lassen , bis ich mich überzeugt hatte , daß sie wußte , was sie that . Ich fürchtete noch immer , sie wolle sich das Leben nehmen . Als sie sah , daß ich von meinem Vorsatz nicht abzubringen war , half sie mir , mich vollends ankleiden und sagte : So kommen Sie , Mutter Clausen ; er sieht dann doch , daß ich auch hier nicht ganz verlassen gewesen . Wir gingen , uns an den Händen haltend , auf den Zehen durch die Corridore , dann die Treppe hinab , die aus dem alten Schlosse in den Garten führt . Es hatte aufgehört zu regnen , und der Mond schien auf Augenblicke durch die schwarzen , treibenden Wolken . Ich hatte noch immer Mariens Hand in der meinigen ; sie eilte , mich mit sich ziehend , durch die wohlbekannten Wege . Als wir vor einer Bank vorüberkamen in einem der dichteren Baumgänge , wo ich sie oft mit Harald hatte sitzen sehen , blieb sie einen Augenblick stehen , und ich fühlte , wie ihre Hand zuckte . Aber sogleich raffte sie sich wieder auf : Nein , nein , murmelte sie , er hat Recht ; Harald hat mich nie geliebt und darum darf ich auch nicht länger bleiben . Wir gingen aus dem Garten in den Hof , aus dem Hof durch das große Thor in den Wald hinein , die Straße nach Berkow . Als wir ein paar hundert Schritte gegangen waren , kam uns ein Mann entgegen . Er ist es ; sagte Marie ; Sie müssen mich jetzt verlassen , Mutter Clausen ; ich habe ihm versprochen , allein zu kommen , und keinem zu sagen , daß ich fortgehe . Du hättest das nicht versprechen sollen , Kind , sagte ich ; ich glaube , ich habe das Recht , zu wissen , wo Du bleibst . - Unterdessen war der Mann herangekommen . Bist Du ' s , Marie ? sagte er ; warum kommst Du nicht allein ? - Weil ich sie nicht losgelassen habe ; sagte ich , und sie auch nicht loslassen will , bis ich weiß , wo sie bleibt . - In Gottes Hut , und unter dem Schutz eines Freundes ; sagte der Mann . Das klang so treu und gut , daß all ' meine Angst und Sorge in einem Augenblick verschwunden war . Der Mond trat aus den Wolken hervor , und ich konnte den Mann , der jetzt neben uns herging , etwas deutlicher sehen . Er war klein und nicht mehr jung ; und hatte eine Brille auf der Habichtsnase , wie der Jude von gestern Morgen . Er hatte einen langen Ueberrock an , und als der Wind denselben auseinander wehte , sah ich beim Schein des Mondes den Lauf einer Pistole blinken , die in einem Gürtel steckte , den er um den Leib geschnallt trug . Einige Schritte weiter hielt eine mit zwei Pferden bespannte Kutsche . Es ist die höchste Zeit ; sagte der Mann auf dem Bocke . Er sprach plattdeutsch , und mir war , als ob ich die Stimme kannte . Schnell , schnell , sagte der kleine Mann mit der Brille und drängte Marie nach dem herabgelassenen Wagentritt . Adieu , Adieu , schluchzte Marie , mich noch einmal umarmend , und als ihr Kopf für einen Augenblick auf meiner Schulter lag , flüsterte sie mir in ' s Ohr : Sagen Sie ihm , daß ich ihm Alles , Alles vergeben habe ! Schnell , schnell , Marie ; rief der Mann und stampfte ungeduldig mit dem Fuß . Er hing ihr einen weiten Mantel um und half ihr in den Wagen ; dann wandte er sich zu mir : Wenn Sie das unglückliche Mädchen wirklich so lieb haben , sagte er , schweigen Sie zweimal vierundzwanzig Stunden . Ich bin freilich auf Alles gefaßt , aber ich möchte um Mariens willen gern , daß es ohne diese hier abginge . Er schlug mit der Hand an die Pistole . - Verlassen Sie sich auf mich , sagte ich , und ich will mich auf Sie verlassen . - Thun Sie das , sagte er , es sind ja nicht alle Menschen Schurken . Er sprang in den Wagen und schlug die Thür zu . Die Pferde zogen im Galopp an , und schon nach wenigen Minuten hörte ich nur noch das Sausen des Windes in den Tannen . Ich ging langsam in das Schloß zurück ; und gelangte auf mein Zimmer , ohne von Jemand gesehen zu werden . Ich schloß hinter mir ab ; dann warf ich mich auf mein Bett , und weinte , als ob mir ein liebes Kind gestorben wäre ; und doch war ich glücklich und dankte Gott , daß er sich des armen Kindes erbarmt und sie aus dieser Hölle erlöst hatte . Als ich am andern Morgen erwachte , stand die Sonne schon hoch am Himmel . Es war ein heller , kühler Morgen und Harald ging mit seinen Gästen auf die Jagd . Ich war froh darüber ; so konnte ihm doch Mariens Flucht bis zum Abend wenigstens verschwiegen werden . Den Leuten freilich mußte ich schon gegen Mittag sagen , daß Fräulein Marie nirgends zu finden sei , und ob sie sie nicht gesehen hätten ? Die waren nicht wenig erschrocken , denn da war Keiner , der das sanfte , schöne Mädchen nicht gern gehabt hätte . Sie durchsuchten das Haus , die umliegende Gegend , den Wald bis zum Strande und selbst den Wallgraben , denn daß sich die Aermste das Leben genommen habe , darüber waren sie Alle einig . Spät am Abend kam Harald zurück . Er war allein . Als er in das Haus trat , sah er auf den ersten Blick an den verstören Gesichtern der Leute , daß etwas vorgefallen sein müsse . Sein böses Gewissen sagte ihm gleich , was . Ist