sehen Sie nun , begann Egon , als die Schlüssel des Wärters nicht mehr hörbar waren , da sehen Sie , wofür ich hier gelte . Und doch weiß ich nicht , ob ich mich nicht freuen soll , wie schon alle Bande der Anhänglichkeit , die mich bestimmen könnten , die Besitzungen zu behalten , gelöst sind . Jener Amerikaner - Ackermann nannten Sie ihn ? - lobte den Boden . Nun wohl ! Mir ist er nicht günstig und trägt keine Früchte . Man spottet meiner Mutter . Man sehnt sich neuen Zuständen entgegen . Man gibt mich auf . Kann mich Etwas bestimmen , mich hier zu entdecken ? Kann ich wünschen , hier erkannt zu sein ? Ein unendlich schönes poetisches Verhältniß , das mich in Frankreich fesselte , ist so elend entstellt hierher gedrungen ! Eine niedrige Gesinnung wird bei mir vorausgesetzt ; bei mir , den Niemand kennt , dessen Züge Keinem wieder einfallen , höchstens vielleicht dem alten Gärtner , wenn ihn die Knechte der ungebetenen Gäste nicht vielleicht gemißhandelt hätten . O daß ich mich entschlösse , diese Wechsler aus dem Tempel meiner Familie auszutreiben ! Würde mir nicht Gehorsam geleistet werden müssen ? Könnt ' ich nicht die Genugthuung haben , daß ich oben auf dem Schloß erschiene und Allen zuriefe : Noch bin ich Herr an dieser Stelle und ich rathe euch , daß ihr Alle zum Teufel geht ! Zorn hatte Egon ergriffen . Er stand mit leuchtenden Augen da und seine schlanke Figur reichte fast bis zur Decke des niedrigen Gemachs . Er öffnete das Fenster und rüttelte an den Stäben , die fester saßen , als Dankmar geglaubt hatte . Und was kann ich anders thun , um hier zu entkommen , als mich zu entdecken ? fuhr Egon mit sich steigernder Ungeduld und Dankmar ' s Schweigen für Zustimmung nehmend fort . Dieser Harder ist ein königlicher Hofbeamter , sein Wort hier wirkt allmächtig . Jedes Gutsagen für mich von Ihrer Seite wird an seinen Befehlen scheitern . O fühl ' ich da nicht jetzt plötzlich die alte feindselige Hand wieder , die schon meine Mutter verfolgte ? Es war doch wol keine Grille ihrer erregten Einbildungskraft , daß sie diese Harders für die Erbfeinde ihres Glückes erklärte .... Der Absicht , sich zu entdecken , stimmte Dankmar bei . Er wußte selbst kein anderes Mittel freizukommen , als daß der junge Fürst das Gedächtniß der Menschen , die ihn noch als Knaben oder Jüngling hier gesehen haben mußten , gleichsam aufrüttelte , sie auf Wiedererkennung seiner Züge lenkte und wenigstens durch dieses äußere Zeugniß ergänzte , was ihm an Documenten fehlte . Nicht Jeder - sagte Egon lächelnd - nicht Jeder glaubt wie Sie , einer Visitenkarte ! Dankmar erinnerte ihn jetzt an die Mittheilung der Bitte , die er ihm hatte stellen wollen . Wird sie sich ausführen lassen ! sagte Egon zweifelnd . Sie sind auf dem Schlosse nicht bekannt .... Ich werde es heute Abend besuchen . Man lud mich ein , sagte Dankmar . Was hilft es , sagte der Fürst ; ich verlange von Ihnen Etwas , das Sie verabscheuen werden . Sie stocken ? ... Haben Sie kein Vertrauen ? Ich verlange von Ihnen Dasselbe .. was ... Sagen Sie es , Prinz ! Daß Sie sich zu meinem Mitschuldigen machen ... Noch immer dieser Scherz ? Vergessen Sie nicht , daß ein Dieb zu Ihnen redet ! Wohlan ! Redete er nur ! Wenn Sie meine Bitte erfüllen wollen , müssen Sie Das ausführen , was mir gescheitert ist , Wildungen ! Was Ihnen unbedenklich schien , soll an meinem Gewissen kein Hinderniß finden .... Dankmar sagte diese Worte klar und frei , fühlte sich innerlich aber doch beklommen . Er gedachte seines verlorenen Schreins und der Bangigkeit , mit der Siegbert gerufen hatte : Du hast ihn doch nicht aus dem Archive des Tempelhauses entführt und ihn Dir eigenmächtig angeeignet ? Er gedachte sogar wieder der Möglichkeit , daß der Fremde nicht der Prinz , sondern nur über ihn vollständig unterrichtet war und er durch einen unglaublich gewandten Abenteurer veranlaßt werden könnte , einem Andern verbotene Kastanien aus dem Feuer zu holen .... Der Gefangene sagte : Sehen Sie ! Sie werden nachdenklich ... Ich verlange von Ihnen die rascheste unbelauschte Aneignung eines Bildes ! Eines Bildes ? fragte Dankmar erstaunt . Eines Bildes meiner Mutter .... Als Act der Pietät ? Nicht die bloße Folge erwachter kindlicher Liebe .... Ich würde diese Regung loben ; aber warum ein gefährliches Geheimniß ? Weil mit dem Bilde selbst ein Geheimniß verbunden ist . Es ist zwei Uhr , sagte Dankmar , auf die Thurmuhr , die eben schlug , deutend . Sie werden noch Zeit haben ... Ihnen mein ganzes Herz auszuschütten ? Wohlan ! sagte Egon , nahm wieder auf dem schrägen Brett , das vielleicht für die nächste Nacht seine Lagerstätte werden mußte , Platz und fuhr , durch das zwar wenig genossene Mahl doch etwas gestärkt , in seiner Erzählung fort . Sechstes Capitel Das Bild Als ich in Lyon unterm Volke lebte , erzählte der Gefangene , empfing ich noch zuweilen , jedoch natürlich vorwurfsvolle Nachrichten von meiner Familie und auch die gewohnten Mittel zu meiner frühern Existenz . Die Mutter blieb sich in ihren christlichen Ermahnungen gleich . Da aber jeder Brief , den sie schrieb , mit einer Vorahnung ihres Todes anfing und einer darangeknüpften Betrachtung endete , so wirkte es nur wenig auf mich , als sie eines Tages mir wieder schrieb , ihre Stunden wären nun gezählt , sie würde sterben . Ich sollte eilen , schrieb sie , auf Flügeln der kindlichen Liebe eilen , sie noch einmal zu umarmen und ihr einziges letztes Vermächtniß , das sie in ihrer Dürftigkeit mir geben könnte , entgegenzunehmen .... Sollte aber Gottes ewiger Rathschluß sie schon früher abrufen , ehe ich an ihrem Lager kniete und mit ihr zu Gott betete