ja von Gewaltsamkeit zugrunde lag , - ob nicht dieses absichtsvolle Vermeiden aller Möglichkeiten des Glückes , - dieses ängstliche Erdrücken aller Wunschkeime - - eine Gewalttat war , die dem Gang des Lebens in die Zügel fiel ? ... Gewiß , das Ziel war ein hohes : Ruhe des Herzens ohne die Mitwirkung anderer zu erobern ; so wurde man frei ... Hier sank der Brief aus Olgas Händen . Ein Gedanke durcheilte sie , ließ sie den Kopf starr aufrichten , als lausche sie einer verborgenen Stimme ... Wie ? War denn nicht gerade das auch die Freiheit , um die sie rang , - hier , mitten am Kampfplatz ? » Ruhe des Herzens ohne die Mitwirkung anderer zu erobern « - war das nicht auch gerade die neue Aufgabe der Frau ? Jahrtausendelang hatte die Frau nur dann im Frieden geruht , wenn ihr das Schicksal zuteil wurde , ihr Leben mit anderem Leben aufs engste zu verknüpfen . Außerhalb dieser Ruhe war für sie - Vogelfreiheit gewesen , Verfolgung , Rastlosigkeit und Gram . Aber die neue Frau - die auf ihr Selbst verwiesene , - die hatte eine neue Ruhe zu erobern , deren Seele mußte es lernen , stille und friedlich zu sein , regsam und frei zu bleiben , - auch ohne die Mitwirkung anderer ... Werner sprach auch über das Geheimnis , das ihm ihr letzter Brief vertraut hatte . Es schien , daß die Gestalt Manfreds - das Schriftbild des teuern Namens grub sich brennend in ihr mühsam bezwungenes Herz , - stark vor sein inneres Auge getreten war ... » Ein vollkommener Mensch ist der , « - so schrieb er - » dessen Erscheinungsform dem Urbild seiner Idee am nächsten kommt . Denn die Urbilder allein sind die letzten Wesenheiten der Dinge . Die Vielen und Meisten , in sich selbst Zerstückelten , in sich selbst Vielfachen , entfernen sich mehr und mehr von ihrem eigenen Urbild , von dem letzten Gedanken , der ihrer Erscheinung zugrunde liegt ; selten taucht Einer empor , der den Sinn seines Wesens erfüllt . Ist Dir das unsagbare Glück begegnet , die Gestalt Deiner Sehnsucht leibhaftig zu sehen , Deinen Weg mit dem jener Erscheinung zu kreuzen , so vergiß niemals dieses wunderbare Geschehen immer nur als Glück zu werten . Einerlei ob der Besitz der geliebten Person damit verbunden ist oder nicht . Öffne diesem einzigen Gedanken Dein Herz , und alles triebhaft Undeutliche wird friedlich und deutlich werden , und alle verstreuten und spukenden Kräfte werden das Zentrum suchen . Du wirst Dich dann stark fühlen - Du wirst Dich fühlen . Du bist dann . Es ist Dir , als müßtest Du Dich einer Führung überlassen , die als höhere empfunden wird . Du bist scheinbar unbeteiligt mit dem Willen , das heißt , Du spürst ihn nicht . Du gelangst in einen wahrhaft seligen Zustand , - wenn selig als das Wort gefaßt wird , das von Seele stammt ... Nur jene Reinigung des Herzens läßt Dir das geliebte Bildnis so hell erstrahlen , daß es Dein bleibt auf allen Wegen ... Gedanken der innigsten Versöhnung mit dem Leben sind in diesen Zeiten , die ich hier verbringe , über mich gekommen . Ich sehe einen beruhigenden Sinn in allem mir früher so sinnlos scheinenden Walten , und einzig der Glaube an diese kristallene Vernunft , die auf dem Grunde der Dinge wirkt , - einzig dieser Gedanke läßt mich das Leben ertragen - ja lieben . Es ist die Flucht vor den Irreführungen des Treibens der Welt , die diese beglückende Hellsichtigkeit in mancher Stunde im Gemüt entstehen läßt - ich weiß es . Aber manchmal überkommt mich dennoch , - ich nach sagte es Dir schon , - etwas wie bange Sehnsucht nach jenem verwirrenden Brausen , - nach der dumpfen Musik des tätigen Lebens . Fast sehne ich mich dann , den geraden und glatten Weg , den ich nun wandle , wieder zu verlassen und an jenen vielfach verkreuzten Pfaden , - von neuem - irrend - die Richtung zu suchen . Stimmen erheben sich , Stimmen der Verführung , Stimmen , die zur Unrast der Welt hinlocken und zu wagemütiger Beteiligung an den Gefechten des Tages . Dann sage ich mir wohl : ist das eine Antwort , die ich hier erhielt , - oder ist es nicht eine neue Frage jener ewigen Sphinx ? ... Weißt Du , was die Koralle im Meer bedeutet ? Darwin erzählt , daß jene Korallenriffe die letzten Anstrengungen untersinkender Kontinente sind , - ihre Häupter über Wasser zu halten . Und ich ? Habe ich nicht das Atmende und Lebende und Zuckende meiner Seele zu rosiger Versteinerung gerüstet ? Eine letzte Anstrengung untersinkender Kontinente ? ... Die Sphinx blickt mich an mit toten , steinernen Augen ... « Und Olga dachte : Weit - weit ist der Weg nach Indien . Die gelbe , mönchische Toga , die er jetzt nur geliehen , - sie zu erwerben wird ihn einer hindern : sein Genius , - sein Dämon ? Wer wollte das entscheiden . - - - Elftes Kapitel Sammlung » Wer frei von hinnen geht , Der ist ' s in Ewigkeit . « Rückert . Die goldenen Oktobertage waren vorüber . Der November war da , und dicht lagen die milchweißen Nebel vor den Fenstern und machten sie undurchsichtig . Für kurze Minuten nur hob und verteilte sich diese brauende Nebelmasse . Und wenn Olga jetzt an Italien dachte , so wuchs ihr die Sehnsucht danach , die Sehnsucht und der Mut . Jetzt band sie hier nichts mehr , - jetzt war sie frei . Wohl war diese Freiheit noch nicht jene fröhliche , jene warme , die neue Gestaltung ruft . Es war eine Freiheit , die sich manchmal wie Eis um das Herz legte , - niemandem gehörig , von niemand gefesselt und durch keinerlei menschliche Bande mit einem bestimmten