er eine andere sich die Hände wund ringen im bittersten Seelenjammer ; von der weiten Gotteswelt aber , die sich zum ersten Male vor ihm auftat , sah er leider wenig , was - versteht sich in anderer Stimmung - sein Neulingsauge erquickt haben würde . Er hätte sich , wie bei seinem ersten Abenteuer eine Universität , so heute beim zweiten eine Reise anders denken können . Endlose Stoppel- oder Rübenfelder , wirres Bahnhofsdrängen und Treiben , langweilige Gesichter , Gesellen ohne Reiselust wie er selbst , und bald sah er nichts mehr , denn es kam die Nacht , und mit der Nacht kam endlich auch der Genius , der selbst den Unruhigsten ruhig macht . Als des Schaffners Ruf : » Station Deutz ! « den Genius verscheuchte , rang sich das erste Morgengrauen durch den Nebel , der über dem Rheinstrom brütete . Der nordwärts führende Zug ließ ihm so viel Zeit , um über die Schiffbrücke zu gehen und einen Blick auf den Torso des Domes zu werfen , dessen Herstellung seit etlichen Jahren mit so viel Eifer betrieben wurde . Das Königswort , das dieses » Werde « rief , hatte in der Pfarre von Werben einen mächtigen Widerhall gefunden . Es deutete gleich einem Meisterspruch auf einen weit größeren und noch weit unfertigeren Bau , für welchen Hammer und Kelle zu rühren waren . Die Erinnerungen seiner glorreichen Zeit und die Entsagungen , die ihnen folgten , wurden in dem Greise jung ; zum ersten Male empfing der Sohn aus dem Munde des alten Christen die Lehre des alten Heiden , daß es süß sei , für das Vaterland zu sterben . Und dieses Lehrwort wachte an diesem Morgen in seiner Seele auf , als er in dem Irren nach einem sein Vaterland fliehenden betörten Kinde den Strom überschritt , der , von sich hebenden Dunstschleiern umflattert , glanzlos und doch majestätisch , breit und ruhig zu seinen Füßen wallte . Auch dieser Fluß galt ja als Symbol . In gärenden Zeiten wirkt alles Bedeutende als ein Deutnis , und die Zeit , in welcher Dezimus Frey ein Jüngling hieß , kennzeichnete ja durchweg ein gleichsam dichterisches Ringen aus der Vorstellung in die Darstellung . Jählings haftete sein Blick , starrte sein Schritt . Herr der Welt ! Wer ist die jugendlich schmächtige Gestalt , die , bleich wie ein Schatten , mit weiten , übernächtigen Aug en , bebend und schwankend sich über das Gitter beugt , so als ob die nebelumwogten grauen Fluten sie zugleich lockten und schreckten ? Der Hut ist vom Kopfe in den Strom gesunken ; der feuchte Morgenwind weht durch die wirren , gelben Locken . » Philipp ! « schreit Dezimus auf , und - der verlorene Sohn taumelt halb ohnmächtig in seine ausgespannten Arme . Er zog ihn in das nächste Wirtshaus am Kölnischen Ufer ; ein warmer Trunk belebte ihn , die beklommene Brust erleichterte ein Tränenstrom . Ach , dieses ungestählte Muttersöhnchen , wie bald würde es den Heischungen der Macht , die es Freiheit nannte , erlegen sein an jedem Orte , wo es sie wirklich gefunden hätte , nicht bloß sie zu finden gewähnt ! In der Verfolgungsangst und doch wieder der Seligkeit eines der Galeere Entsprungenen hatte er sich keine Raststunde gegönnt , nur immer vorwärts gedrängt von einem Haltepunkt zum anderen , bis er den Werbeplatz am Zuydersee erreichte . Was er dort zu finden hoffte ? Eine deutliche Vorstellung wird er nicht gehabt haben . Aber einen bunten Schauplatz , einen lustigen Tummelplatz , vielleicht so etwas von einem preußischen Paradeplatz , auf dem man sang : » Ein freies Leben führen wir ! « Und statt dessen sah er das rohe Treiben und Drillen der fremden Söldlinge - der Masse nach Deserteure , Vagabonden , Ausgestoßene aus dem Walle der Familie , der Heimat , der Gesellschaft ; mancher mit einem Kainszeichen auf der Stirn - , wurde er Zeuge einer körperlichen Züchtigung , die ihm das Blut erstarren machte . Ein wohlmeinender Bürger , mit dem er in einem Wirtshaus zusammentraf und den der Anblick des schönen , betörten Jünglingsknaben rührte , belehrte ihn , daß nach den neueren Bestimmungen kein Ausländer es im Kolonialdienst weiter als bis zum Unteroffiziersposten bringen könne , - und der Knabe hatte von Generalsepauletten , von Orden und Lorbeerkronen geträumt ! Der wohlmeinende Warner belehrte ihn fernerhin , daß unbärtige Bürschchen wie er fast ausnahmslos schon den Einflüssen des Klimas und seiner lockenden Bodenfrüchte erliegen , daß aber selbst abgehärtete , entsagungsstarke Männer sich nur in einem Bruchteil gegen die Strapazen des Dienstes behaupten , - und das Bürschchen hatte von lustigen Elefantenritten , von Tigerjagden in Palmenwäldern und einer Nabobsheimkehr geträumt ! Aus allen Himmeln gestürzt , entsetzt , verzweifelnd , kehrte der freiheitslüsterne Junge , wiederum ohne Atem zu schöpfen , die Straße , die er gekommen war , zurück . Die Luft war kühl und seine Kleidung noch sommerlich , sein Sparpfennig aufgezehrt . Hungernd , übernächtig , schauernd vor Frost , schaudernd vor Angst und Scham stand er nun auf der Rheinbrücke von Köln zwischen der Wahl - der Heimkehr , als Bettler und Vagabond ? nein , der Heimkehr nicht ; aber vor der , als Bettler und Vagabond sich bis über die Grenze zu einem Werbebureau für die französische Fremdenlegion durchzuschlagen oder durch einen Sprung in die Tiefe seinem Elend rasch ein Ende zu machen . So stand er , kaum mehr fähig zu einem Entschluß , und sehr möglich , daß die Erschöpfung den Taumelnden jedes Entschlusses überhoben haben würde , wenn der Stern der Glücklichen ihm nicht einen Wegweiser mit stämmigen Armen entgegengeführt hätte . Dezimus erfuhr diese klägliche Robinsonade von vier Tagen erst nach und nach in weit späterer Stunde . In der gegenwärtigen begnügte er sich , zu dem Ausgehungerten zu sagen : » Iß ! « und nachdem er sich sattgegessen , zu dem Übermüdeten : » Nun schlaf