die keuschen Lippen , wie es meist der Fall , fest geschlossen waren . Und für dies kluge , sinnige , etwas bleiche Gesicht bildeten zwei dicke Flechten des reichsten , aschblonden Haares , die nach der Mode jener Zeit in der Höhe der Schläfen ansetzten und unter den Ohren weg nach hinten verliefen , einen köstlichen Rahmen . Der wunderschön geformte , feine Kopf war meistens etwas nach vorn oder zur Seite geneigt . Diese Haltung , verbunden mit dem gewöhnlichen Ernst des Gesichtes , ließen das Mädchen um mehrere Jahre älter erscheinen . Aber Arbeit und Sorgen verwischen bald den Schimmer der Jugend , und sie , die fast noch Kind war , kannte die Arbeit nur schon zu gut , und in ihr junges Leben hatte die Sorge nur schon zu düstere Schatten geworfen . In diesem Augenblicke aber zog ein Lächeln über das ernste Gesicht . Sie blickte über den Rand des Reißbrettes und sagte : » Wenn Sie wollen , können Sie aufstehen . « » Sind Sie fertig ? « erwiederte ich , indem ich sofort von der Erlaubniß Gebrauch machte und hinter ihren Stuhl trat . » Aber Sie sind ja immer noch bei den Augen . Wo nehmen Sie nur die Geduld her ? « » Und Sie die Ungeduld ? « antwortetete sie , indem sie ruhig weiter zeichnete . » Sie machen es gerade wie unser kleiner Oskar . Wenn der eine Bohne gepflanzt hat , gräbt er sie nach fünf Minuten wieder aus und sieht zu , ob sie schon gewachsen ist . « » Dafür ist er auch erst sieben Jahre . « » Also alt genug , um zu wissen , daß die Bohnen nicht in so kurzer Zeit wachsen können . « » Sie schelten immer auf Oskar , und doch ist er Ihr Liebling . « » Wer sagt das ? « » Benno hat es mir gestern in aller Heimlichkeit vertraut . Ich sollte es Ihnen aber nicht wieder sagen . « » Dann hätten Sie es auch nicht thun sollen . « » Aber Recht hat er doch . « » Nein , er hat nicht recht ; Oskar ist eben der Kleinste , und so muß ich mich seiner am meisten annehmen ; Benno und Kurt werden schon eher ohne mich fertig . « » Bis auf die Arbeiten , die Sie ihnen corrigiren . « » Nun , setzen Sie sich wieder . « » Aber sprechen darf ich doch ? « » Gewiß . « Ich hatte mich wieder gesetzt , aber es vergingen mehrere Minuten , während welcher ich stumm dem Arbeiten des Mädchens zusah . Ein Strahl der Abendsonne , der sich durch das dichte Laub der großen Bäume stahl , traf ihr Haupt und webte um dasselbe eine Aureole . » Fräulein Paula , « sagte ich . » Paula , « sagte sie , ohne aufzublicken . » Also Paula . « » Was ist ' s ? « » Ich möchte , ich hätte eine Schwester gehabt , wie Sie . « » Sie haben ja eine Schwester . « » Sie ist so viel älter , als ich und hat sich nie sehr um mich bekümmert , und jetzt wird sie vollends nichts mehr mit mir zu schaffen haben wollen . « » Wo sagten Sie , daß sie lebt ? « » An der polnischen Grenze . Sie ist an einen Steuerbeamten verheirathet - seit zehn Jahren ; sie hat viele Kinder . « » Da wird sie mit denen genug zu thun haben ; Sie dürfen ihr nicht bös sein . « » Ich bin ihr nicht bös , ich kenne sie kaum mehr , ich glaube , ich würde an ihr vorübergehen , wenn ich ihr auf der Straße begegnete . « » Das ist nicht gut ; Geschwister müssen zusammenhalten . Wenn ich dächte , ich begegnete Benno oder Kurt oder gar meinem kleinen Oskar nach zehn oder zwanzig Jahren auf der Straße und sie kennten mich nicht mehr - ich würde sehr unglücklich sein . « » Sie werden Sie schon kennen , und wenn funfzig Jahre darüber vergangen wären . « » Dann wäre ich eine alte Frau , aber so alt werde ich nicht . « » Weshalb nicht ? « » Dann sind die Knaben längst Männer und der Vater und die Mutter sind gestorben , was soll ich dann auf der Welt ? « » Aber Sie werden doch heirathen ? « » Nie , « sagte sie . Das klang so ernsthaft , und die großen , blauen Augen , die sie über das Reißbrett weg auf meine Stirne heftete , an welcher sie gerade zeichnete , blickten so ernsthaft , daß ich gar nicht lachen konnte , wozu ich einige Lust verspürt hatte . » Warum ? « fragte ich . » Bis die Knaben so sind , daß sie meiner nicht mehr bedürfen , bin ich zu alt . « » Aber Sie können ihnen doch nicht immer die Arbeiten corrigiren . « » Ich weiß nicht , mir ist , als müßte ich das immer . « » Auch wenn sie Latein und Griechisch lernen ? « » Ich lerne jetzt schon Latein mit ihnen , warum sollte ich nicht auch Griechisch lernen ? « » Griechisch ist verzweifelt schwer ; ich sage Ihnen , Paula , die unregelmäßigen Verben - da kommt kein Mensch durch , außer etwa Gymnasiallehrer , die ich aber meinerseits nie für richtige Menschen gehalten habe . « » Das ist wieder so eine von Ihren Spöttereien , die Sie Benno nicht hören lassen dürfen - er will Lehrer werden . « » Ich denke , das werde ich ihm noch ausreden . « » Thun Sie es nicht ! Weshalb soll er nicht Lehrer werden , wenn er Lust und Geschick dazu hat ? Ich weiß mir nichts Lieberes , als Jemanden etwas zu lehren