Ihrer Behauptung selbst einzusehen , so würde ich Sie thöricht schimpfen , « versetzte mit Lächeln der Jude . » Angenommen indeß , Ihre Aeußerung sei Ihnen auch Ueberzeugung , so vernehmen Sie meine Erwiederung darauf . « - Mardochai rollte die Papiere wieder zusammen und legte sie vor sich auf eine der Kisten . » Ihr Christen werft den Brüdern meines Stammes vor , sie hingen zu fest und innig an einander , um ihnen durch eine Gestattung gleicher bürgerlicher Rechte einen Vortheil zu gewähren über die minder einige Brüderschaft der Christen . Diese Folgerung ist richtig , doch wahrlich nicht eben sehr ehrenwerth für Euch . Spüren wir nun dem Grunde dieser Erscheinung nach , ganz unbefangen , ohne Bitterkeit . - Der Jude ist seit Jahrhunderten gedrückt , gepeinigt , gehöhnt worden von den Christen und hatte dieser gräßlichen Qual nichts entgegenzusetzen , als den Stolz der Ausdauer , den Muth einer erheuchelten Demuth , geschminkt mit dem Herzblut des furchtbarsten Hasses . Consequenz ward des Juden Religion , das Bewußtsein , listiger zu sein als menschlich , entwürdigte ihn öffentlich vor dem Auge der Welt , ehrte ihn aber doch in der Tiefe seiner Seele . Der Adel einer Rache , deren Ausführung abzweckt auf Befreiung aus den himmelschreiendsten geistigen Fesseln wird nur von großen Herzen gefühlt , von tiefen Geistern begriffen . Die Juden erduldeten Alles , um damit jene Sünde abzubüßen , die sie meinethalben begangen haben mögen durch die Kreuzigung des Gottmenschen . Ich will und mag darüber nicht sprechen , es sind achtzehnhundert Jahre vergangen , und gäbe es einen Gott , der so lange strafen könnte - wahrlich , so wie ich dies mein Kleid hier zerreiße , so vernichtete ich den Gedanken in mir an diesen Gott ! Mit den Seelenschmerzen eines Volks darf auch ein durch Irrthum einmal verhöhnter Gott nicht Wucher treiben ! - Sagen Sie nicht etwa , die Christen hatten den Juden irgend etwas geschenkt für jenen Frevel an ihrem Gott . Die Juden haben hohe Zinsen dafür gezahlt . Die Zeiten , sagt man , sind milder geworden , der Haß ist verjährt , die Gerechtigkeit der Weltgeschichte verlangt eine Ausgleichung . Sehr wohl , ich bin es zufrieden . Die Edelsten von Euch sind geneigt , den Juden zu gestatten , was der Mensch fordern muß , wenn er sich selbst als Mensch achten will , aber Millionen schreien Wehe ! wie ehemals der Wahnsinnige auf den Mauern Jerusalems . Woher erschallt dieses entsetzliche Wehe ? Aus der ledernen Kehle eurer Geldbeutel ! - O , erschrecken Sie nicht , ich will blos verständlich sprechen ! Der verachtete Stamm Juda ' s bittet um Ertheilung der Menschenrechte , in soweit diese von den Christen selbst besessen werden . Er stellt diese Bitte im Gefühl seines religiösen Schmerzes , nicht aus Eigennutz . Die Christen aber bringen nicht jene Wehmuth in Anschlag ; sie berechnen nur den Zinsfuß , betrachten die Börsenlisten und vergleichen genau den Stand der Metallique ' s , der Staatsschuldenscheine , des goldenen Kalbes , um das die Welt in wilden Sprüngen tanzt . - Sein Sie gerecht , Sigismund , und urtheilen Sie selbst , wer hier edler verfährt ! - Ich will meine Stammesbrüder nicht vertheidigen . Es ist ein schmutziges , feiges , oft nichtswürdiges Gesindel , aber nach der Ursache dieser Erniedrigung spähe ich gern umher , und ich finde sie in den Verwünschungen , die man über Israel ' s Kinder aussprach . Gehen Sie noch einen Schritt weiter mit mir . Viele von Ihnen fühlen , daß es grausam ist , den Edlen unsers Stammes eine Emancipation gänzlich abzuschlagen . Man will mild sein und läßt Gnade für Recht ergehen , etwa wie der gerechte Fürst einen zum Tode Verurtheilten mit lebenslänglichem Kerker beschenkt - man schlägt vor , uns zum Theil zu emancipiren ! - Ich hätte ein solch nüchternes , unedles Spiel den christlichen Völkern nicht zugetraut . Diese Gnade ist entsetzlicher , als die grausamste Ungerechtigkeit ! - Andere sagen : werdet Christen und Ihr seid gleich den Geringsten unter uns ! Wiederum sehr wahr ; doch bedenkt man nicht , daß eine Religion , die sich so lange aus ihren Schmerzen Trost gesogen hat , etwas Hochheiliges in sich bewahren muß , wenn man auch nicht Rücksicht nehmen wollte auf die Lieblosigkeit einer derartigen Forderung , noch dazu von Völkern , deren ganzer Glaube nur auf Liebe gegründet sein soll . « Mardochai schien ergriffen , er legte die Hand an seine Stirn und verdeckte eine kleine Weile sein Gesicht mit dem dunklen Talar . Ich betrachtete den trauernden und doch so stolzen Mann , Mitleid und Furcht bewegten mich gleich stark . » Warum aber , « fiel ich ein , » warum wollen Sie nicht , eingedenk Ihres ersten Frevels , auch einen entgegenkommenden Schritt thun ? Können Sie nicht Beruhigung und Trost finden selbst für tausendjährigen Kummer in der Religion der Liebe ? « Langsam enthüllte Mardochai sein Antlitz . Das schwarze Gewand sank nieder , wie Lavaasche , unter der hervorleuchtet der glühende Kegel eines feuerflammenden Gebirges . Mardochai ' s Antlitz schien Funken zu sprühen , noch nie hatte ich die erhabene Herrlichkeit des Zornes in so göttlicher Schönheit bewundern können . » Und Sie wagen es , ein solches Wort auszusprechen ? « flüsterte mit zornbewegter Zunge der geheimnißvolle Jude . » Sigismund , « fuhr er fort und stand auf , » seht , das ist es , was mich von Euch und Eurer Religion zurückschreckt . Wäret Ihr Christen so einig , so ganz , so im Hasse verbunden , so liebebegeistert einig , Ihr könntet nie eine ähnliche Frage thun ! Aber Ihr prahlt mehr mit dem hohen Geschenk des erbarmenden Gottes , als Ihr es achtet . Ihr pocht auf Euer Vorrecht , das Ihr ohne Mühe gewonnen habt durch den Zufall der Geburt , wir Juden aber lieben und ehren