leicht mit der Hand über Stirn und Augen und schritt aus dem Zimmer . Meine Seele war erfüllt von seinen Worten . So hatte noch nie ein Mensch mit mir gesprochen . War ich es wirklich ? war meine verdüsterte Seele in der langen Krankheit entschwebt und hatte einem reineren , helleren Geiste Platz gemacht ? Gleichviel wie es war - es war köstlich , zu köstlich fast , als daß es bleiben konnte . Aber festhalten wollte ich es , so lange als möglich , wie man den Nachklang einer süßen Melodie festzuhalten sucht . Ich regte mich nicht , als ich ein leises Geräusch im Zimmer vernahm , als mein treuer Wächter seine Vorbereitungen für die Nacht traf . Wie hätte ich nicht sanft schlafen sollen , so reich gesegnet ! wie hätte ich nicht ruhig schlafen sollen , so treu bewacht ! Fünfundzwanzigstes Capitel . In dem schattigen Garten , der ausschließlich für den Director und seine Familie bestimmt ist , befindet sich in der äußersten Ecke ein Gartenhäuschen , das auf der alten Stadtmauer steht und in der Familie den pompösen Namen » Belvedere « führt , weil man aus den Fenstern einen reizenden Blick über die Stadtwälle auf ein großes Stück der Meerenge und auf ein noch größeres der Insel haben würde , wenn man die Fenster öffnen könnte . Aber die Fenster sind sehr alt und sehr morsch und verquollen ; überdies sind sie sehr schmal , und die kleinen , in Blei gefaßten Scheiben sind von buntem Glase und haben einstmals , als sie noch der integrirende Theil der Fenster einer benachbart gewesenen , längst zerstörten Capelle waren , jedenfalls ein bestimmtes Muster gehabt , das jetzt kaum noch zu erkennen ist . Ueberhaupt ist das Häuschen einigermaßen in Verfall , da auch das Holz , aus dem es gebaut ist , den Einflüssen der Sonne , des Regens und des Seewindes in den langen Jahren nicht ganz hat widerstehen können , und es wird daher nur selten benutzt , viel seltener als der Platz vor dem Häuschen , der so recht eigentlich die Sommerwohnung der Familie ist , wo sie jede gute Stunde der guten Jahreszeit verbringt . Der Platz verdient diesen Vorzug in vollstem Maße . Auf gleicher Höhe mit dem Gartenhäuschen und dem Rande der Stadtmauer , bedeutend höher also als der übrige Theil des Gartens , trifft ihn der erfrischende Hauch des nahen Meeres , während durch das dichte Laub der alten Platanen , die ihn rings umgeben , nur selten ein vereinzelter Strahl der Mittagssonne den Boden streift . Die Zwischenräume der Baumstämme sind mit der grünen Wand einer lebendigen Hecke ausgefüllt , die das Trauliche , Lauschige des Platzes noch vermehrt und von der sich sechs Hermen aus Sandstein vortrefflich abheben . Zwei runde Tische aus grün angestrichenem Tannenholz rechts und links mit den nöthigen Stühlen laden zum Träumen und Arbeiten ein . Von den zwei Personen , die etwa vierzehn Tage , nachdem ich zum ersten Male das Zimmer verlassen durfte , an einem schönen Augustabende hier saßen , war die eine mit dem Ersteren beschäftigt - wenn Träumen eine Beschäftigung genannt werden kann - die andere arbeitete wirklich sehr eifrig . Der Träumer war ich selbst , und eine leichte Decke , die trotz der Wärme des Tages über meinen Knieen lag , schien andeuten zu wollen , daß ich mich noch in dem Stadium der Reconvalescenz befand , wo Träumen erlaubt und Arbeiten verboten ist ; die andere war ein junges Mädchen von vierzehn Jahren und ihre Arbeit bestand darin , daß sie meinen Kopf à deux crayons in Lebensgröße auf einem Reißbrett zeichnete . Dabei mußte sie natürlich oft ihre Augen über den Rand des Reißbrettes zu mir erheben , und wenn ich sagen soll , was der Gegenstand meiner Träume war , so muß ich gestehen , daß es eben diese Augen waren . Und wahrlich , man brauchte nicht eben zwanzig Jahre und Reconvalescent und derjenige zu sein , auf welchen sich diese Augen oft mit jenem eigenthümlichen , zugleich festen und zweifelnden , zugleich nach Außen und nach Innen gekehrten Blick richteten , den der Künstler auf sein Modell heftet - man brauchte , sage ich , weder das Eine , noch das Andere , geschweige denn alles Dreies auf einmal zu sein , um von diesen Augen gefesselt zu werden . Sie waren groß und blau und tief , von jener Tiefe , die eine Oberfläche hat , auf welcher sich jede Regung des Gemüthes , jedes Licht , das darüber hingleitet , jeder Schatten , der vorüberzieht , wiederspiegelt und doch noch immer ein Etwas bleibt , das unergründlich ist . Schon einmal - vor nicht sehr langer Zeit - hatte ich in Augen geschaut , die unergründlich waren - wenigstens für mich - aber wie anders waren diese hier ! Ich fühlte wohl den Unterschied , ohne daß ich damals im Stande gewesen wäre , ihn zu definiren . Ich wußte nur , daß diese Augen mich nicht verwirrten , beunruhigten , heute entflammten , morgen in Eiswasser tauchten , sondern daß ich wieder und immer wieder hinein schauen konnte , wie man voll seliger Ruhe in den Himmel schaut und kein Wunsch , kein Verlangen sich in uns regt , außer vielleicht , daß man Flügel haben möchte . Was diese großen , tiefen Augen des Mädchens noch größer und tiefer erscheinen ließ , war vielleicht der Umstand , daß sie weitaus das Schönste in dem Gesichte waren . Einige sagten : das einzige Schöne ; ich konnte mich nie zu dieser Ansicht bekennen . Die Züge waren allerdings nicht regelmäßig und ganz gewiß nicht , was man frappant nennt , aber Unedles war nichts darin ; im Gegentheil Alles fein und eigen , und klug und sinnig , von sanften und doch bestimmten Linien umschrieben . Fein und eigen und klug und sinnig - besonders der Mund , der zu sprechen schien , selbst wenn