» Und doch bin ich Karl Schmoller . Das Leben muß man kennen , siehst de woll ! « » Natürlich . Die Wissenschaftlichkeit ist der Tod der Poesie und lockt keinen Hund vom Ofen . Solche zusammenspintisirten greisenhaften Experimentalromane wie Goethe ' s Wahlverwandtschaften fußen auf wissenschaftlicher Grundlage - und mißlingen doch . Hingegen , als Goethe sich die Werther-Krankheit vom Leibe schrieb , da zeigte er uns den richtigen Weg . Man muß seine Dichtung gleichsam mit erleben ; dankt erst bildet sich etwas Lebenswahres . « » Ja wohl , « fiel Schmoller ein . » Darum verweben alle großen Schriftsteller ihre Erlebnisse auf oft kaum merkliche Weise in ihre Erfindungen . So z.B. habe ich ... « » Allerdings , « unterbrach ihn Leonhart , » ist der hohe Lohn der absoluten Lebenswahrheit nur um den Preis einer schonungslos in den eignen Eingeweiden wühlenden Arbeit zu erringen . Aus diesem Grunde sind all die guten Rathschläge und Empfehlungen naturwissenschaftlicher Studien und gelehrter Experimentalmethode in hohem Grade unwissenschaftlich d.h. unwissend über den psychologischen Prozeß der wahren Dichtung , dieses nur dem Dichterdenker erschlossenen Räthsels . - Das echte Poeten-Ingenium beobachtet , fühlt und denkt einfach schärfer , tiefer und schneller , als die Durchschnittsmenschen , seien diese nun wissenschaftlich oder unwissenschaftlich . Es besitzt tausend unentdeckbare Saugfäden , mit denen es gleichsam naiv-unbewußt und instinktiv alle Bildungselemente in sich saugt . Daher die vielen Momentphotographieen naturalistischer Beobachtung in den Werken großer Dichter , die z.B. den alten Homer zum echten Naturalisten stempeln . « » Jaja , Du docirst heut wieder einen schönen Stiebel zusammen , « gähnte Schmoller , der von der ganzen Auseinandersetzung , bei seiner verblüffenden Stumpfheit allem Theoretischen und Abstrakten gegenüber , kein Wort verstanden hatte . » Kurzum , ein wahrer Dichter ist ein großer Realist . « » Aber nicht jeder große Realist ist ein Dichter , « wendete Leonhart ein . » Ein wahrer Dichter ist auch ein Realist , weil er ein Dichter ist . Aber Realismus ohne Poesie ist gar keine Poesie . Realismus ist kein Zauberwort , das feuilletonistisch-schriftstellerische Anlagen zu dichterischer Anschauung ummodelt . Man ist entweder ein Dichter oder man ist es nicht . Ob man die Jungfrau von Orleans oder eine Demimondaine schildert , ist dabei gleichgültig . Beides soll man lebenswahr schildern - nicht wie Schiller ' s Jungfrau oder Dumas ' Kameliendame . Aber das Realistische kommt doch immer erst in zweiter Linie - die Hauptsache ist , daß etwas bedeutend sei . « Er machte sich auf den Heimweg . Irgend Etwas in diesen Bemerkungen mußte wohl auf Schmoller als unbewußt anzüglich gewirkt haben . Wenigstens äußerte er nachher zu Ambrosius Sagusch , den er gleich darauf im » Café Keck « traf , ( wo dieser Sokrates eine Phryne väterlich liebkoste und zur Xanthippe umwandelte , da er sie hinterher nicht » frei hielt « ) - : » Ein ganz begabter kleiner Mensch , dieser Leonhart . Wenigstens als Lyriker ist er ganz bedeutend . Aber sociale Romane will der schreiben ? Lächerlich ! Hat der je ein Berlinisches Lokal-Sittenbild geschrieben , wie ich schon mit zwanzig Jahren ? Und das ist doch das einzig Wahre ! « Als der Andere nicht recht mit der Sprache herauswollte , fuhr er verdrossen fort : » Dieser Mensch ! War der Stammgast je in einer Droschkenkutscher-Destille wie das Kind im Hause ? Das ist mein größter Stolz . Noch nicht ins Leben hineingespuckt hat er ! Immer die Taschen voll Geld gehabt ! Nein , der vermag nicht das Leben zu erfassen . Das ist meine ehrliche Meinung , an der ich erst wankelmüthig werden werde « ( er meinte , in grammatisches Deutsch übersetzt : » die erst wankend wird « ) , » an dem Tage , wo er gehungert haben wird wie ich . « » So , hast Du schon mal gehungert ? « fragte Sagusch trocken . » Beiläufig leih mir doch mal fünf Mark bis morgen ! « ( Unter morgen verstand der zukunftschauende Prophet des Jüngsten Deutschland natürlich das Jüngste Gericht . ) » Bedaure , bin selbst nicht bei Kasse ! « lachte Schmoller auf und verzog sich eilig , indem er den Hohngesang anstimmte : » Nenne mich Du ! Nenne mich Du ! « ... » Ein großartiger Kerl , der Schmoller , « dachte Leonhart . » Und wenn er auch ein Schweinehund sein mag , er hat sicher auch gute Seiten . Allerdings bleibt er ewig in seiner beschränkten Sphäre kleben . Ueber all solchen Detailarbeiten thront aber die kosmische Individualität in ihrer umfassenden Bedeutung , in der wie in einem Brennspiegel alle Strahlen des Realismus sich einen . Hocherhaben über neidisches Gekläff wie über die Blindheit unreifer Philister , schreitet die große Dichtkunst der Zukunft , des idealen Realismus und realen Idealismus , ihre dornige nebelverhüllte Bahn hinauf zum Gipfel des Berges . Haltet den Mund und arbeitet ! Das möge sich Jeder zurufen der sich berufen fühlt zum großen Werk der Erneuerung . « Er dachte dies mehr unbewußt . Ader hätte ihn Jemand gefragt , wen er sich unter der kosmischen Individualität vorstelle , so wäre er entweder die Antwort schuldig geblieben oder hätte sein Erhabenheitsgefühl zu der unerschrockenen Offenheit gesteigert : Mich selbst . Allein , ein dunkles Gefühl seines Größenwahns drängte sich ihm dennoch auf und er erwog mit ruhigem Stolz , ob er an wirklicher Größe oder an Größenwahn kranke , ob er seine unleugbar hohe Bedeutung am Ende nicht doch überschätze . Konnte er nicht bloß der Marlowe eines Shakespeare sein ? Wozu theoretisirte er noch so viel ? Das sollte das Genie doch nicht thun . Vielleicht weilte der wahre große Dichter der Zeit noch unbekannt in unsrer Mitte , und wandelte schweigend in den Werkstätten umher , auf daß des Dichters Wort erfüllet werde : » Der König Karl am Steuer saß , der hat kein Wort gesprochen , Er