an der Bettseite nieder : » Vater , mein teurer , armer Vater ! ... « Er erhob seine Hand über meinem Scheitel : » Dein Wunsch « ... sprach er mühsam - » sei erfüllt ... ich flu- ich verflu- « Er konnte nicht weiter reden und sank in die Kissen zurück . Mittlerweile war Bresser herbeigekommen und gab auf unser ängstliches Fragen Bescheid : Ein Herzkrampf hatte meinen Vater getötet . » Das Fürchterlichste ist , « sagte Tante Marie , nachdem wir ihn begraben , » daß er mit einem Fluch auf den Lippen verschied . « » Laß das gut sein , Tante , « beruhigte ich sie . » Wenn dieser Fluch erst von Aller - Aller Lippen fiele , so wäre das der Menschheit größter Segen . Das war die Cholerawoche von Grumitz ! In einem Zeitraum von sieben Tagen zehn Bewohner des Schlosses dahingerafft : Mein Vater , Lilli , Rosa , Otto , meine Jungfer Netti , die Köchin , der Kutscher und zwei Stalljungen . Im Dorfe starben in derselben Zeit über achtzig Personen . Wenn man das so trocken hersagt , klingt es wie eine beachtenswerte statistische Notiz ; wenn es in einem erzählenden Buche steht - wie ein übertreibendes Phantasiespiel des Autors . Aber es ist weder so trocken wie das Eine , noch so schauerromantisch , wie das Andere , es ist kalte , greifbare , trauerreiche Wirklichkeit . Nicht Grumitz allein war in unserer Gegend so hart mitgenommen worden . Wer in den Annalen der nachbarlichen Ortschaften und Schlösser , nachblättern will , könnte daselbst viele ähnliche Fälle von Massenunglück finden . Da ist zum Beispiele - in der Nähe des Städchens Horn - das Schloß Stockern . Von der Familie , die es bewohnte , sind in der Zeit vom 9. bis 13. August 1866 , gleichfalls nach Abmarsch der preußischen Einq artierung , vier Mitglieder - der zwanzigjährige Rudolf , dessen Schwestern Emilie und Bertha , Onkel Candid - und außerdem fünf Personen Dienerschaft - der Seuche erlegen . Die jüngste Tochter , Pauline von Engelshofen , blieb verschont . Dieselbe hat sich in der Folge mit einem Baron Suttner vermählt - auch sie erzählt heute noch mit Schaudern von der Cholerawoche in Stockern . Es war damals eine solche Trauer- und Sterberesignation über mich gekommen , daß ich stündlich erwartete , der Tod - in dessen Zeichen das Land seit zwei Monaten stand - werde nun mich selber und meine anderen Lieben dahinraffen . Mein Friedrich - mein Rudolf : ich beweinte sie schon im voraus . - Doch , bei alledem , mitten in meinem Harme , hatte ich doch süße Augenblicke . Das war , wenn ich an meines Gatten Brust gelehnt , von ihm liebend umschlungen , mein Leid an seinem treuen Herzen ausweinen durfte . Wie sanft er da - nicht Trost- , aber Worte des Mitschmerzes und der Liebe zu mir sprach , es wurde mir dabei so warm und weit ums eigene Herz ... Nein , die Welt ist nicht so schlecht - mußte ich unwillkürlich denken - die Welt ist nicht ganz Jammer und Grausamkeit : es lebt in ihr das Mitleid und die Liebe ... freilich erst in einzelnen Seelen , nicht als allgültiges Gesetz und als obwaltender Normalzustand - aber doch vorhanden ; und so wie diese Regungen uns zwei durchglühen , mit ihrer milden Rührung selbst diese Schmerzenszeit versüßend - so wie sie noch in vielen anderen , ja in den meisten Seelen wohnen , so werden sie einst zum Durchbruch gelangen und das allgemeine Verhalten der Menschenfamilie beherrschen : die Zukunft gehört der Güte . - - - - - - - - - - - - - - - Wir verbrachten den Rest des Sommers in der Nähe von Genf . Es war Doktor Bressers Überredungskunst doch gelungen , uns zur Flucht aus der verseuchten Gegend zu bewegen . Anfangs sträubte ich mich dagegen , die Gräber der Meinen so rasch zu verlassen und war überhaupt , wie gesagt , von solcher Todesergebung erfüllt , daß ich ganz apathisch geworden und jeden Fluchtversuch für unnütz hielt ; - aber schließlich mußte Bresser dennoch siegen , als er mir vorhielt , daß es meine Mutterpflicht sei , den kleinen Rudolf so gut wie möglich der Gefahr zu entreißen . Daß wir als Zufluchtsort die Schweiz gewählt , geschah auf Friedrichs Wunsch . Er wollte sich mit den Männern bekannt machen , welche das » Rote Kreuz « ins Leben gerufen und an Ort und Stelle über den Verlauf der stattgehabten Konferenzen , so wie über die weiteren Ziele der Konvention sich unterrichten . Seinen Abschied vom Militärdienst hatte Friedrich eingereicht , und vorläufig , bis zur Erledigung des Gesuches , einen halbjährigen Urlaub erhalten . Ich war nun reich geworden , sehr reich . Der Tod meines Vaters und meiner drei Geschwister hatte mich in den Besitz von Grumitz und des sämtlichen Familienvermögens gesetzt . » Sieh her , « sagte ich zu Friedrich , als mir vom Notar die Besitzdokumente übermittelt wurden . » Was würdest Du dazu sagen , wenn ich den stattgehabten Krieg nun preisen wollte , wegen dieses durch seine Folgen mir zugefallenen Vorteils ? « » Dann wärst Du meine Martha nicht ! Doch - ich verstehe , was Du sagen willst . Der herzlose Egoismus , der sich über materiellen Gewinn zu freuen vermag , welcher aus dem Verderben Anderer sproßt - diese Regung , die der Einzelne , wenn er wirklich niedrig genug ist , sie zu fühlen , doch sorgfältig zu verbergen trachtet - zu der bekennen sich stolz und offen Nationen und Dynastien : Tausende sind unter unsäglichem Leid zu Grunde gegangen - aber wir haben dadurch an Territorium , an Macht gewonnen : dem Himmel sei Preis und Dank für den glücklichen Krieg . « Wir lebten sehr still und zurückgezogen in einer kleinen , am Ufer des Sees gelegenen Villa . Ich