ohne zu besitzen . Wir sollen erhaben sein über das Bedürfnis des Wechsels , das jedem Menschen angeboren ist , über die Anforderungen des Geschmacks , der Leidenschaft , über Alles , nur nicht über den Mann ! Er fordert von uns Siege über die Natur , die ihm zu schwer würden , aber gänzliche Unterwerfung unter seinen Willen , und das , meine Teuerste , das soll eine gerechte Weltordnung sein ? Nein , das können selbst die nicht behaupten , welche nie die Grausamkeit solcher Anforderungen an sich selbst empfanden ! Hat nicht die fortschreitende Kultur die russische Leibeigenschaft aufgehoben ? Und die traurigste von allen , die allgemeine Leibeigenschaft des Weibes , sollte fortbestehen ? Nein , wenn Sie nicht für sich selbst jene Rechte freier Wahl , persönlicher Selbstbe ­ stimmung erstreiten wollen , für welche Frauen , wie eine Louise A. . . . kämpfen — so tun Sie es für die Tausende armer Schwachen , welche sich an jener verkehrten Moral verbluten ! “ Ernestine heftete einen vernichtenden Blick auf sie . Nach einer kleinen Pause sagte sie : „ Und wenn ich das täte , so kämpfte ich für den Verfall der Menschheit ! Ich will nicht über die Be ­ rechtigung einer Moral mit Ihnen streiten , die Sie nicht verstehen — ich will Ihnen die Notwendigkeit derselben beweisen , über die Sie noch wenig nach ­ gedacht zu haben scheinen . Diese läßt sich in einem einzigen Worte aussprechen : Moral ist Maß — wo sie fehlt , da erschöpfen sich alle Kräfte in Maßlosigkeit , denn das Maß ist das Erhaltende in der Natur wie im Leben . Sie blicken mich verwundert an — Sie verstehen mich nicht . — Ich kann Sie nicht in einer Stunde die dunkeln dornenvollen Pfade führen , auf welchen ich mich zur Erkenntnis empor ­ gerungen habe , und weiß daher , daß ich tauben Ohren predige . Aber Sie forderten mich heraus , — haben Sie es denn ! “ Ernestinens Wangen begannen in edlem Zorn zu erglühen . „ Es wirbt ein Jeder Ge ­ nossen für seine Sache , drum sei es Ihnen verziehen , daß Sie den Frieden einer reinen Seele zerstören , daß Sie Gift in ein schuldloses Herz träufeln wollen . Möge es Ihnen überall so mißlingen , wie bei mir ! Ich will es glauben , daß es der Fanatismus Ihres Irrtums ist , der Sie fortriß , nicht die teuflische Freude , mich , die Ihnen nichts zu Leide getan , in Ihren Abgrund mit hinunter zu ziehen ! Aber , Frau Gräfin , welch ’ furchtbarer Irrtum ist es , an den Sie Ihre Kraft , Ihre herrliche Begabung vergeuden ? Ich kenne ihn . Glauben Sie nicht , daß Sie mir etwas Neues sagten , es ist die alte abgedroschene Philosophie der Lüsternheit . Es ist das Entlarven der eigenen Begierden , alles dessen , was der Mensch , wenn nicht um der Sitte , so doch um der ewigen Schönheit willen verbergen sollte , weil es häßlich ist , wenn Sie es nicht unsittlich nennen wollen ! Diese Grundsätze sind es , welche dem Worte ‚ Frauenemanzipation ‘ einen ewigen Schandfleck aufgedrückt haben . — Genug — ! Ersparen Sie mir das nähere Eingehen auf ein so ekelerregendes Thema . Ich kenne es genugsam , um darüber zu urteilen , denn ich hatte als Mitkämpferin für unsere Rechte den Wunsch und die Pflicht , Alles zu prüfen , was von Seiten meines Geschlechtes zu seiner Erhöhung getan worden ist . Aber mit tiefem Schmerz habe ich gesehen , wie sehr alle Wege , die jene Frauen einschlugen , von dem meinen abwichen , wie wenig sie ihre eigene Würde verstehen . Was sie Erhebung nennen , ist Entartung , was sie frei machen soll , macht sie frech , — ihre Offenheit wird zur Schamlosigkeit , — was sie als Entledigung unwürdiger Bande bezeichnen , erscheint mir als Zügellosigkeit ! Was tun , was leisten sie , um sich der Rechte , die sie fordern , würdig zu zeigen ? Sind Spielereien wie Zigarrenrauchen und Pistolenschießen die Attribute unserer Größe ? Und die Rechte selbst , die sie fordern , wie steht es damit ? Was will diese Louise A .... ? Was wollen diese Frauen , die wie Theaterheldinnen auf der Bühne des Lebens einherstolzieren und die Welt erfüllen mit dem Zetergeschrei ihrer unverstandenen Herzen ? Pfui über sie ! Sie würdigen sich zu Sklavinnen herab , indem sie sich emanzipieren wollen , zu Sklavinnen ihrer Begierden , also der Männer , denn ihr ganzer Bombast von Befreiungsphrasen gilt ja nur dem ungeschmälerten Rechte des Verkehrs mit dem anderen Geschlecht ! “ Die Gräfin sprang auf . „ Hören Sie mich zu Ende “ , sagte Ernestine , immer mehr von schönem Feuer entflammt . „ Meine Worte schaden Ihnen keinenfalls so viel , wie mir die Ihren hätten schaden können . Ich muß es tief beklagen , daß meine Bestrebungen eine Verwechselung mit den Ihren zuließen , deshalb will ich keinen Augen ­ blick säumen , mich vor Ihrem besseren Sein von dem Verdachte eines Einverständnisses mit Ihnen zu reinigen . Hören Sie denn , daß ich nichts will , als die geistige Ehre des Geschlechtes retten , die Grenzen unseres Könnens — nicht die unseres Wollens erweitern . Emanzipation des Geistes ist mein Zweck , oder um es einfacher zu sagen : Sie erstreben die Emanzipation des Fleisches , ich die Emanzipation vom Fleische ! Sie sehen , unsere Ziele liegen wie Nord- und Südpol von einander getrennt und ich bekenne offen , ich fürchte den Schein , den ein Verkehr mit Ihnen auf meine reine Sache werfen würde ! “ Die Gräfin nahm ihren herabgeglittenen Spitzenschal um und hüllte sich darein wie in ein schwarzes Gewölk , dann trat sie vor Ernestinen hin , die mit ihr aufgestanden war , und erhob drohend die Hand gegen sie : „