Hinblick auf die eben gehörten naiven Geständnisse frage ich mich , nicht ohne ein befreites Aufatmen . ‘ Was hätte aus Dir werden sollen an der Seite eines solchen Gefühlsschwärmers ! ’ Und d ' rum ist ' s gut so , ganz gut so für uns Beide , wie es gekommen . Ich gebe Dir Dein Wort zurück , allerdings nur ungefähr so , wie man einen Vogel am Faden fliegen läßt , dessen eines Ende man fest um – den Finger wickelt . Sie tippet , abermals scharf lächelnd , mit der feinen Fingerspitze auf den Verlobungsring an ihrer Hand . “ Freie um die erste , beste junge Dame der Residenz – und sei es eine meiner glühendsten Neiderinnen , wie ich ja deren genug habe – und ich will den Reifen in ihre Hand legen ; nur Käthe nicht , absolut nicht ! Hörst Du ? Und wenn Du mit ihr über das Meer flüchten , oder an der entlegensten Dorfkirchenaltar treten wolltest , ich würde im richtigen Moment da sein , um Einspruch zu tun . “ Gott sei Dank , dazu hast Du nicht die Macht , ” sagte er totenbleich und tiefatmend . “ Meinst Du ? Daß Du niemals nach Deinem Wunsch und Sinn glücklich wirst , dafür lasse mich sorgen , Treuloser . Erbärmlicher , der ein stolzes Blumenbeet zetritt , um – eine Gänseblume zu pflücken ! Du wirst von mir hören . ” Unter leisem Hohngelächter schritt sie rasch ihrem Schlafzimmer zu , dessen Thür sie hinter sich verriegelte , und fast gleichzeitig klopfte ein Lakai draußen und berief den Doktor in die Bel-Etage , weil Fräulein Henriette eben wieder von einem sehr schlimmen Brustkrampf befallen worden sei . Heft 23 In der Residenz wußte wan sich seit langen Jahren keines Ereignisses zu erinnern , das alle Menschen so furchtbar aufgeregt und in peinlicher Spannung erhalten hätte , wie die Explosion im Turme , welcher , außer dem Kommerzienrat , auch der Müller Franz zum Opfer gefallen war . Zwei Tage waren seitdem verstrichen , und in diesen zweimal vierundzwanzig Stunden wandelte sich allmählich die bestürzte Klage , das Bejammern des verunglückten reichen Mannes in dnmpfe , erschreckende Gerüchte , die vorzüglich die Geschäftsleute , den Handwerkerstand alarmierten – da stand ja der Name des Millionärs noch mit vielen Tausenden rückständig in den Büchern . Der Kommerzienrat hatte alle die neuen Bauten und Verschönerungen aus seiner Besitzung Baumgarten in Akkord gegeben , und demzufolge war von seiner Seite bis zu dem Unglückstage nur ein Bruchtheil der Forderungen berichtigt worden . Und nun ging der Ausspruch , den der Ingenieur schon beim ersten Anblick der entsetzlichen Zerstörung rückhaltslos gethan , bestätigt und bekräftigt durch andere Sachverständige , vou Mund zu Mund , und die bisher vollkommen zuversichtliche und vertrauensseligen Lieferanten und Arbeiter mußten sich notwendig fragen , wie und wozu das Dynamit in den Weinkeller des Kommerzienrats von Römer gekommen sei , just unter die Räume , die alle seinen Besitzstand dokumentierenden Papiere und Bücher umschlossen . Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten . Vertrauliche Briefe aus Berlin sprachen von immensen Verlusten , die der Kommerzienrat , um dessen entsetzlichen Tod dort noch Niemand wußte , bei den neuesten , rasch auf einanderfolgenden Konkursen erlitten haben müsse . Zwar hatte er es , wie selten ein Spekulant , verstanden , vertraute Mitwisser von seinen Unternehmungen fernzuhalten ; nicht einmal der frühere Buchhalter der Spinnerei , den er nach Verkauf derselben als Sekretär beschäftigte , hatte einen Einblick in seine Börsenmanipulationen gehabt . Der reiche Mann war ferner im Besitz jener glücklichen Begabung gewesen , welche hinter einer stets aufgescheuchten undurchdringlichen Wolke funkelnden Goldstaubes die dunkle Kehrseite der Dinge und Verhältnisse unsichtbar zu mache weiß . Und so wäre es ihm doch vielleicht trotz der Nachricht von seinen Verlusten geglückt , auf immer als Opfer seiner Liebhaberei für das historisch merkwürdige Pulver im Turmkeller der Burgruine beklagt zu werden , wenn er sich nicht in der Dosis des modernen Sprengstoffes vergriffen hätte – das war die “ in den Kulissen gebliebene Lücke , durch die man der Wirklichkeit auf den Leib gehen würde , ” wie Flora gesagt hatte . Während sich somit in der Stadt noch eine unausbleibliche Katastrophe lawinenartig vorbereitete , gingen auch im Trauer-Hause unheimliche Wandlungen vor sich . Am ersten Tage waren alle Befreundeten des Hauses herbeigeeilt , und hatten bei aller Gedämpftheit der Stimmen und Schritte dennoch eine Art von Tumult hervorgerufen ; am zweiten dagegen herrschte bereits eine tiefe , schwüle Stille in Erdgeschoß und Bel-Etage , die um so drückender erschien , als die Läden vor den meisten der zertrümmerten Scheiben lagen und nur ein ungewisses , beklemmendes Halbdunkel zuließe . Noch ahnte die Frau Präsidentin nicht , daß nach dem furchtbaren Ereigniß ein zweiter Sturz erfolgen werde ; noch konzentrierte sich all ihr Sinnen und Denken auf das , was nach dem unrettbar Zerstörten von dem großen Vermögen geblieben und wem es zufallen würde . Mit der ganzen Selbstsucht des Alters gingen ihre Gedanken bereits völlig über den Toten hinweg . Nie war überhaupt das egoistische Element , das die Großmutter und ihre älteste Enkelin in gleichem Grade beseelte , so kraß und nackt hervorgetreten , wie in diesen Tagen der Heimsuchung . Flora hatte der Präsidentin sofort nach der Entscheidung in kurzen Worten angezeigt , daß sie ihr bräutliches Verhältniß zu Doktor Bruck gelöst habe , ohne die Motive zu diesem Entschluß auch nur zu berühren , und die alte Dame war nichts weniger als wißbegierig gewesen – sie hatte , für einen Moment aus ihrem fieberisch angestrengte Grübeln und Brüten aufgeschreckt , halb blöde emporgesehen und sich mit einem Achselzucken begnügt . Wie wenig bedeutend erschien diese Schicksalswendung im Leben der Enkelin neben der Tragödie , die eine hochgestellte , verwöhnte Frau plötzlich aus wahrhast fürstlichem Luxus in die beschränktesten pekuniären Verhältnisse zurückzuschleudern drohte ! Dann hatte sich Flora in ihre Zimmer zurückgezogen ; unter dem Vorwande heftigen Unwohlseins