und nun kamen die letzten Tage des Januar , und mit ihnen Dagobert ... Ein tödlicher Schrecken durchfuhr mich , als es hieß , der Herr Lieutenant sei mit Sack und Pack angekommen - so nahe , stieg der gefürchtete Moment tiefdunkel und riesengroß vor mir auf , ich mochte die Augen schließen , um ihn nicht zu sehen ; und doch sagte ich mir , daß ein rasch befreiender , schmerzhafter Schnitt dem Schweben zwischen Fürchten und Hoffen vorzuziehen sei . Mochte doch die Entscheidung fallen , wie sie wollte , ich war dann meiner unseligen Mitwissenschaft ledig , ich durfte sprechen und meinen Leichtsinn reuig bekennen . Das waren schwere Tage für mich ; denn auch noch eine andere Last bedrückte meine Seele - mein Vater erschien mir plötzlich unheimlich verändert . Sein ganzes Thun und Wesen erinnerte mich an die Zeit , wo es sich um den Ankauf der Münzen gehandelt hatte ; er aß nicht , und des Nachts hörte ich ihn ruhelos umherwandern . Eine befremdliche Flut von Briefen aus allen Richtungen her überschwemmte ihn , und mit jedem neuen , den er hastig erbrach , erhöhte sich die Fieberglut auf seinem eingefallenen Gesicht . Er schrieb anhaltend , aber nicht an dem Manuskript , das den Fund in der Karolinenlust behandelte - es lag unberührt auf dem Schreibtisch ... Angestrengt lauschte ich auf das Gemurmel seiner Selbstgespräche , unter denen er oft das Zimmer durchmaß ; aber ich konnte kein Wort verstehen , und zu fragen wagte ich nicht , um ihn nicht ungeduldig zu machen . Nie werde ich die Stunden vergessen , in denen seine gewaltsam beherrschte innere Unruhe endlich zum Durchbruch kam ! Es war an einem jener trüben , dunklen Winternachmittage , die sich wie Blei über die Erde und die Menschenseelen legen . Mein Vater hatte sich nach Tische in sein Zimmer zurückgezogen und die eben eingelaufenen Zeitungen mitgenommen . Schon nach wenigen Minuten hörte ich ihn drinnen aufspringen ; er schlug die Thüre krachend zu und rannte hinauf in die Bibliothek . Angstvoll ging ich ihm nach . » Vater ! « rief ich bittend und umschlang ihn , als er , ohne mich zu bemerken , an mir vorüberstrich . Ich mußte wohl sehr erschrocken aussehen ; denn er fuhr mit beiden Händen durch die Haare und bemühte sich sichtlich , ruhig zu scheinen . » Es ist nichts , Lorchen , « sagte er gepreßt . » Gehe nur wieder hinunter , mein Kind ... Die Leute lügen ! Sie gönnen deinem Vater den Ruhm nicht - sie wissen , daß sie ihm den Todesstoß versetzen , wenn sie ihm seine Autorität antasten ... Und nun kommen sie zu Haufen , und jeder hat einen Stein in der Hand ... Ja , steinigt ihn , steinigt ihn ! Er hat schon allzulange geleuchtet ! « Er schwieg plötzlich und sah über meinen Kopf hinweg nach der Thüre . Eine Dame war geräuschlos eingetreten , eine hohe Erscheinung in schwarzem Samtmantel und breitem Hermelinkragen . Sie schlug einen weißen Schleier zurück - Himmel , welche Schönheit ! Ich mußte an Schneewittchen denken - Augen , schwarz wie Ebenholz , die Stirn weiß , und auf den Wangen lag eine sanfte Rosenglut . Mein Vater starrte sie befremdet an , während sie mit schwebenden Schritten auf uns zukam . Ein feines Lächeln flog um ihren Mund , und schelmisch blinzelnd streifte ihr Seitenblick meinen Vater - das sah reizend , fast kindlich ungezwungen aus ; und doch meinte ich , hinter den harmlosen Gebärden müsse ein ängstliches Herz klopfen , die kirschroten Lippen zuckten in nervöser Aufregung . » Er kennt mich nicht , « sagte sie in wohllautenden Tönen , als mein Vater konsequent schwieg . » Ich werde ihn wohl an die Zeit erinnern müssen , wo wir im Garten zu Hannover gespielt haben , wo die ältere Schwester willig als Pferdchen umhergaloppierte und Wilibalds Peitsche zu fühlen bekam - weißt du noch ? « Mein Vater wich zurück , als kämen aus dem Samtmantel der wunderschönen Frau die Krallen eines Ungeheuers . Mit einem eisigen Blick maß er sie von Kopf bis zu Füßen - nie hätte ich gedacht , daß dieser stets so unsicher umherhastende Mann ein so festes Gepräge abweisender Härte und Kälte anzunehmen vermöchte . » Ich kann mir unmöglich denken , daß Christine Wolf , die allerdings einst im Hause meines Vaters , des Herrn von Sassen , gelebt hat , in der That meine Schwelle betritt , « sagte er streng . » Wilibald - « » Ich muß sehr bitten , « unterbrach er sie und hob abwehrend die Hand , » wir haben nichts miteinander gemein ! ... Wäre es nur die Verirrte , die aus unbesiegbarer Neigung zur Kunst heimlich das mütterliche Haus verlassen hat - ich nähme sie sofort auf - mit der Diebin aber will ich nichts zu schaffen haben . « » O mein Gott ! « Sie schlug die Hände zusammen und sah schmerzhaft gen Himmel - ich begriff nicht , wie er diesem Madonnenblick widerstehen konnte , wenn mich auch das Wort » Diebin « wie ein elektrischer Schlag berührt hatte . - » Wilibald , sei barmherzig ! Richte nicht so streng diese eine Jugendsünde ! « flehte sie . » Konnte ich denn die heißersehnte Laufbahn mit leeren Händen beginnen ? Die Mutter bewilligte mir keinen Pfennig , das weißt du , und es war doch so wenig , so geringfügig , was ich von der reichen Frau verlangte - « » Nur zwölftausend Thaler , die du aus ihrem festverschlossenen Sekretär mitnahmst - « » Hatte ich nicht doch ein Recht darauf , Wilibald ? ... Sage selbst . « » Auch auf die Brillanten unseres damaligen Gastes , der Baronin Hanke , welche mit dir spurlos verschwanden , und die meine Mutter mit den größten Opfern ersetzen mußte , nur um unser Haus vor der öffentlichen Schande zu