Orte verknüpft , - so mochte sie gehen oder bleiben , - so war sie frei . Das war freilich noch nicht jene Freiheit , - von der er gesprochen . Mit wehmütiger Inbrunst barg sie das Bild , dessen Glanz auf ihr Leben gefallen war , tief in ihrem Herzen . Sie verschloß es da so fest , wie jene uralte , bronzene Urne verschlossen war . Leuchtend und unnahbar baute sie in ihrem Herzen , weiß und steinern , ein Grabmal um diesen teuren Überrest ihres Glückes , und ihr rotes Blut rauschte darüber , - wie das Laub einer einsamen Buche ... Wenn sie jetzt an Rom dachte , so war es nicht mehr mit den Worten aus dem Tasso : » Schmerz , Verwirrung , Trübsinn harrt in Rom auf dich . « So hatte sie nur denken können , solange es hier Stunden gegeben , auf denen das Licht ihrer Liebe lag . Jetzt ? Wo konnte sie einsamer sein , wo konnte die Trübsal sie schneller erreichen als hier ? Sie dachte jetzt mit anderen Worten Goethes : » Trübe der Himmel und schwer auf meine Scheitel sich senkte , - farb- und gestaltlos die Welt um den Ermatteten lag ... « Und eine unüberwindliche Sehnsucht nach dem » Glanz des helleren Äthers « wurde immer stärker in ihr . Stanislaus riet dringend zur Reise . Er ahnte , was sie hier gelitten , und er wußte , daß ihre empfängliche Seele jetzt Sonne und wieder Sonne brauchte , um aufzuleben ; und da es nicht die Sonne eines glücklichen Schicksals sein konnte , so mochte es der Glanz der südlichen Landschaft sein , von dem er für sie Erweckung zu neuem , starkem Lebenskampf erwartete . Sie sollte sich um die Führung ihrer Korrespondenz keine Sorgen machen , Lore war gut informiert , würde ihr die wichtigsten Einläufe nachsenden und den Vertrieb geschickt besorgen . Sie sollte nicht zögern und reisen , nicht für wenige Wochen , nein , dem ganzen , deutschen Winter sollte sie entfliehen und erst im Frühling oder im Sommer , mit neuen Kräften , wiederkehren . Olga meinte , es sei nur selbstverständlich , daß Lore unter solchen Verhältnissen Mitbesitzerin der Korrespondenz würde . Stanislaus schob jede endgültige Regelung dieser Frage hinaus ; nach ihrer Rückkehr würde sich das finden . Der Plan der Reise gewann immer festere Gestalt . Wenn Olga zu ihren Wegen nach der Stadt meist nur die Mittagsstunden benutzen konnte , nach Hause kam , mit kalten , nassen Füßen und bald nach dem Mittagessen die Lampe anzünden mußte , da schoben sich ihr zauberhafte Szenerien , wie Luftspiegelungen , vor die Seele . Da war das Meer , das sie nie gesehen , - tiefblau funkelnd , mit zart bewegten Hügeln , aus deren geborstenem Kamm es weißlich schäumte , - mit Dampfern und Seglern auf dem Rücken und Vogelscharen über sich , deren geschlossenen Flug sie wie eine dunkle , sich bewegende Linie zu sehen glaubte . Sie sah eine Küste , mit hellen , flachgedeckten Häusern , frohlockend im Sonnenlicht . Die schlanken Kegel der Zypressen und die raumheischenden Kronen der Pinien , die nachbarliche Verschlingung nicht dulden , hoben sich vom Horizont . Sie sah Oliven und Reben flinkfüßig über wellige Hänge klettern und über allem , zitternd und schwingend , das weiße , durchsichtige Licht des Südens . Und dabei saß sie in einer Berliner Vorortsstube bei der Lampe oder eilte , in Nässe und Kälte , mit schweren Kleidern , durch die Straßen . Und sie blickte auf einen kleinen Sonnenfleck , der manchmal längere Zeit auf dem Boden der Loggia blieb , und ihre Phantasie weitete ihn und spannte ihn über das Firmament . Die Sonne , die Sonne - das war jetzt für sie das gelobte Land . War es Manfreds Tod , oder waren es die Worte aus Werners Brief , die ihre Seele gereinigt hatten von jenem » dunklen Zwang « , die sie hochgehoben hatten über das wühlende Leid , welches vordem ihren Lebenswillen zu begraben drohte ? Über dem Leid , das sie jetzt empfand , lag ein Hauch von Frieden , - Wehmut war gekommen und hatte Erbitterung , Auflehnung und den finsteren Gram verdrängt . Nur für Stunden kam noch diese Bitterkeit über sie , die einem Schicksal galt , das sich durch keinen Besitz gefestigt fühlte . Sie ging nun diesen Winter nach Italien , - wie sie im vorigen nach Schlesien gereist war . Ob ihr Weg sie in Schnee und Winter oder zum Lichte des Südens führte , - wen ging es an , wer fragte danach ! Verlassen damals , vereinsamt heute und niemand gehörig , heute wie damals . Aber mit wiederkehrender Kraft schwang sie sich mutig über solche Stimmungen , die sie verdüsterten . Sie bemühte sich , die Wohnung zu vermieten , und nach kurzer Zeit gelang es ihr . Nun hieß es , die Möbel in Aufbewahrung geben . Ein Teil kam zu Stanislaus und Lore , der Rest , für den dort kein Platz war , zum Spediteur . Es war eine lästige Arbeit für sie , all ihre Habe vom kleinsten bis zum größten Gegenstand , durch ihre Finger gehen zu lassen und bei jedem Stück zu überlegen : wohin damit , - was brauche ich davon , was kann ich entbehren , wohin lege ich dies und wohin jenes , damit ich es auch seinerzeit wiederfinde . Ihre überflüssige Garderobe verpackte sie in Koffer , und als sie nach einiger Zeit merkte , daß sie doch noch manches Stück daraus brauchte , da lagerten die Koffer schon im Keller des Spediteurs , und sie mußte hinuntersteigen und allein in dem weiten , dunklen Keller in ihren Koffern nach den gewünschten Sachen suchen ; und weil ihre Seele noch wund und empfindlich war , so prägten sich solche Szenen der Düsterheit , die Zeugnis ablegten von zerrissenem Besitz , von