Kinderbrust noch tief schlummernden Gefühl , und es trieb ihn hinaus . Eines Morgens im August erhob er sich bei Sonnenaufgang , bereitete sich sein Frühstück in der Küche selbst , und als er fertig war , griff er nach seinem Stock und verließ das Haus . Er wollte zu Fuß nach Eschenbach wandern . Er wanderte den ganzen Tag mit kurzen Rasten . Nur während der heißesten Mittagszeit erbat er sich von einem Bauern , der ihn mit seinem Leiterwagen einholte , die Erlaubnis , ein Stück mitfahren zu dürfen . Er hatte keine bestimmte Absicht , keinen Plan . Etwas Dunkles , dem er nicht widerstehen konnte , zog ihn in die Heimat . Als er endlich das Städtchen erreicht hatte , war es tiefe Nacht und der Mond schien . Die Gassen waren wie ausgestorben . Die Fenster am Haus der Mutter waren alle schwarz , er setzte sich auf die oberste Stufe am Tor hin und es war ihm , als höre er die Atemzüge der alten Frau und des jungen Kindes , das sie behütete , durch die Fugen der Tür dringen . Es war ihm sonderbar , zu denken , daß die Mutter von seinem Hiersein nichts wußte . Hätte sie darum gewußt , sie hätte das Tor aufgesperrt und ihn erschüttert angesehen , und wenn er nicht hätte reden wollen , hätte er den Kopf in ihren Schoß legen und still weinen müssen . Etwas anderes war nicht möglich ; zu reden war nicht möglich ; die Furcht aber , er werde dennoch reden , er werde erzählen müssen , packte ihn so heftig , daß er beschloß , sich wieder auf den Rückweg zu begeben , ohne die Mutter und sein Kind gesehen zu haben . Die eigentümliche Unruhe , die ihn hergetrieben , war beschwichtigt , seit er im Schatten des Häuschens saß . Aber weil er sehr müde war , versank er in Schlaf . Er träumte , das Kind und die Greisin stünden vor ihm , und jenes trug Trauben in der Hand , indes diese eine Schaufel hielt und mit trauriger Miene die Erde aufgrub . Eva dünkte ihm noch viel schöner als vor einem Jahr , und er fühlte zu dem Kind eine unbezwingbare , schmerzhafte Liebe , die in einer wunderlichen Beziehung zu dem Tun der Mutter stand . Je länger sich die alte Frau mit dem Aufschaufeln der Erde abmühte , je schwerer wurde ihm ums Herz , aber er konnte nichts sagen , und es war ihm , als ob aus seinem Innern ein herrlicher Gesang ströme , dessengleichen er nie zuvor gehört . In dem Entzücken darüber wachte er auf ; zuerst glaubte er den Gesang noch zu vernehmen , doch es war nur das Plätschern des Wassers am Wolframsbrunnen . Der Mond stand hoch am Himmel . Daniel ging hinüber zum Brunnen , da kam der Nachtwächter daher , blies sein Pfeifchen und sang : » Hört ihr Herrn und laßt euch sagen , unsre Glock hat zwei geschlagen . « Er wurde des einsamen Menschen am Brunnen gewahr , stutzte , fuhr aber dann in seinem Gesang fort . Schon oft , als Kind und als Jüngling , hatte Daniel gelesen , was auf dem Sockel der Wolframsfigur geschrieben war . Heute las er die vom Mond bestrahlten Worte mit ganz andern Augen . Vom Wasser kommt der Bäume Saft , Befruchtung gibt des Wassers Kraft aller Kreatur der Welt . Vom Wasser wird das Aug erhellt , Wasser wäscht manche Seele rein , daß kein Engel mag lichter sein . Er tauchte seine Hände in das Becken , strich damit über seine schlaftrunkenen Augen , und nachdem er noch einen Blick auf das Haus der Mutter geworfen , wandte er seinen Fuß gegen die Landstraße . Im Feld war es überall zu feucht , als daß er dort hätte ruhen können . Bei einem alleinstehenden Bauernhaus befand sich ein Heuschober , und er ging hinein und legte sich nieder . 6 Eine immer gleiche Angst erfüllte Lenores Brust , wenn sie Daniel betrachtete . Sie begriff ihn nicht , nichts an ihm begriff sie , und Freudigkeit haftete ihr nur noch aus vergangenen Tagen an . Er schien sich ihrer kaum mehr zu entsinnen . Ein Wort hätte sie von ihrem Kummer befreit , irgendein Wort . Aber er sprach mit ihr wie er mit Philippine sprach , oder mit Frau Kütt , der Zugeherin . Schlimm , mit Philippine zu hausen , den steten Haß der Unheimlichen zu spüren ; zu ahnen , daß sie um Dinge wußte , die das Licht scheuten . Ihr das Kind ausgeliefert zu sehen , welches sie als ihr gehörig behandelte und mit solcher Eifersucht bewachte , daß sich ihr Gesicht vor Wut verzerrte , wenn Lenore bloß fünf Minuten bei ihm weilte . Schlimm auch die Gesellschaft des stummen alten Vaters , der Tag und Nacht seinen mysteriösen Verrichtungen oblag und friedlos einem unbekannten Ziel zustrebte . Es war so schaurig oft , in den Stuben unten und in denen oben ; Lenore hatte Angst vor dem Winter . Manchmal war ihr , als habe ihre Stimme einen unwirklichen Klang , und das Gewöhnlichste , was sie sagte , hatte einen düsteren Widerhall . Sie flüchtete in ihre früheren Sehnsuchtsbilder , die Landschaften des Südens mit Hainen , Statuen und einem Meer von sagenhafter Bläue . Aber sie war nun doch zu reif , um sich an leeren Traumspielen dauernd zu genügen , lieber wollte sie sich in mühseligster Arbeit vergessen . Erst wenn die Feder ihrer Hand entsank , in dem Leid um die schmucklosen Stunden , drängte es sie mit Macht ins Bilder- und Geisterreich zurück , aber da suchte sie Anhalt bei den Gegenständen ihrer sichtbaren Welt . Da nahm sie etwa eine Birne und sann sich in das Innere der Frucht hinein , wie wenn es möglich wäre , drinnen in der engsten Sphäre Schutz zu gewinnen .