Unterwegs sprach Rumohr sehr schön über den Bauernstand , über ihre Bedürfnisse , und wie das Wohl des Staats von dem ihrigen abhinge , und wie man ihnen keine Kenntnisse aufzwingen müsse , die sie nicht selbst in ihrem Beruf unmittelbar benützen könnten , und daß man sie zu freien Menschen bilden müsse , das heißt : zu Leuten , die sich alles selbst verschaffen , was sie brauchen . Dann sprach er auch über ihre Religion , und da hat er etwas sehr Schönes gesagt , er meinte nämlich , jedem Stand müsse das als Religion gelten , was sein höchster Beruf sei ; des Bauern Beruf sei , das ganze Land vor Hungersnot zu schützen , hierin müsse ihm seine Wichtigkeit für den Staat , seine Verpflichtungen für denselben begreiflich gemacht werden , es müsse ihm ans Herz gelegt werden , welchen großen Einfluß er auf das Wohl des Ganzen habe , und so müsse er auch mit Ehrfurcht behandelt werden , daraus werde die Selbstachtung entstehen , die doch eigentlich jedem Menschen mehr gelte wie jeder andre Vorteil , und so würden die Opfer , die das Schicksal fordert , ungezwungen gebracht werden , wie die Mutter , die ihr eignes Kind nährt , auch demselben mit Freuden ihr letztes aufopfert ; so würde das unmittelbare Gefühl dem Wohl des Ganzen wesentlich zu sein , gewiß jedes Opfer bringen , um sich diese Würde zu erhalten ; keine Revolutionen würden dann mehr entstehen ; denn der gewitzigte Staatsgeist in allen würde jeder gerechten Forderung vorgreifen , und das würde eine Religion sein , die jeder begreife , und wo das ganze Tagewerk ein fortwährendes Gebet sei , denn alles , was nicht in diesem Sinn geschehe , das sei Sünde ; er sagte dies noch viel schöner und wahrer , ich bin nur dieser Weisheit nicht gewachsen und kann es nicht so wiedergeben . So bin ich denn auf einmal von meiner Beichte abgekommen , ich wollte Dir noch manches sagen , was man sündlich finden dürfte , wie daß ich Dein Gewand lieber habe wie meinen Nebenmenschen , daß ich die Stiege küssen möchte , auf der Deine Füße auf- und niedersteigen usw. - Dies könnte man Abgötterei nennen , oder ist es so , daß der Gott , der Dich belebt , auch an jeder Wand Deines Hauses hinschwebt ? - Daß , wenn er in Deinen Mund und Augen spielt , er auch unter Deinen Füßen hingleitet und selbst in den Falten Deines Gewandes sich gefällt , daß , wenn er sich im Maskenzug in alle bunten Gestalten verwandelt , er wohl auch im Papier , in welches Du den Maskenzug einpackst , verborgen sein kann ? Also , wenn ich ' s Papier küsse , so ist es das Geliebte in Dir , das sich mir zulieb auf die Post schicken ließ . Adieu ! Behalte Dein Kind lieb in trüben wie in hellen Tagen , da ich ewig und ganz Dein bin . Bettine Du hast mein Tagebuch erhalten , aber liest Du auch darin , und wie gefällt Dir ' s ? - Am 29. Februar An Bettine Liebe Bettine , ich habe mich schon wieder eines Versehens an Dir schuldig gemacht , daß ich Dir nicht den Empfang Deines Tagebuchs angezeigt habe , Du mußt glauben , daß ich eines so schönen Geschenkes nicht würdig bin , indessen kann ich Dir nicht mit Worten schildern , was ich darauf zu erwidern habe . Du bist ein einziges Kind , dem ich mit Freuden jede Erheiterung , jeden lichten Blick in ein geistiges Leben verdanke , dessen ich ohne Dich vielleicht nie wieder genossen haben würde ; es bleibt bei mir verwahrt , an einem Ort , wo ich alle Deine lieben Briefe zur Hand habe , die so viel Schönes enthalten , wofür ich Dir niemals genug danken kann , nur das sage ich Dir noch , daß ich keinen Tag vergehen lasse , ohne drin zu blättern . An meinem Fenster wachsen , wohlgepflegt , eine Auswahl zierlicher ausländischer Pflanzen ; jede neue Blume und Knospe , die mich am frühen Morgen empfängt , wird abgeschnitten und nach indischem Gebrauch als Opfergras in Dein liebes Buch eingestreut . Alles , was Du schreibst , ist mir eine Gesundheitsquelle , deren kristallne Tropfen mir Wohlsein geben , erhalte mir diese Erquickung , auf die ich meinen Verlaß habe . Weimar , am 1. März 1810 Goethe An Goethe Ach , lieber Goethe ! Deine Zeilen kamen mir zu rechter Stunde , da ich eben nicht wußte , wohin mit aller Verzweiflung ; zum erstenmal hab ich die Weltbegebenheiten verfolgt mit großer Treue für die Helden , die ihr Heiligtum verfochten ; dem Hofer war ich nachgegangen auf jeder Spur , wie oft hat er nach des Tages Last und Hitze sich in der späten Nacht noch in die einsamen Berge verborgen und mit seinem reinen Gewissen beratschlagt , und dieser Mann , dessen Seele frei von bösen Fehlen , offen vor jedem lag als ein Beispiel von Unschuld und Heldentum , hat nun endlich am 20. Februar zur Bestätigung seines großen Schicksals den Tod erlitten ; wie konnt es anders kommen , sollte er die Schmach mittragen ? - Das konnt nicht sein , so hat es Gott am besten gemacht , daß er nach kurzer Pause seit dieser verklärenden Vaterlandsbegeisterung mit großer Kraft und Selbstbewußtsein , und nicht gegen sein Schicksal klagend , seinem armen Vaterland auf ewig entrissen ward . Vierzehn Tage lag er gefangen in dem Kerker bei Porta Molina , mit vielen andern Tirolern . Sein Todesurteil vernahm er gelassen und unerschüttert ; Abschied ließ man ihn von seinen geliebten Landsleuten nicht nehmen , den Jammer und das Heulen der eingesperrten Tiroler übertönte die Trommel , er schickte ihnen durch den Priester sein letztes Geld und ließ ihnen sagen : er gehe getrost in den Tod und erwarte , daß ihr Gebet ihn hinüberbegleite . -