, als meine Mutter bei uns einzog und unsere Dürftigkeit theilte . Die Besuche hörten auf , und wenn unsere Einsamkeit zuweilen gestört wurde , oder wenn wir gezwungen waren , Besuche zu machen , so suchte man Gelegenheit , über Mißheirathen zu sprechen , die nie zum Guten ausschlagen könnten ; und meine sanfte Seele empörte sich , wenn ich diese rohen Menschen , deren mangelhafte geistige Bildung ich nur bemitleiden konnte , so reden hörte . Dein Vater aber wurde durch ein solches Betragen auf ' s Aeußerste erbittert und beschloß , jedes Mittel anzuwenden , um seine Umstände wieder zu verbessern . Er studirte die Landwirthschaft eifrig , aber ihm mangelten die Mittel zu den nöthigen Auslagen und die besten Pläne konnten deßhalb nicht gelingen . Dieß zog ihm den Spott seiner Nachbaren zu , die viel zu beschränkt waren , als daß sie seine Einsichten hätten beurtheilen können ; aber die Verläumdung that ihre Wirkung und unsere Lage wurde immer schlimmer . Mehrere Kinder waren geboren , die unsere Sorge vermehrten . Jetzt , da die ganze Welt uns feindlich gegenüber stand , gewann Bitterkeit und Verachtung gegen die Menschen die Oberhand in Deines Vaters Brust . Er hatte nicht die heldenmüthige Kraft der Tugend , die uns über jedes Mißgeschick erhebt ; und da er Ursache gefunden hatte , die Menschen so tief zu verachten , so glaubte er auch der Selbstachtung nicht mehr zu bedürfen . Sie beten nichts an als ihr armseliges Vermögen , pflegte er oft zu sagen ; sie werden sich von der kleinsten Summe nicht freiwillig trennen , um ihren nächsten Verwandten vom Verderben zu erretten : so muß man sie durch jedes Mittel der Klugheit zum Beistande zu zwingen suchen . Seine Kenntniß der Rechte wie seine Ueberlegenheit des Geistes führten ihn in der That auf manche Mittel , bald von dem Einen , bald von dem Andern eine Summe als Darlehen zu erpressen , die unsern Untergang verschob , aber es konnte nicht fehlen , daß sich nun alle , die seine Achtung niemals verdient hatten , herausnahmen , Deinen Vater zu verachten ; und ach ! die allgemeine Stimme übte eine so traurige Gewalt , daß er auch die Achtung der Besseren verlor . Er wollte sich überreden , daß ihm dieß gleichgültig sei , aber ich sah wohl , wie der Kummer darüber an seinem Leben nagte . Meine Mutter war längst gestorben und Dein Vater hatte uns durch alle von ihm angewendeten Künste nur ein höchst dürftiges Leben gefristet ; Deine Schwestern wuchsen , von allen Menschen zurückgesetzt , beinah ohne alle Erziehung heran , und wir waren auf ' s Aeußerste getrieben , als derselbe Lorenz , der jetzt Deines Vaters Vermögen an sich zu bringen strebt , hier erschien und , nachdem er einige Stunden sich in ' s Geheim mit Deinem Vater unterredet hatte , sich wieder entfernte . Jetzt , sagte hierauf Dein Vater mit großer Heiterkeit zu mir , jetzt will ich meinen hochmüthigen Vetter wohl zwingen , mir beizustehen ; bald werde ich die Mittel dazu in meinen Händen haben , und Du , mein unglückliches Weib , brauchst dann nicht mehr in Noth mit unsern armen Kindern zu vergehen . Wie flehentlich bat ich ihn damals , auf der Bahn des Rechten zu bleiben und sich offen , mit Vertrauen an diesen Verwandten zu wenden . Er lachte mit Bitterkeit über meinen Rath und fragte mich , ob wir noch nicht Demüthigungen genug erfahren hätten , ob ich nach neuen lüstern sei ? Wie einen Bettler würde er mich abweisen , sagte er , wenn ich ihn freimüthig bäte , mir von seinem Ueberflusse Unterstützung zu gewähren , aber mit größtem Danke wird er einen Theil seines Vermögens aufopfern , wenn er fürchten muß , noch weit mehr zu verlieren . Meine Thränen flossen nun im Verborgenen , denn ich wußte wohl , daß ich Deinen Vater zur Aenderung seiner Ansicht nicht würde bewegen können . Nach einiger Zeit erschien der alte Lorenz von Neuem und brachte ein Pergament , wofür er eine ansehnliche Summe verlangte . Ich hörte es wohl , wie ihm Dein Vater alles geben wollte , was sich noch an Silber oder sonst an Sachen von Werth im Hause befand , aber dieß Alles betrug nur noch eine unbedeutende Summe . Auf Verschreibungen wollte sich der Alte vollends nicht einlassen , indem er behauptete , ein solcher Handel könne nur gegen baares Geld abgeschlossen werden . Dein unglücklicher Vater war so in Verzweiflung , daß ich glaubte , er würde jede Rücksicht vergessen und es versucht haben , dem alten Lorenz die Schrift , auf die es ihm ankam , mit Gewalt zu entreißen , wenn nicht in diesem Augenblicke der Prediger gekommen wäre , dem wir , wie vielen Andern , schuldig sind , und der also höflich empfangen werden mußte . Der alte Lorenz benutzte diesen günstigen Augenblick , um sich zu entfernen , und sagte mit widrigem Lächeln , daß er nach einigen Wochen wieder anfragen wollte , ob der Herr Graf seine Dienste noch wünsche . Von jetzt an zehrte Dein Vater sich sichtlich ab in dem leidenschaftlichen und fruchtlosen Bestreben , die Summen zusammen zu bringen , die gefordert wurden , ehe der Alte die Schrift ausliefern wollte . Er erfuhr , daß sein Verwandter den ungetreuen Kastellan entlassen hatte , und dieß erregte in ihm eine lebhafte Freude , denn er hoffte nun mit geringeren Kosten seinen Zweck zu erreichen . In der That bot ihm der alte Lorenz die Schrift nun für die Hälfte der früher geforderten Summe an , aber auch seine herabgestimmte Forderung zu befriedigen war unmöglich , weil er sich nur gegen baares Geld zur Auslieferung des Verlangten verstehen wollte . In dieser sorgenvollen Zeit vermehrte der Krieg unser Unglück und der Friede vollendete es , denn Du , mein geliebter Sohn , kehrtest krank und des Dienstes entlassen zu uns zurück . Dein