Vater wagte nun einen verzweifelten Versuch ; er kannte Dich zu gut , als daß er es nur hätte unternehmen mögen , Dir seine Ansichten mitzutheilen , er wußte , daß Du dann sein Begehren nicht erfüllen würdest , er ließ Dich also glauben , Dein Oheim sei gegen uns im höchsten Unrecht , und schickte Dich ab , eine Ausgleichung mit diesem ungerechten Verwandten zu versuchen . Da er überzeugt war , die Schrift , durch die sich Dein Oheim gegen seine Forderung sicher stellen konnte , sei noch in den Händen des alten Lorenz , so glaubte er , daß jener , wenn er sie vermißte , sich auf einen Vergleich einlassen würde , und da er es für unmöglich hielt , daß der alte Lorenz es wagen könnte , die aus dem Archive entwendete Schrift zurückzuliefern , so erregte es in ihm eine Art von Freude , auch diesen zu überlisten und seinen Diebstahl nun doch zu benutzen , ohne ihm etwas dafür zu bezahlen , da er sich so unbeugsam gegen jeden Vorschlag gezeigt hatte . Ich weinte und betete im Stillen , Gott möge uns aus diesem Drangsal erlösen , als der alte Lorenz von Neuem bei uns erschien , aber dieß Mal in ganz veränderter Gestalt auftrat . Er versicherte auf Deines Vaters ängstliche Frage , er habe die bewußte Schrift bei sich zu Hause und sie stehe demselben unter den früher ausgesprochenen Bedingungen zu Diensten , aber jetzt , da er durch glückliche Unternehmungen seines Sohnes in Wohlstand versetzt sei , komme er , um uns Dienste anderer Art zu leisten . Er kannte unsere gefährliche Lage ganz ; er wußte , welche Forderungen Deinen Vater bedrängten , und machte nun die Dir bekannten Anträge . Dein Vater versprach ihm darauf einzugehen , wenn Deine Reise zu Deinem Oheim , die nun beschlossen wurde , fruchtlos sein sollte . Mit spöttischem Lächeln willigte der Alte und mit hochmüthigter Verachtung sein übermüthiger Sohn in diesen Vorschlag ein . Du reistest ab , und unsere unwürdigen Gäste fingen an sich ganz wie die Herren des Schlosses zu betragen , und ihr Uebermuth wuchs , je mehr sie bei einem längeren Aufenthalt die Noth bemerken mußten , die uns bedrängte . Dein Vater ertrug Alles standhaft und erwartete mit letzter Anstrengung seiner moralischen Kraft Deine Rückkunft : da , mein geliebter Sohn , erschien Dein Bote und vernichtete alle unsere Hoffnungen . Was Du von der großmüthigen Gesinnung Deines Oheims schriebst , glaubte Dein Vater nicht , er meinte , Du hättest Dich durch gleißnerische Reden täuschen lassen ; daß sein Verwandter sich wieder im Besitz der entwendeten Schrift befand , brachte ihn zur Verzweiflung , denn er sah nun keinen Grund mehr , weßhalb er uns helfen sollte , und er weinte untröstlich eine ganze Nacht hindurch über unsern unvermeidlichen Untergang . Am andern Morgen machte er dem alten Lorenz Vorwürfe darüber , daß er die Schrift seinem ehemaligen Herrn gegen ihre Abmachung ausgeliefert habe . Der alte Heuchler antwortete aber mit schändlicher Dreistigkeit : Gott hat es nicht haben wollen , mein Herr Graf , daß Sie auf diese Weise wieder zu Vermögen kommen sollten , ich bot Ihnen die Schrift erst für vierhundert Dukaten an , dann wollte ich sie Ihnen in Betracht Ihrer Umstände für zwei hundert Dukaten lassen ; da Sie aber auch darauf nicht eingehen konnten , so entschloß ich mich , sie meinem vorigen Herrn , dessen Vater ich schon gedient hatte , und für den ich also noch immer Anhänglichkeit fühlte , für hundert Dukaten zurück zu geben , und seitdem ich hier bin , sehe ich ja auch deutlich genug , daß Sie mir sogar diese geringe Summe nicht hätten zahlen können . Trösten Sie sich also , gnädiger Herr Graf , es hat nicht sein sollen ; Sie wissen wohl , Wer da hat , dem wird gegeben werden , und Wer da nicht hat , dem wird auch das noch genommen , was er hat ; das lehrt uns selbst das Evangelium . Dein Vater ertrug die Pein dieser letzten Tage in düsterem Schweigen ; es kam keine Klage mehr über seine Lippen , nur als er gestern um Mitternacht sein Lager suchte , drückte er meine Hand und sagte : Wir sind verloren , unser Sohn ist nicht gekommen ; bis morgen Mittag wollen die Schurken nur noch warten , Nachmittag alle Einrichtungen des Gutes betrachten und den Abend den Kontrakt abschließen ; dann muß ich ihnen die Wohnung hier nach wenigen Tagen überlassen und Gott weiß , wo wir unser Haupt hinlegen werden . Du kannst es denken , geliebter Sohn , sagte die Mutter , indem sie den jungen Mann von Neuem umarmte , mit welcher Qual ich den heutigen Tag verlebt habe , bis Du mir endlich wie ein Engel des Trostes erschienst . Könnte auch ich nur Trost in dem Allen finden , sagte der junge Graf , indem er mit tiefem Kummer in die weinenden Augen der Mutter blickte . Ich bringe Ihnen vollständige Hülfe , und zwar von dem Manne , gegen den mein Vater sich mit nichtswürdigen Gaunern vereinigte , um ihn zu betrügen . O , Mutter ! können die Wogen des Weltmeers diesen Flecken von dem Namen eines Edelmannes abwaschen ? Glaube mir , erwiederte die Mutter , ich fühle sein Unrecht wie Du , aber sei mild , bedenke sein Unglück ; der alte Mann hat Alles eingebüßt , Vermögen , Gesundheit , die Achtung seiner Mitbürger und seiner selbst ; soll er ganz verzweifeln , wenn er sieht , daß er auch die Liebe seines Weibes und seiner Kinder verloren hat ? Der junge Graf schwieg und bedeckte sein Gesicht mit den Händen , bis das Geräusch eines vorfahrenden Wagens Beide aufschreckte . Sie trockneten schnell die herabströmenden Thränen und gingen dem Vater entgegen , der , wie der Sohn mit Schmerzen bemerkte , nur mit Mühe aus dem Wagen steigen konnte ,