Gefechte geschahen immer in Annas Abwesenheit ; einst aber entzündete sich der Streit in ihrer Gegenwart , ohne daß man es gewollt hatte ; sie suchte sich schleunigst zu salvieren , ich aber , der eben hitzig einer anderen nachstellte , um sie für eine meuchlerische Bosheit zu bestrafen , kriegte plötzlich Anna zu fassen und ließ erschrocken meine Hände sinken . So mutig ich an der Seite des Philosophen war , um so kleinlauter war ich , wenn ich den Mädchen allein gegenüberstand , denn alsdann war keine Rettung , als alles über sich ergehen zu lassen . Der Philosoph fürchtete sich vor dieser Feuertaufe nicht und tummelte sich manchmal furchtlos in einer Hölle von zwölf jungen und alten Weibern umher , und er triumphierte um so lauter , je übler er von ihren Zungen und Händen zugerichtet wurde , wenn er ihnen weiberschmähende Aussprüche aus der Bibel und weltliche Argumente an den Kopf warf . Ich hingegen räumte das Feld , wenn mir die Sache zu arg wurde , oder ich stellte mich , als ob ich nicht ungeneigt wäre , mich belehren und bekehren zu lassen . Wenn ich vollends mit einem der Mädchen ganz allein war , so wurde stets ein Waffenstillstand geschlossen , und ich war immer halb bereit , unsere Sache zu verraten und mich unter den Schutz des Feindes zu stellen . Jedoch muß ich diese Neigung schlecht zu äußern gewußt haben , denn niemals schien man sie zu bemerken , und ich mußte zufrieden sein , sonst ein vernünftiges Wort zu wechseln . Ich wünschte durch diesen gemäßigten und freundlichen Verkehr allmählich dahin zu gelangen , auch mit Anna wieder im einzelnen und allein zu sprechen , und glaubte dies törichterweise immer am besten auf weitläufigem Wege zu bewerkstelligen , indem ich mich an die anderen hielt , statt Anna einfach einmal bei der Hand zu nehmen und anzureden . Allein dies letztere schien mir eben noch himmelweit zu liegen und eine reine Unmöglichkeit ; lieber hätte ich einen Drachen geküßt , als so leichtsinnig die Schranke gebrochen , obgleich es vielleicht nur an diesem Drachenkuß , an diesem ersten Worte hing , die schöne Jungfrau Vertraulichkeit aus der Verzauberung wiederzugewinnen . Allein wer konnte wissen ! Ein Sperling in der Hand ist besser als ein Adler auf dem Dache ! Lieber noch dies stumme Nahsein sicher behalten , als durch die beleidigte Ehre genötigt zu sein , auf immer zu scheiden ! Dadurch ward ich immer mehr und mehr verhärtet , und zuletzt ward es mir unmöglich , das gleichgültigste Wort an Anna zu richten ; so kam es , als sie auch nichts zu mir sagte , daß nach einer sehr stillschweigenden Übereinkunft wir füreinander gar nicht da waren , ohne uns deswegen zu meiden . Sie kam ebensooft zu uns herüber , wenn ich da war , wie sonst , und ich besuchte den Schulmeister nach wie vor , wo sie sich dann zufrieden herumzubewegen schien , ohne sich um mich zu bekümmern . Indessen kam es mir wunderlich vor , daß kein Mensch unsere seltsame Haltung zu bemerken schien , obgleich es doch gewiß auffallen mußte , daß wir auch gar nie etwas zueinander sagten . Die älteste Base , Margot , hatte sich diesen Sommer mit dem jungen Müller verlobt , welcher ein stattlicher Reitersmann war , die mittlere duldete offen die Bewerbungen eines reichen Bauernsohnes , und die jüngste , ein Ding von sechszehn Jahren , welches sich im Kriege immer am wildesten und feindseligsten gebärdet , war unmittelbar oder fast während eines der hitzigsten Gefechte überrascht worden , wie sie in einer Laube sich schnell von dem Philosophen küssen ließ ; die Wolken der Zwietracht hatten sich daher verzogen , der allgemeine Friede war hergestellt , nur zwischen mir und Anna , welche nie im Kriege gelegen miteinander , war auch kein Friede , oder vielmehr ein sehr stiller , denn unser Verhältnis blieb sich immer gleich . Anna hatte die erste äußere Garnitur aus dem Welschland schon abgelegt und war wieder frischer und freier geworden ; allein sie blieb doch ein feines und sprödes Kind , das überhaupt nicht viel sprach , leicht beleidigt und gereizt wurde , was ein schnelles Erröten immer anzeigte , und besonders stellte sieh ein leichter Stolz heraus , der sich mit etwas Eigensinn verband . Diesem Charakter zufolge war sie unerbittlich und hätte eher den Tod genommen , als daß sie sich durch das geringste Entgegenkommen etwas vergeben hätte . Desto verliebter aber wurde ich mit jedem Tage , so daß ich mich fortwährend mit ihr beschäftigte , wenn Ich allein war , mich höchst unglücklich fühlte und sehnsüchtig träumend die Wälder und Höhen durchstreifte ; denn da ich nunmehr wieder der einzige war , welcher seine Liebe verbergen mußte , wie ich wenigstens glaubte , so ging ich auch vorzugsweise wieder allein und auf mich selbst angewiesen . Ich brachte die Tage im tiefen Walde zu , mit meinem Handwerkszeuge versehen ; allein ich zeichnete nur wenig nach der Natur , sondern wenn ich eine recht geheime Stelle gefunden , wo ich sicher war , daß niemand mich überraschte , zog ich ein großes schönes Stück Pergament hervor , auf welchem ich Annas Bildnis aus dem Gedächtnis in Wasserfarben malte . Dies war für mich das allergrößte Glück , wenn ich mich an einem klaren Spiegelwässerchen unter dichtem Blätterdache so wohnlich eingerichtet hatte , das Bild auf den Knien . Ich konnte nicht zeichnen , daher fiel das Ganze etwas byzantinisch aus , was ihm bei der Fertigkeit und dem Glanz der Farben ein eigenes Ansehen gab . Jeden Tag betrachtete ich Anna verstohlen oder offen und verbesserte danach das Bild , bis es zuletzt ganz ähnlich wurde . Es war in ganzer Figur und stand in einem reichen Blumenbeete , dessen hohe Blüten und Kronen mit Annas Haupt in den tiefblauen Himmel ragten ; der obere Teil der Zeichnung war bogenförmig abgerundet und mit Rankenwerk eingefaßt