in ihrem Einnahmeregister aufspeicherten , für sie selbst nicht . Und nun sollten sie auch noch zum Piedestal aufgetürmt werden unter den Füßen des verwahrlosten Jungen , den sie nicht ohne Grauen , ohne die entschiedenste Abneigung ansehen konnte – nie , niemals ! Noch durfte sie hoffen , ein Stück Leben vor sich zu haben ; noch war sie sich einer bedeutenden inneren Kraft bewußt – es bedurfte nur weniger Schritte , um die nach einer anderen , einer sonnigen Lebensluft dürstenden Lippen zu erquicken – was hinderte sie den Schal umzuwerfen und hinüber zu gehen in das Nachbarhaus , wo sich alles , alles mit einem Schlag wenden mußte ? Nein ! – So tief beugen konnte sie den steifgewordenen Nacken doch nicht ! – Sie hatte bereits die ersten Schritte getan , nun mußte er kommen und der Mutter die Versöhnung erleichtern – wo aber war er ? – Das hatte sie schon oft grübelnd gedacht ! Sie hatte beim ersten Blick , beim ersten in das Giebelzimmer heraufschallenden Stimmklang gewußt , daß der schöne , spielende Knabe im Vorgarten des Schillingshofes , sein Kind , ihr Enkel sein müsse – so Zug für Zug , so in jedem Laut , jeder Eigentümlichkeit des äußeren Gebarens wiederholt sich die Natur nicht in zwei sich völlig fremden Menschenwesen , die das Blut nicht gemein haben ; so macht sie auch nicht ein Herz wie das ihre halb entsetzt , halb in jubelnder Lust aufschreien beim ersten Begegnen , wenn kein verwandter Zug da ist . Es war demnach völlig überflüssig gewesen , daß ihr die fremde Dame gesagt hatte , der Knabe führe den Namen Lucian ... Wo aber war sein Vater ? Es war eine schändliche Lüge , daß er sich von dem Erwerb seiner Frau mit ernähre . – Er hatte ein reiches Wissen , er war sehr fleißig gewesen und hatte sich unfehlbar eine feste , ehrenhafte Lebensstellung errungen – wohl in fernen Landen , wie sie nach der schwarzen Bedienung schloß , welche die Kinder behütete . Und – diese stille Hoffnung wurde immer lebendiger in ihrer Seele – er hatte wohl seine kleinen Lieblinge geschickt , damit sie sich allmählich an das Herz der Großmutter stehlen und Versöhnungsboten werden möchten ... Nun wohl , das war geglückt – die Mutter hatte verziehen ... Sie hatte sich selbst seinem Knaben gegenüber die Großmama genannt und den neugeschlossenen Bund mit einer Gabe besiegelt , die ihr Sohn selbst als Kind oft gesehen , und von welcher er wußte , daß sie der Mutter stets ein hochwertes Andenken gewesen war ... Nun mußte er kommen – und er kam gewiß , selbst wenn augenblicklich noch große Länderstrecken oder das weite Meer zwischen ihnen liegen sollten – er kam ! ... Bis dahin hieß es , sich selbst und die Sehnsucht tapfer bezwingen , denn noch – hatte ein letzter Rest starrer Unbeugsamkeit Sitz und Stimme in diesem harten Frauenkopfe . – 32. Seit Baron Schillings Rückkehr aus Berlin waren sechs Tage verstrichen . Die Erdgeschoßwohnung des Schillingshofes hatte sich gleichsam gelichtet , seit der tückische Dämon der Krankheit aus allen Ecken und Winkeln gefegt worden war . Der kleine José hatte schon zweimal stundenlang im Freien verweilen dürfen ; zwar saß er auch im Salon noch in seinem Fahrstühlen ; aber das Bett wurde tagsüber nicht mehr aufgesucht . Die Glieder des Knaben fingen an , sich kräftiger zu regen ; er ließ seine Bleisoldaten wieder aufmarschieren und exerzieren , und sein treuer Spielkamerad , Pirat , hatte auch bereits seine Aufwartung im Salon machen dürfen . José trank pünktlich seine Milch aus dem Becher , den ihm » die Großmama « geschenkt . Mit dem Erscheinen dieses kostbaren Andenkens im Schillingshofe war eine erwartungsvolle , fast feierliche Stimmung , eine unbeschreibliche Spannung über diejenigen gekommen , die um die geheimnisvolle Sendung der Kinder wußten . Am vorgestrigen Nachmittag , gleich nach dem Besuch der Majorin , war Donna Mercedes vom Säulenhause hergekommen , um nach dem Knaben zu sehen . Sie hatte von der Allee aus , gleich Jack , noch bemerkt , daß eine dunkle Gestalt durch die Mauertür hinausgeschlüpft war . Fast in demselben Augenblick war auch Baron Schilling aus dem Atelier an den Fahrstuhl getreten – so hatten beide die Erzählung des lebhaft erregten Kindes zugleich gehört . Baron Schilling war ganz blaß geworden ; er hatte sich tief über den Knaben gebeugt und dann sich aufrichtend kühl , wenn auch leicht zitternden Tones , zu Donna Mercedes gesagt : » Der letzte Akt steht nahe bevor – Sie werden rascher aus Ihrer aufopferungsvollen Lage erlöst werden , als wir denken und hoffen durften ... « Mit wenigen kurzen Worten war man dann übereingekommen , daß vom Schillingshofe aus vorläufig noch kein irgendwie auffallender , entgegenkommender Schritt geschehen dürfe , weil das geheimnisvolle Tun und Wesen der Majorin entschieden darauf hinweise , daß sie hinter dem Rücken ihres Bruders handle und durch ein zu frühes Vorgehen in ihren eigenen Plänen nicht gestört werden dürfe . Seitdem hatte Donna Mercedes den Herrn des Schillingshofes nicht wieder gesprochen . Sie sah ihn wohl dann und wann in der Nähe des Ateliers durch den Garten schreiten , wenn auch sie das Haus verließ , um sich zu ergehen und frische Luft zu schöpfen ; aber dann wandte sie sich auch sofort um und kehrte in ihr Zimmer zurück , gleichviel , ob er es bemerkte , daß sie ihm aus dem Wege ging , oder nicht . Es war ihr immer , als könne sie nicht rasch genug aus , seiner Gesichtsweite kommen , und wenn sie dachte , daß sein scharfer Blick sie verfolge , dann lief ihr ein Schauer über den Leib ... Es war daheim ihre Gewohnheit gewesen , mißliebigen Menschen ohne weiteres den Rücken zu kehren , und die Schmeichlerzungen hatten ihr oft genug versichert , daß sie selbst diese vernichtende Ungnade mit unvergleichlich hoheitsvoller Grazie an den Tag lege .