , das er lange entworfen , und wußte nicht , was er schreiben sollte ; mit dem Glücke waren ihm alle Gedanken verschwunden . Als er einmal so in seinem Zimmer umhergeschwankt , sich hundert Federn geschnitten und mit keiner geschrieben , hundert Bücher aufgeschlagen und in keinem gelesen hatte , da fand er sich so verwirrt , so öde , so matt und krank , daß er beten wollte und nicht zusammenhängend sprechen konnte ; keine Träne wollte ihn erquicken . Draußen tobte ein Marktgewühl auf der Straße , in ihm war alles so stille , er setzte sich nieder und schrieb . » Erkenne Herr , der du die Welt gefüllt hast , diese Leere meines Herzens , diese Leere meiner Gedanken , befreie mich von Qual und Angst , nirgends halte ich mich , nichts hält mich , ich schwanke und muß vergehen , stärke mich Herr ; wo ich mich suche , da finde ich mich nicht , wo ich dich suche Herr , da fühle ich nichts , mein Dasein ist mir ein Gram und ich kann mich nicht vergessen ; mein Leben ist mir eine Krankheit und doch sind die Krankheiten mir ein Schrecken . Ich fühle mich , daß ich nie so traurig war , wie in diesem Augenblicke ; was mich betrübt , ist keine Tat , kein Gedanke , kein Wort , vergebens bemühe ich mich , es zu sagen ; was ich gedacht , versteckt sich mir , was ich gefühlt , ist mir verloren ; ich muß alles ewig von vorne beginnen ; ich kann nicht schwärmen mit den Fröhlichen , nicht tätig sein mit den Tätigen , nicht ruhen mit den Trägen ; das Überflüssige zu tun , verachte ich und zum Notwendigen fehlt mir der Mut ; was mich anregt , ist eine schmerzliche Spannung , meist lähmt mich eine klägliche Erschlaffung ; noch denke ich , daß ich ein Zutrauen zu dir habe Herr , aber ich fühle nicht deine belebende Kraft ! « - In diesem Augenblicke erweckten ihn die Glocken der Kirche ; er gedachte , wie viel er seit früh an Gott gehangen und wie ihm doch alles Glück verloren ; es wurde ihm in tiefster Seele , als gebe es gar keinen heiligen Zusammenhang in der Welt , als sei alles vergebens . » Da läuft « , sagte er vor sich , » das schwachsinnige Volk in die Kirchen in alle Ewigkeit und meint , darin etwas Gutes zu tun , es ist doch alles vergebens und umsonst ; auch ich will einmal mitlaufen , will auch einmal beichten , will doch sehen , was mir die Dummheit raten wird , die dort an Gottes Stelle sitzt . « Wir werden es häufig bemerken in unsrer Zeit , daß Menschen der gebildeten Stände , die sich lange sehr religiös glauben , doch eigentlich die Religion nur als ein Gedachtes , als ein Nachdenken über die Welt bewahren , nicht als ein Notwendiges , Eingebornes , Anerzognes , nicht als einen Glauben ; es gab für die