. « « » Nur ein Zweifler zwischen zwölf Aposteln ! In unsrer Zeit ist ' s anders ! da wohnen Schwankung , Unsicherheit und Zweifel wenigstens in eilf Köpfen unter zwölf . « » Das beweist weiter nichts als daß jene Eilf eben nicht zu Aposteln bestimmt sind , obzwar sie sich wol dazu berufen finden mögen und sich ja auch Apostel der Wahrheit , der Freiheit , des Fortschritts und des Lichts nennen - wie sich das für die Aufgeblasenheit geziemt . Glaubt doch unser Nachbar im Waadtland , der Schneider Weitling , eine sociale Weltreform predigen und einleiten zu müssen - warum sollen sich da nicht Andere an die religiöse machen ? « » Was haben Sie gegen den Schneider , da Hans Sachs und Jacob Böhme Schuster waren ? « » O gar nichts ! ich meine nur - da alle hundert Jahr einmal das Mirakel eines Lichtes aus der Werkstatt hervorgegangen ist : so könnte ja auch wol einmal ein Irrlicht draus hervor gehen . Uebrigens hab ' ich nichts weder gegen Reformen noch gegen Schneider . Im Gegentheil ! da Staat , Kirche und Gesellschaft mir wenigstens in Deutschland vorkommen wie Adam nach dem Sündenfall , der seine Blöße kennt , sich schämt oder fürchtet , und nach einem Feigenblatt greift ; so wäre wol sehr ein Mann zu ersehnen , der ein großartiges Gewand , einen neuen Purpur und Königsmantel ihnen umhinge . « » Das ist es ja ebenfalls was mich so sehr irre macht ! ich habe Augenblicke in denen ich mir selbst mit Aufrichtigkeit gestehen muß , daß viel abgenutzter und verbrauchter Plunder sich bei uns in allen Ecken angesammelt hat und uns sehr zur Last fällt . Allein das Aufräumen ist eine schwierige Sache ! das alte Gerümpel stürzt über den Haufen und reißt vielleicht noch Brauchbares mit um . « Er konnte sich stundenlang in diese Gespräche vertiefen , bei denen es jedoch unmöglich war zu einem Abschluß zu kommen . Die Jugend braucht ihn nicht ! im Gegentheil würde er ihr schädlich sein weil sie Gefahr liefe pedantisch und systematisch zu werden . Sie lebt sich zum Abschluß heran . Ob je ein Mensch die ganz klare und richtige Summe seines Strebens in sein Rechnungsbuch , und nicht zuweilen halb unbewußt ein X. für ein U. schreibt - ist die Frage . Indem wir leben wachsen wir in unser neues Wollen und Denken dermaßen hinein , daß wir uns nicht mehr genau besinnen wie es ehedem damit beschaffen gewesen ist . Zwanzig Mal denken wir : jezt sind wir zum Abschluß gekommen , jezt wissen wir was wir zu erwarten , zu geben , zu thun , zu meinen haben - und über ' s Jahr , oder über drei Jahr , oder doch ganz gewiß über zehn Jahr ist Alles anders . Und dann spricht man von Treue als von einer Tugend ! Treue ist Gewohnheit mit Nothwendigkeit und Bequemlichkeit .... vielleicht sogar mit ein klein wenig Heuchelei vermischt . » Sie sind eine fürchterliche Frau ! « rief Wilderich als ich einmal diese Aeußerung machte . » Für Sie und Ihresgleichen mag es anders sein . Ihr Herz mag einen so starken und gleichmäßigen Schlag haben , daß seine Ermattungen und seine Fieber nur die Oberfläche bewegen ohne es im tiefsten Grunde zu erschüttern . Oder auch liegt es an einer großen Idee , deren Realisirung das Leben füllt , vor Anker und ist mit ihr still , fest und treu . Aber Treue gegen den Menschen - dazu gehört eben außer Ihnen noch ein Gegenstand , und wer bürgt Ihnen für den ? « » Mein Vertrauen . « » Und wenn das nicht auf den Rechten gesetzt ward ? « » O ! rief Wilderich , haben Sie denn nie einen Menschen geliebt ? « » In dieser Frage hat Ihr Instinct Ihnen die richtige Antwort eingegeben . « » Und warum .... mein Gott , warum denn nicht ? « Ich zuckte die Achseln . » Auf manches Warum giebt es gar keine - oder die trostlose Antwort : Weil man es nicht verstanden oder nicht verdient hat . « Wilderich nahm meine Hand , drückte sie lebhaft an seine Lippen und rief : » O Sie Himmlische ! was kann bei Ihnen von verdienen die Rede sein ! Auf Sie müssen alle guten Gaben wie Morgenthau und Sonnenlicht herab sinken . « » Auf die fürchterliche Frau ? .... wie Sie eben mich nannten ! Sie verfallen in Widerspruch , « sagte ich spöttisch und zog meine Hand kühl zurück . Er erröthete flüchtig und sah traurig zu Boden . - - - - So verging die Zeit . Wilderich hatte allmälig wieder den Gebrauch seiner Glieder erlangt ; aber sein Gang sowol als seine Armbewegungen waren steif und schwer . Der Arzt rieth ihm nach Baden zu gehen . Er hatte gar keine Lust dazu . Er behauptete die Bergluft des Oberlandes sei viel heilsamer , viel gesünder , und die Bemerkung daß sie steife Glieder nicht geschmeidig mache , ließ er fallen . Er wollte eben nicht fort . Das fing an mich zu beängstigen . Wilderich war ein Mensch der sich aus Dankbarkeit für eine Frau fanatisiren konnte . Benvenuta sollte mich in den Frühlingsferien besuchen . Ich benutzte das um ihm eines Tages zu sagen : » Es ist zwar sehr unfreundlich einem Gast und einem Kranken die Thür zu weisen , aber es hilft nichts , lieber Wilderich , Sie müssen meiner Tochter das Feld räumen ! Ich habe in diesem engen Häuschen nur ein Gastzimmer . « » Sie haben mich so lange geduldet aus übergroßer Güte ; nichts als Beschwerden und Last habe ich Ihnen gemacht und doch mißbrauche ich Ihre Güte genug um nicht von selbst Ihr Haus zu verlassen ! das wäre eine grenzenlose Unbescheidenheit - wenn « .... - - - » Es ist keine ! unterbrach ich ihn schnell .