von denen die goldführenden Ströme sich ins Meer herabstürzten ! Und rückwärts auf der Linie des Meereshorizontes tauchte Segel um Segel auf . Jedes Volk des Erdballs kam , seinen Teil zu nehmen von dem unendlichen Glück . Auf dem Deck der Teutonia zitterte das Fernrohr in der Hand des Kapitäns . Mit toller , schwindelnder Hast führten die Matrosen die gegebenen Befehle aus - immer deutlicher trat das Land hervor ; eine hohe Felswand schien den Lauf des Schiffes hindern zu wollen ; aber was ihr durch Jahrtausende gelungen war , das gelang jetzt nicht mehr - das Goldene Tor öffnete sich , auf beiden Seiten traten die Felsen zurück , ein hundertstimmiges Jauchzen stieg himmelan vom Bord der Teutonia ; unwillkürlich machten sich dadurch die zusammengepreßten Gefühle in jeder Brust Luft . Vor den Augen der Seefahrer dehnte sich , blitzend im Strahl der Morgensonne , die Bai von San Francisco . Wer jetzt - jetzt , wo jene Zeit schon längst old forty-nine , alt-neunundvierzig , geworden ist - dort anlandet , der findet da eine prächtige Stadt , ein geregeltes Staatsleben , ein geregeltes Leben der Individuen . Das war damals anders . Damals setzte jedermann den Fuß des Eroberers auf diesen dürren Strand , mit dem festen Willen , niemandem zu weichen auf dem Wege zum grenzenlosen Reichtum . Jeder , nur mit sich selbst beschäftigt , sah in dem Mann zur Seite nur den gefährlichen Nebenbuhler , den Todfeind . Selten fand der Strauchelnde eine barmherzige , hülfreiche Hand ; nur der Egoismus verband hie und da die einzelnen zur gemeinschaftlichen Arbeit . Da lagen auf der Reede die Schiffe aller Nationen : die chinesische Dschunke neben der englischen Brigg , das Fahrzeug aus Honolulu neben dem Bremer Schoner , und von jedem Bord hatte sich der Strom der Abenteurer ans Land ergossen und auf dem Strande die tolle Zeltstadt San Francisco mit errichtet , leicht und wunderlich gleich den Gedanken , welche in den wilden Herzen um wirbelten . Ihren Ankerplatz fand auch die Teutonia , und auch ihre Menschenlast stürzte sich im drängenden Getümmel in die Böte , um so schnell als möglich den glorreichen Boden zu erreichen . Ein klares Denken war in diesem Augenblick eine Unmöglichkeit ; möglich schien nur , daß alles dieses , was Wirklichkeit sein sollte , nur eine Vision war . Jedermann hatte das Gefühl , als könnten diese Gebirge , diese Landzunge mit der beweglichen Stadt , dieses bunte Gewühl der Völker , dieser Mastenwald sich wieder in Nebel und Nichts auflösen . Schwindelnd stand Robert Wolf , nach mehrmonatlichem Geschaukel auf den Wogen , auf dem festen Erdreich , fast so schwindelnd wie damals , als das Geschick ihn zum erstenmal ratlos , hülflos in die große Stadt geschleudert hatte . Der Übergang war zu plötzlich . Eben befand man sich noch auf dem weiten Meer , inmitten der Gestalten , der Gesichter , der Stimmen , an die man sich wohl oder übel durch das lange Zusammensein gewöhnt , über die man sich ergötzt , geärgert , erbost , an die man sich auch wohl mit Zuneigung angeschlossen hatte - nun war man mit einem Schlag , durch einen Schritt über ein schwankendes Brett , in eine Szenerie , in ein Leben versetzt , von welchem man bis dahin nicht die geringste Ahnung gehabt hatte . Verschwunden waren die bekannten Figuren . In einem Augenblick hatten sie sich in dem Getümmel verloren . Das Schiff war zu einer Art von Heimat geworden ; diesem unbekannten Lande , diesem unbekannten Leben gegenüber fühlte man sich vollkommen heimatlos . Für mutige Charaktere jedoch geht dieses zaghafte Gefühl , dessen sich wohl keiner anfänglich erwehren kann , schnell vorüber , und auch bei dem Schüler des Polizeischreibers Fiebiger war es nicht von Dauer . Fest stand er und blickte klar in das Wirbeln und Wogen . Um sein geringes Gepäck brauchte er keine Sorge zu haben . Im Notfall konnte er den leichten Koffer auf den eigenen Schultern zu irgendeiner der Holz- und Leinwandbaracken tragen , welche durch ein flatterndes Banner oder durch eine flüchtig und roh bepinselte Tafel als » Hotels « dem müden Seefahrer sich ankündigten . Aber der junge Deutsche konnte sich nicht losreißen von dem merkwürdigen Schauspiel , welches vor seinen Augen fort und fort wechselte ; er schrak auch nicht wenig zusammen , als er plötzlich eine gewichtige Hand auf seiner Schulter fühlte : » Holla , Landsmann , seid Ihr nach Kalifornien gekommen , um auf offener Straße ein germanisch Tagträumen zu beginnen ? Beim Plutus und Mammon , kein Platz dafür hier , Herr Wolf aus dem Winzelwalde . « Im höchsten Grade überrascht durch die unvermutete Anrede , drehte sich Robert um und sah nun einen hohen , breitschultrigen Mann mit dunkelm , graugesprenkeltem Vollbart und sonnegebräuntem Gesicht , über dessen Stirn eine rote Narbe lief , vor sich . Ein breitrandiger Sombrero bedeckte den charaktervollen Kopf , dazu trug der Mann ein ledernes Jagdwams , hohe Stiefeln , eine Büchse , ein Weidmesser , eine indianische Tasche und unter dem Arm eine zusammengerollte mexikanische Serape . Das Plötzliche der Erscheinung und Anrede wirkte so verwirrend auf Robert , daß er einige Sekunden hindurch nicht imstande war zu sagen , wer vor ihm stehe . Der Fremde machte dem schnell ein Ende und sagte : » Kalkuliere , Ihr kennt mich doch wohl ! Erinnert Euch an das Polizeibüro zu - na , Ihr wißt . Schickte auch neulich einen Brief nach dem alten Lande , der Euch leider anging . Gebt mir die Hand , ich wußte , daß Ihr Euch den Weg hierher nicht verdrießen lassen würdet . « » Konrad von Faber ! Der Herr Hauptmann von Faber ! « rief Robert Wolf und faßte hastig die dargebotene knochige Hand des berühmten Reisenden . » Dank , Dank für die Hand , die Sie mir damals reichten , welche Sie mir jetzt entgegenstrecken ! «