sich mit einer letzten Anstrengung halb empor , und sein Blick schien in der Ferne irgend etwas zu suchen . Brunnow stützte ihn ; er versuchte mit Todesangst , das Blut zu hemmen , den rothen Lebensstrom , den seine eigene Hand entfesselt hatte , und der Arzt wußte doch , daß es hier nichts mehr zu hemmen , zu retten gab . Soeben brach die Sonne durch den Nebelschleier ; drüben stand das Schloß auf seiner Höhe in leuchtender Morgengluth . Seine Mauern und Thürme schimmerten in rothem Lichte , und seine Fenster schienen Flammenblitze wie Grüße herüberzuwerfen . Arno ’ s Auge hing unverwandt an diesem einen Punkte ; sein letzter Blick wandte sich dem „ Sonnenstrahl “ zu , der ihn von dort her grüßte . Dann begann es zu dämmern ; das leuchtende Bild wich weit und weiter zurück , und endlich versank es ganz . Es legte sich um den Sterbenden wie düstere Schatten , wie kühle Wasserschleier und er wurde fortgezogen , weit fort , in geheimnißvoll dämmernde Tiefen , wohin kein Laut des Lebens mehr drang , wo alles Ringen und Sehnen , alles Glück und Weh in einem tiefen Traum erstarb , und in den Traum verflocht sich ein fernes Rieseln , das leise geisterhafte Singen eines Quells , das wie aus endloser Ferne herniedertönte . – Brunnow legte den Körper des Todten sanft nieder . Er wollte sich erheben , aber die Kraft versagte ihm , und fassungslos brach er an der Leiche des Jugendfreundes zusammen . Eine neue Zeit war für das Land angebrochen . Die letzten vier Jahre hatten viel , beinahe Alles geändert ; die einst verfolgte und unterdrückte Partei stand jetzt an der Spitze der Regierung , und mit diesem Umschwunge vollzogen sich auch tief eingreifende Veränderungen in allen Kreisen des öffentlichen Lebens . Bestrebungen , die einst gehemmt und bekämpft wurden , durften sich jetzt frei und offen regen , und mit den neuen Verhältnissen traten auch neue Persönlichkeiten auf den Schauplatz . Unter denen , welche die jetzige politische Richtung ungewöhnlich schnell emportrug , befand sich auch Georg Winterfeld . Er nahm als Ministerialrath bereits eine für seine Jahre sehr bedeutende Stellung ein . Der Gouverneur , welcher gegenwärtig an der Spitze der -schen Provinz stand , war in allen Dingen das Gegentheil seines Vorgängers , liberal , nachsichtig und ohne jede Hinneigung zum Despotismus ; ein energisches Durchgreifen war seine Sache nicht , und doch that dies bisweilen noth . Brunnow hatte unmittelbar nach jener Katastrophe die Stadt verlassen . Er gab den dringenden Bitten seines Sohnes nach , sich nicht einer neuen Haft auszusetzen , der er nach den Duellgesetzen des Landes verfallen war , und die der alternde , durch die letzten Vorfälle so schwer gebeugte Mann wohl kaum ertragen hätte . Der Doctor war ja ohnehin entschlossen , sein Vaterland für immer zu verlassen . Noch ehe das Duell in der Stadt bekannt geworden war , kehrte er nach der Schweiz zurück , trat aber von dort aus öffentlich mit mit vollem Nachdrucke für das Andenken des Gefallenen ein . Er erklärte , unter dem Einfluß eines Irrthums gestanden zu haben und durch eine letzte Eröffnung Raven ’ s darüber aufgeklärt worden zu sein . Jene Beschuldigung sei unwahr und ein schweres Unrecht gegen den Todten . Dieses Zeugniß des Gegners , von dessen Hand der Freiherr gefallen war , fiel natürlich schwer in ’ s Gewicht , wenn auch die Sache jetzt so wenig erwiesen werden konnte wie früher . Der Tod erwies sich auch hier als der beste Vertheidiger . Was man dem Lebenden nie geglaubt haben würde , das glaubte man dem Todten , der gewissermaßen noch mit seinem letzten Atemzuge die ihn schändende Verleumdung für eine Lüge erklärt hatte . Raven hatte seine Dienerschaft mit sehr reichen Legaten bedacht ; im Uebrigen fiel sein ganzes Vermögen nach dem Testamente der jungen Baroneß Harder zu . Gabriele war nach dem Tode des Freiherrn lange und schwer krank gewesen und erholte sich nur sehr langsam . Gegenwärtig lebte sie mit ihrer Mutter in der Residenz , wo sie das Ziel unausgesetzter Bewerbungen war , aber sie schien den Gedanken an eine Vermählung weit von sich zu weisen , zur Verzweiflung der Baronin , die oft ihre ganze Beredsamkeit erschöpfte , nur die Tochter umzustimmen . Gabriele war vor Kurzem mündig und damit freie Herrin ihres Vermögens geworden ; es war also nach Ansicht ihrer Mutter die höchste Zeit , ihre Wahl zu treffen . – – Hofrath Moser hatte schon vor vier Jahren seinen Abschied genommen . Einerseits bestimmte ihn der Tod seines Chefs dazu , diese langgehegte Absicht auszuführen ; andererseits ging es nicht gut an , im Staatsdienste zu bleiben , wenn man sich mit einer Demagogenfamilie verschwägerte , und dieses Schicksal hatte den Hofrath nun doch ereilt . Er sträubte sich zwar mit Händen und Füßen dagegen , aber das half ihm nichts ; Max Brunnow lief so lange Sturm gegen ihn , bis er sich ergab . Dieser unverwüstliche [ 599 ] Freier erschien nämlich Tag für Tag , mit der größten Regelmäßigkeit , um seinem lieben Schwiegervater mitzutheilen , wie sehr er sich darauf freue , sein Schwiegersohn zu werden , und daß ein besserer Schwiegersohn überhaupt gar nicht in der Welt sei . Wenn der alte Herr zornig auffahren wollte , so drohte der gewissenlose Doctor mit Schlaganfällen und verschrieb Beruhigungstropfen . Wenn Jener ihm das Haus verbot , so erklärte Max , er könne den Anblick seiner Braut nicht entbehren , und kam am nächsten Tage eine Stunde früher . Der Hofrath ergab sich endlich in sein Schicksal ; er gehörte zu den Naturen , die , wenn man ihnen täglich dasselbe sagt , es zuletzt glauben , und da er alle Tage hören mußte , daß dieser Schwiegersohn ebenso unabwendbar wie vortrefflich sei , so glaubte er es schließlich und nahm beides als eine unumstößliche Thatsache hin . Einen etwas schwereren