hinter den grauen Mauern begann der Wald , der den ganzen Schloßberg bedeckte . Das Kirchlein war uralt . Vor ein paar hundert Jahren , bei einem Einfall der Türken , war es zerstört worden , bis auf die nackten Mauern , und die Glocke hatten die heidnischen Eroberer in den See gestürzt . Später , als wieder Friede im Lande war , hatte man die Marienkapelle wieder aufgebaut , aber die Glocke ruht noch heute da unten im See und an stillen Abenden klingt sie leise und geheimnisvoll , als flehe sie um Erlösung . Es war die alte Sage , die sich so oft wiederholt , sei es am Meeresstrande oder an den Ufern der einsamen Bergseen . Die feuchte Tiefe hat eben ihre seltsamen , rätselhaften Stimmen , und der Volksglaube schafft sich dann die Märchen dazu . Auf einer schmalen , kunstlos gezimmerten Bank , die an der Kirchenmauer stand , saß Paula Dietwald und blickte träumend hinaus auf den See . Es war einer ihrer Lieblingsorte , sie kannte ja die ganze nähere und fernere Umgebung des Schlosses und hatte sie oft durchstreift , meist in den frühen Morgenstunden , die ihr allein gehörten , denn Frau Almers pflegte sehr lange zu schlafen . Sie waren so schön gewesen , diese sechs Wochen in Restovicz , hier war es dem jungen Mädchen zum erstenmal aufgegangen , wie eine Ahnung von Freiheit und Glück , und nun endete das mit einem solchen Mißklange ! Ueber den heutigen Tag hatte ja die Abwesenheit des Schloßherrn hinweggeholfen . Er hatte sich schon am Morgen bei seiner Tante entschuldigen lassen , er müßte in Geschäften nach der Stadt , die volle drei Stunden entfernt war , und würde erst gegen Abend zurückkommen . Paula hatte aufgeatmet bei der Ankündigung , aber das war doch nur für heute . Morgen ließ sich ein Zusammentreffen nicht vermeiden , und das sollte so noch volle vierzehn Tage währen ! Der eine Tag hatte dem jungen Mädchen bereits hinreichend gezeigt , was sie von der Ungnade ihrer Dame zu erwarten hatte . Ein Ja aus ihrem Munde konnte freilich alles ändern . Dann war sie die Braut des Schloßherrn , die künftige Herrin von Restovicz und – das Eigentum jenes harten , finsteren Mannes , vor dem sie nur Furcht empfand . Nein , nein , nur das nicht ! Lieber wollte sie hinausgehen unter Fremde , lieber alles ertragen , als sich selbst eine Kette schmieden , die sie dann unlösbar gefesselt hielt , das ganze Leben lang . Paula Dietwald war eben die Tochter ihrer Mutter , und die verkaufte sich nicht . Der frische Ostwind , der gestern abend mitten in das Regengewölk hineingefahren war , hatte einen völligen Umschlag der Witterung gebracht . Ein leuchtender Sonnentag war gefolgt , und gerade jetzt , wo die Sonne schon hinter die Berge tauchte , kam die ernste Schönheit der Landschaft zur vollen Geltung . Droben standen die Berggipfel noch in voller Abendglut , und ein Purpurschein lag über den Wäldern , welche den See wie mit einem dichten , dunkelgrünen Kranze umgaben . Aber auf der vorhin so hell glitzernden Flut ruhte schon kühler Schatten , und zarte , bläuliche Nebel schwebten darüber hin . Da ließen sich Schritte vernehmen auf dem Fußwege , der sich vom Schlosse durch den Wald hinabzog . Paula achtete nicht viel darauf , vielleicht war es Ullmann , der wußte , wohin sie gegangen war , vielleicht einer von den Schloßleuten , die oft diesen Weg benutzten . Der Schritt kam näher und jetzt – das junge Mädchen zuckte zusammen – jetzt trat Ulrich von Berneck selbst aus dem Walde hervor und blieb eine Minute lang stehen , während sein Blick suchend die Kirche und deren Umgebung überflog . Ein seltsames Zusammentreffen ! Er konnte ja kaum zurückgekehrt sein , und Paula fühlte es auch , daß diese Begegnung keine zufällige war , er kam ja sonst niemals hierher . Hatte Frau Almers noch geschwiegen gegen ihren Neffen oder ihm die gestrige Unterredung in einer Form mitgeteilt , die ihn nicht an eine ernstliche Abweisung glauben ließ – jedenfalls war es ihr Werk , daß er sich nun doch herabließ , selbst zu dem Mädchen zu sprechen , das er mit seiner Hand beglücken wollte . Also eine zweite peinvolle Erörterung ! Der ganze Trotz Paulas flammte wieder auf bei dem Gedanken . Wollte man sie denn durchaus zwingen ? Er kam , sich die Antwort zu holen auf eine Frage , die er nicht einmal persönlich gestellt hatte – nun denn , er sollte sie haben ! » Ich störe Sie wohl in Ihrer Einsamkeit , Fräulein Dietwald ? « fragte Ulrich , indem er grüßte und näher trat . » Ich hörte bei meiner Rückkehr von Ullmann , daß Sie hier seien , und mir lag daran , Sie einmal allein zu sprechen . Da müssen Sie mich schon entschuldigen . Wollen Sie mich anhören ? « Das hieß allerdings geradeswegs auf das Ziel losgehen , er hielt sich nicht lange auf mit einer Einleitung . Paula neigte nur bejahend das Haupt , sie kämpfte schon wieder mit jener seltsamen Angst , gegen die kein Mut und kein Trotz half . Sobald sie die Stimme dieses Mannes hörte und im Bann seiner Augen war , fühlte sie sich wehrlos ihm gegenüber . » Vor allen Dingen eine Erklärung ! « fuhr er fort . » Ich bin nicht gekommen , um die Frage und Bitte an Sie zu richten , die Sie so sehr fürchten . Sie können unbesorgt sein . « Das junge Mädchen senkte die Augen in peinlicher Verlegenheit . » Herr von Berneck , ich weiß in der That nicht – « » Sie wissen , was ich meine ! « unterbrach er sie ruhig . » Sie ahnen wohl selbst nicht , wie deutlich das › Nein ! ‹ aus Ihrer ganzen Haltung spricht . Sie haben es ja