lag etwas im Klang und Tonfall seiner Stimme , was ihm sogar imponierte . Die Stimme hatte metallischen Klang und zugleich etwas Kommandomäßiges , Herrisches , ohne Überhebung ; der Kopf hatte scharfes Relief , wie aus Eisen gegossen . Unbeirrt durch den prüfenden Blick Raßlers fuhr Pfaffenzeller fort - so ruhig und bestimmt , als verfechte , er die Sache eines Dritten : » Ich habe bemerkt , daß auch die anderen Leute mit schwieligen Händen bei ihren Arbeiten im Gußwarenmagazin sich der Putzwolle oder gewöhnlicher Lumpen bedientest , um ihre Haut zu schützen . Da meine Hände doch noch etwas mehr empfindlich sind , weil ich jahrelang vorwiegend in Büreaus thätig gewesen , und ich mit Lumpen nicht ordentlich zugreifen konnte , so zog ich ein Paar alte Handschuhe an . Das war ' s. « » Und Sie glauben nicht , wenn Ihnen Nordhäuser sagte , der Handschuhe wegen hätte man Sie entlassen ? Warum glauben Sie nicht ? « » Weil der Grund ein kleinlicher wäre , ein so kleinlicher , daß ein richtiger Geschäftsmann sich schämen müßte , ihn ihm Ernste vorzubringen . Meine Vermutung , was der wirkliche Grund meiner Entlassung sei , wurde bald bestätigt . Ein Kollege teilte mir heute Mittag mit , Herr Nordhäuser habe schon vor einigen Tagen die Bemerkung fallen lassen , ich wäre vom Polizeikommissär und noch von anderer Seite - sehr wahrscheinlich vom Direktor in Penzberg - als Sozialdemokrat bezeichnet worden und in der Arbeiterliste auf der Polizei stände schon längst hinter meinem Namen das böse Zeichen SD , womit ich der besonderen Ausspionierung angelegentlichst empfohlen sei . « » Und das sagen Sie so ruhig , junger Mann ? « » Gewiß , denn es ist eine elende Verleumdung . Wäre ich je Anhänger der heutigen Sozialdemokratie gewesen , meine Beobachtungen hätten mich davon geheilt . « » Also verkehrten Sie mit Sozialdemokraten ? « » Ich habe über die Sozialdemokraten und ihre Lehren die maßgebenden Schriften gelesen und zur Ergänzung meiner Studien habe ich an einigen sozialdemokratischen Versammlungen teilgenommen als stiller Beobachter . Neulich im Lehel in der Sankt Annabrauerei , wo sie über die Arbeiterwohnungsfrage debattierten , bin ich zum letztenmal dabei gewesen ; man hat mich als verdächtiges Subjekt gemustert und beinahe hinausgeworfen . Ich bin von selbst gegangen . Die Leute konnten mir nichts mehr neues bieten . Es ist wie der Hund , der , wenn ihn die Flöhe beißen , nach seinem Schwanz schnappt und wie toll im Kreise herumfährt ; der Grund dieser Bewegung ist einleuchtend , aber bei der Art der Bewegung kommt nichts heraus . Die Flöhe beißen- sich nur um so tiefer ins Fleisch . Ich bitte um Entschuldigung , Herr Kommerzienrat , wegen des drastischen Vergleichs . « » So , so , bei den Sozialdemokraten im Lehel haben Sie Ihre Abende zugebracht ... « » Verzeihung , nur wenige Abende und bloß studierenswegen . « » Das ist gleich . Die Thatsache genügt , daß man Schlimmes von Ihnen denkt . « » Mir genügt sie auch , jedoch in einem andern Sinne . Traurig genug , daß man sich bei den herrschenden Klassen in besseren Geruch bringen kann , wenn man die Abende , statt sie mit sozialen Studien und Beobachtungen auszufüllen , in den Kneipen totschlägt oder mit Vereinssimpeleien und lüderlichen Frauenzimmern verbringt . Das gilt nicht für staatsgefährlich , denn es ist in den besten Kreisen Sitte . Hätte ich Geld dazu , wurde ich am Abend die besseren Abführungen im Theater besuchen und gute Vorträge hören . Allein das Gute ist zugleich das Teuere und das Teuere können sich nur die wohlhabenden Leute leisten . Ich bin leider noch nicht wohlhabend . « » Nein , Sie sind jetzt der freie Mann mit dem leeren Portemonnaie und dem Kopf voll sozialdemokratischer Studien und ihre Stellung ist futsch . « » Sehr gütig , Herr Kommerzienrat . Zunächst liegt mir nicht an der Stellung , sondern den wahren Grund zu erfahren , warum ich sie verloren habe . Daß ein fleißiger Mensch davongejagt werden kann wie ein Hund , ist schon stark genug von einer Geschäftsverwaltung , die sich selbst respektiert , daß man aber auch noch mit Lügen , Verleumdungen und Ausreden davongejagt wird , ist beleidigend . « » Was wollen Sie also , kurzgesagt ? « » Ich will , daß Sie Ihren Verwalter Nordhäuser veranlassen , den wahren Grund und die Quelle zu nennen ... « » Dazu kann in meinem Geschäfte niemand gezwungen werden . « » Gut . Der Herr Kommerzienrat ist also als Chef gegen seine eigene Beamtenmaschinerie machtlos oder hat nicht einmal den Willen zur Macht , was auf das Gleiche hinausläuft . Ich bedauere , meine Zeit mißbraucht zu haben . « » Was haben Sie vor ? « » Ich werde nun den Baron v. Drillinger aufsuchen und ihm die Sache vortragen , vielleicht kann er für mich erreichen , was Sie ablehnen , vielleicht mir auch zur Wiedererlangung einer Stellung behilflich sein . Vorläufig druckt mich keine Not als das mir widerfahrene Unrecht . « » Unrecht ! Unrecht ! « rief Raßler phlegmatisch . » In einem großen Geschäfte mit hunderten von Arbeitern muß auf Disziplin gehalten werden . Das verstehen Sie nicht . « » Im Gegenteil , das verstehe ich sehr wohl . Aber ich gebe nicht zu , daß man sich auf Disziplin hinausredet , wo man ein handgreifliches Unrecht begeht . Die Soldatenschinder kennen ja auch den Kniff . « » Sind Sie mit dem Baron verwandt ? « » Nein . « » Sie kennen ihn schon länger ? « » Ja und nein , je nach dem , was man unter kennen versteht . « » Was halten Sie , von ihm ? « » Was ich von ihm halte ? Das kann wohl für Sie gleichgültig sein , für meine Sache ist es gleichgültig . « » Ihr Urteil interessiert mich .