diese ungehörige Prophezeihung , indem er mehr wie je von der fast überirdischen Schönheit dieses edeln Wesens ergriffen wurde . In diesem Augenblick erschienen ihm Charlottens verführerische Reize gegen diese adelige Klarheit wie verdunkelt , und zwar um so mehr , da er beim Umblicken auf den Lippen jener ein halb boshaftes Lächeln wahrzunehmen glaubte . Bei den übrigen beurlaubte er sich kürzer . Mannlich war nicht zugegen ; auch Graf Bitterfeld nicht , der , nachdem ihn eine Unpäßlichkeit einige Tage auf seinem Zimmer festgehalten , heute den Künstler Ehrenberg zu seinem Freunde , dem Baron Dülmen , begleitet hatte . Die Virtuosen nahmen von ihm einen leichtfertigen , heitern Abschied , denn sie waren des bewegten Lebens zu gewohnt , als daß irgend etwas sie hätte ernster stimmen können . Nur die kleine Dorothea sparte sich noch einen Augenblick auf dem einsamen Korridor auf , um ihm recht herzlich zu seiner Reise Glück zu wünschen . Die Kleine konnte sich der Tränen nicht enthalten , weil sie mit großer Rührung dabei ihrer Freundin Albertine gedachte . Späterhin ging Leonhard auf das Zimmer seines Freundes . Vielfache Gespräche wurden noch gewechselt , mancherlei Erinnerungen geweckt . » Wir scheiden noch nicht « , sagte Elsheim endlich , » denn ich begleite dich morgen noch einige Meilen . Im Winter sehen wir uns dann aber in deiner Stadt wieder . Nicht wahr diese Zeit hier ist für uns beide eine sonderbare Schule gewesen ? « » Das Bewußtsein , daß ich etwas gelernt habe « , antwortete Leonhard , » muß sich wohl erst später bei mir melden ; denn jetzt bin ich noch zu betäubt , um das nahe Vergangene , das eben Erlebte fassen zu können . « Leonhard stand auf , als wolle er gehen , kehrte aber wieder zurück . Elsheim hatte wohl im Lauf des Gesprächs gefühlt , daß sein Freund von irgend etwas gehemmt und gedrückt werde , und doch scheute er sich , den Namen Charlotte zu nennen , weil es ihm schien , als wolle Leonhard ihm etwas mitteilen über sie . Endlich faßte sich dieser ein Herz , nahm einige Briefe aus seiner Tasche und sagte hastig : » Erzeige mir die Freundschaft , diese drei Briefe , in jeder Woche einen , in mein Haus zu senden ; ich habe sie geschrieben , als wenn ich noch bei dir wäre . Ich ahnde , daß ich diese reizenden Fluren nie wiedersehen werde ; daher will ich mich noch einige Tage in diesen Gegenden , die ich immer so sehr geliebt habe , ergehen , und mag nicht von der Landstraße , wie ein Umstreifer , nach Hause schreiben . Sollten von dort Briefe ankommen , wie ich nicht glaube , so hebe sie mir auf , bis ich dir melde , wohin du sie schicken kannst . « Elsheim konnte es nicht unterlassen , seinen Freund mit einiger Verwunderung zu betrachten ; dieser entfernte sich in sichtbarer Verlegenheit , und als sich der Baron allein sah , sagte er zu sich : Man lernt einen Menschen doch niemals völlig kennen , und dieser gar ist einer der verwunderlichsten . Wie ernsthaft und dringend kündigte er mir ganz neulich das Wesen und Treiben hier auf ; sein Handwerk , seine Pflicht , seine Gattin , alles rief ihn gebietend und schnell in seine Heimat ; - und nun , ohne meine Verführung , wie er es nennt , geht er gar auf eigne Hand aus , um weiß der Himmel welche Abenteuer zu suchen und zu erleben . Es ist wohl etwas in uns , ein starker Magnet , der unwiderstehlich zu einem unsichtbaren , aber mächtigen Magnetberge hingezogen wird . Indem sich Leonhard auf sein Zimmer begeben wollte , lief ihm der Professor Emmrich , der lange geschlafen hatte , und auch nicht am Mittagstisch erschienen war , entgegen . » Sie reisen ? « rief er und umarmte ihn herzlich : » das beste Glück begleite Sie auf allen Ihren Wegen , denn Sie verdienen es . Ich hoffe , künftigen Winter in Ihrer Heimat zuzubringen , vielleicht immer dort zu wohnen , und in diesem Fall gehört es zu meinen besten Wünschen , daß aus unserer Bekanntschaft hier sich eine wahre Freundschaft bilden möge . Ich habe es Ihnen wohl angemerkt , daß Sie nicht so ganz in das etwas wüste Getreibe hier passen . Ihre Seele ist zu ruhig , Ihr Geist zu ernst , als daß er sich lange in der Unruhe gefallen könnte . « Auf sein Zimmer angelangt , fühlte Leonhard jene Beklommenheit , die uns immer anwandelt , wenn eine Periode unsers Lebens beschlossen wird , und eine neue anhebt . Jene trübe Angst quälte ihn , indem er nun den Ort , und wohl auf immer wieder verlassen sollte , in welchem er sich fast wie in eine Heimat eingelebt hatte . Sein Geist durchwanderte mit Wehmut die Säle und Zimmer , die sich ihm nun auf immerdar verschlossen , die hinter ihm wie in ein Nichts verschwanden . Er erinnerte sich des Abends , an welchem er angekommen war ; wie sonderbar die starken Mauern , der Eingang , der Vorplatz ihn begrüßt hatten ; wo das große , weite Zimmer ihn empfing , welches oft zum Speisesaal benutzt wurde ; und hinter diesem der weite viereckige Gartensaal , in welchem sich bei schönem Wetter die Gesellschaft fast immer versammelte . Rechts und links die vertraulichern Cabinete , und weiter entfernt die Wohnzimmer der Mutter , die es gern vermied , die Treppen , so breit und bequem sie auch waren , zu besteigen . Oben waren die verschiedenen Gastzimmer und der weite , ausgedehnte Rittersaal , der , bevor Leonhard das Theater darin aufgeschlagen hatte , so wüst und leer , so öde und schauerlich aussah . Er gedachte auch des fern liegenden Zimmers , welches , neben den Gemächern der Domestiken , der alte Joseph bewohnte , und das