geschah ; denn sie konnte daraus ersehen , daß der ausgewiesene Hauslehrer trotz seiner Ausweisung fürs erste noch nicht den kläglichen Tod des Verhungerns in Aussicht habe . Hans Unwirrsch erklärte , daß es nicht seine Absicht sei , sich sogleich nach einer neuen Stellung als Präzeptor umzusehen , sondern daß er den Winter über als ein freier Mann in dieser Stadt leben und - ein Buch schreiben wolle . Mit Erröten sagte er das letztere , und er sagte es eigentlich auch nur für das Fränzchen , das denn auch lieblich überrascht auf- und den Kandidaten ansah . » Ich habe so vieles erlebt « , fuhr Hans fort , » aber es sieht bunt in mir aus , und es wird die höchste Zeit , daß ich mich zusammennehme und mich besinne . So will ich denn bis zum Frühling eine Stube mieten und still sitzen und zusehen was daraus werden mag . Was ich schreiben möchte , wüßte ich wohl schon , aber wie es herauskommt , das weiß nur der Himmel . « Fränzchen nickte lächelnd und , drückte die Hand auf das Herz , um sie dann mit feuchten Augen dem alten , einfältigen Hans zu reichen . Auch der Geheime Rat Götz reichte ihm die Hand , indem er sich zum zweitenmal aus seinem Sessel erhob , und wünschte ihm zu seinem Vorhaben in praesenti casu und in allen späteren Angelegenheiten das beste Glück . Das Haus verließ Hans Unwirrsch recht gern ; aber diese beiden Menschen verließ er mit gar schwerem Herzen . Die Herrin des Hauses bekam er nicht mehr zu Gesicht und seinen Zögling ebenfalls nicht . Das Dienstpersonal hätte ihn gern durch seine auf dem Hausflur aufgestellten Reihen Spießruten laufen lassen ; leider ließ er sich aber angrinsen , ohne die gewünschte ärgerliche Notiz davon zu nehmen . Er schritt über den knirschenden Kiesweg an dem Rasenrundstück und dem wasserleeren Springbrunnen vorüber , den er so oft von seinem Fenster aus mit der glänzenden Messingkugel hatte spielen sehen . Er dachte daran , wie oft er den Wasserstrahl mit der Lebenslust und Kraft der Jugend und die blanke Kugel mit der schillernden Hoffnung der Jugend verglichen habe , und dann - dann spannte er jenseits des zierlichen eisernen Gartentors seinen Regenschirm auf und sah unter demselben hervor auf das Haus zurück . Er gedachte jenes Morgens , an welchem der Bettelleutnant Rudolf Götz ihn in diese Tür geschoben hatte , und er gedachte daran , wie er den Mann so oft dafür verwünscht hatte . Jetzt verwünschte er ihn nicht mehr ; - mit heißer Dankbarkeit gedachte er des Leutnants Rudolf . Er pflückte noch einen kleinen Efeuzweig , der sich durch das eiserne Gitter wand ; dann ging er weiter , sein eigener Herr zwar , aber nicht mehr der Herr seines Herzens . Er ging , suchte und fand die Wohnung in der Grinsegasse , legte den Efeuzweig auf den Tisch , an welchem er sein » Buch « schreiben wollte , zum guten , glücklichen und gesegneten Zeichen . Was daraus werden würde , konnte in der Tat nur der Himmel wissen , das war aber auch genug . Sechsundzwanzigstes Kapitel Es war ein eigentümliches Gefühl , nach so langen Jahren der pharaonischen Dienstbarkeit endlich einmal wieder sein eigener Herr zu sein und einen Raum , vierzehn Schuh lang und zehn breit , sein unbestrittenes Reich und Eigentum nennen zu dürfen . Was liegt alles in den wenigen Worten : Sein eigener Herr sei ! Wie viele Millionen und aber Millionen mehr oder weniger geplagter , mehr oder weniger denkender Wesen sprechen diese Worte mit tiefen Seufzern aus ! Wie viele Millionen Menschen aus allen Ständen und Lebenslagen gelangen nie dazu , auch nur für die kürzeste Zeit ihre » eigenen Herren « zu werden ; wie viele sinken alt und grau , müde und gebrochen ins Grab und werden mit ihren Ketten begraben , wie Christoph Kolumbus mit den seinigen . Wie viele gehen aber auch ins Grab , die sich ihr Leben lang für frei gehalten haben und die doch mit Banden beladen waren , tausendmal stärker und schwerer als alle die , welche sie vielleicht ihren Untergebenen und Abhängigen mit Bewußtsein auflegten . Es ist ein trauriges Thema , und manches ließe sich darüber sagen ; aber wir wollen lieber den Mund halten , da wir uns die letzte Zeit hindurch doch schon genug und übergenug mit traurigen Dingen beschäftigen mußten . Es ist ein zu gutes Ding , diese Dachstube mit der trefflichen Aussicht auf die Fenster so mancher andern Dachstube , mit den drei wackligen Stühlen , dem spartanischen Bett , mit dem rotbraunen Tisch von Tannenholz und mit dem freien Mann Hans Unwirrsch vor diesem Tische ! Nachdem Hans von seinem Gemache Besitz ergriffen und die sehr taube Vermieterin sich mit den besten Wünschen für » Glück und Wohlergehen im neuen Loschi « entfernt hatte , nachdem der Koffer angelangt war und seine Stelle im Winkel erhalten hatte , sah Hans noch einmal aus dem Fenster in das Regenwetter , verriegelte sodann vorsichtig die Tür , zählte auf den Tisch die fabelhafte , unermeßliche , unendliche Summe von hundertfünfundzwanzig Talern und stand vor diesem unerschöpflichen Schatz eine lange Zeit in andächtigster Betrachtung . Jedes Silberstück verwandelte sich zu einem mächtigen Baustein des Luftschlosses , das er aufführte , und mit den Papierscheinen ließ sich prachtvoll das Dach ebendieses Luftschlosses decken . Es war nach den Zeiten der Gebundenheit eine Wonne , sich um das Verwaltungsfach der leiblichen Nahrung selber kümmern zu müssen ; es war ein unbeschreibliches Vergnügen , im strömenden Regen auszugehen und eine Flasche Dinte , ein halbes Ries Schreibpapier und die nötigen , außerseelischen Federn für das literarische Bedürfnis einzuziehen . In größter Aufregung verging darüber der Tag , und mit der Dämmerung kam die Zeit des ruhigeren Nachdenkens . Seine Tür hatte Hans Unwirrsch von neuem verriegelt ; in seinem neuen Aufenthaltsorte hatte er sich jetzt so