man den Kranken und den Toten die Liebesdienste , zu welchen das Herz drängt , so schleppt man den Keim des Übels wieder weiter und bringt den anderen , den noch verschonten , die Gefahr . Man wollte sich opfern , weiß aber , daß man mit diesem Wagnis auch andere hinzuopfern wagt . Über solches Dilemma kann nur eines hinaushelfen : mit dem Leben abschließen - nicht nur mit dem eigenen , sondern auch mit demjenigen seiner Teuren ; - annehmen , daß alle zu Grunde gehen - und eins dem anderen , so lange es geht , in den Leidensstunden beistehen . Rücksicht , Vorsicht - das alles muß aufhören : Zusammen ! - an Bord eines untergehenden Schiffes - Rettung gibt es keine - » halten wir uns umfangen , eng , recht eng aneinander - bis zum letzten Augenblick - und : schöne Welt , ade ! « Diese Resignation war über uns alle gekommen ; die Fluchtpläne hatte man aufgegeben ; jeder ging an jedes Kranken und an jedes Toten Lager ; sogar Bresser versuchte nicht mehr , uns dieses Verhalten - das einzig menschliche - zu wehren . Seine Nähe , sein energisches , rastloses Schalten gab uns das einzige Sicherheitsgefühl : wenigstens war unser sinkendes Schiff nicht ohne Kapitän . Ach , diese Cholerawoche in Grumitz ! ... Über zwanzig Jahre sind seither vergangen , aber noch schaudert es mir durch Mark und Bein , wenn ich daran zurückdenke . Thränen , Wimmern , herzzerreißende Sterbescenen - der Karbolgeruch , das Knochenknarren der Krampfbefallenen , die ekelhaften Symptome , das unaufhörliche Geklingel des Totenglöckleins , die Begräbnisse - nein : Verscharrungen - denn in solchen Fällen gibt es keinerlei Trauerpomp ; - die ganze Lebensordnung aufgegeben : keine Mahlzeiten - die Köchin war gestorben - kein Schlafengehen des Nachts - hier und da ein stehend eingenommener Bissen , und in den Morgenstunden ein sitzendes Einnicken . Draußen , wie eine Ironie der gleichgültigen Natur , das herrlichste Sommerwetter , fröhlicher Amselschlag , üppiges Farbenglühen der Blumenbeete ... Im Dorfe ununterbrochenes Sterben - die zurückgebliebenen Preußen alle tot . » Ich bin heute dem Totengräber begegnet , « erzählte Franz der Kammerdiener , » wie er mit einem leeren Wagen vom Friedhof zurückfuhr . Wieder ein paar hinausgeschafft ? habe ich ihn gefragt . Ja , wieder sechs oder sieben ... alle Tag ' so ein halb ' Dutzend , manchmal auch mehr ... es kommt auch vor , daß einer oder der andere im Wagen drin noch a bissl muckst - aber thut nix - nur ' nein in die Gruben mit die Preußen ! « Am folgenden Tage starb der Unmensch selber und ein anderer mußte sein Amt - zur Zeit das angestrengteste im Ort - übernehmen . Die Post brachte nur trübes ; von überall her Nachrichten über das Wüten der Seuche und Liebesbriefe - ewig unbeantwortet zu bleibende Liebesbriefe - von dem nichts ahnenden Prinzen Heinrich . An Konrad hatte ich , um ihn auf das fürchterliche vorzubereiten , eine Zeile geschickt : » Lilli sehr krank . « Er konnte nicht augenblicklich kommen - der Dienst hielt ihn zurück . Erst am vierten Tage kam der Unselige ins Haus gestürzt : » Lilli ? « rief er - » ist es wahr ? « Unterwegs hatte er das Unglück erfahren . Wir bejahten . Er blieb unheimlich still und thränenlos . » Ich habe sie viele Jahre geliebt , « sprach er nur leise vor sich hin . Dann laut : » Wo liegt sie ? - Auf dem Friedhofe ? ... Ich will sie besuchen ... lebt wohl ... sie erwartet mich ... « » Soll ich mitkommen ? « trug ihm jemand an . » Nein , ich gehe lieber allein . « Er ging - und wir sahen ihn nicht wieder . Am Grabe der Braut hat er sich eine Kugel durch den Kopf gejagt . So endete Konrad Graf Althaus , Oberstlieutenant im 4. Husarenregiment , im siebenundzwanzigsten Lebensjahre . Zu einer anderen Zeit hätte die Tragik dieses Vorfalls viel erschütternder gewirkt , aber jetzt : wie viele junge Offiziere hatte der Krieg unmittelbar weggerafft - diesen mittelbar . Und in dem Augenblick , als wir von der That erfuhren , war in unserer Mitte ein neues Unglück ausgebrochen , das unsere ganze Herzensangst in Anspruch nahm : Otto - meines armen Vaters angebeteter , einziger Sohn - war von dem Würgeengel gepackt . Die ganze Nacht und den folgenden Tag dauerte sein Leiden - unter wechselndem Hoffen und Verzagen - um sieben Uhr abends war alles vorbei . Mein Vater warf sich auf die Leiche mit einem so markerschütternden Schrei , daß es das ganze Haus durchdröhnte . Wir hatten Mühe , ihn von dem Toten fortzureißen . Ach , und dieser Schmerzensjammer , der jetzt folgte : heulende , brüllende , röchelnde Laute der Verzweiflung waren es , die der alte Mann stunden-und stundenlang ausstieß ... Sein Sohn , sein Stolz , sein Otto , sein alles ! Auf diese Ausbrüche folgte plötzlich starre , stumme Apathie . Dem Begräbnis seines Lieblings hatte er nicht beiwohnen können . Er lag auf einem Sopha regungslos und - beinahe schien es - bewußtlos . Bresser ordnete an , daß er entkleidet und zu Bett gebracht werde . Nach einer Stunde schien er sich zu beleben . Tante Marie , Friedrich und ich waren an seiner Seite . Er schaute eine Zeit lang mit fragendem Blick herum , dann setzte er sich auf und versuchte zu sprechen . Doch brachte er kein Wort hervor und rang mit schmerzverzerrtem Gesicht nach Atem . Da begann es hin zu schütteln und zu werfen , als wäre er von jenen schauerlichen Krämpfen befallen , welche die letzten Symptome der Cholera sind , und doch hatten sich vorher keine der anderen Erscheinungen bei ihm gezeigt . Endlich brachte er ein Wort hervor : » Martha « . Ich fiel kniend