. Die Weiber hörten ihm gerne zu , und in Annonciatens Herz wurzelte diese Beschreibung wie in einem fruchtbaren Boden . Wenn Helsing aufgehört hatte , vorzulesen , so war sie immer die erste , die das Gespräch auf den jungen Edelmann lenkte , so daß Helsing , der sich in seiner Erzählung gefiel , weil er von alle dem Guten immer etwas einerntete , bald nichts mehr wußte , und bis zu seinen pädagogischen Beobachtungen über des Jünglings früheste Jugend zurückkehrte , um Annonciaten zu befriedigen . Sie brachte hier meistens die Abende zu , während Marie die letzte Zeit , welche Joseph noch in Deutschland war , mit ihm in Liebe teilte . Annonciata war gern zu Haus , und daß sie jetzt öfter als gewöhnlich ausging , war , um Marien nicht zu stören . Dieses erkannte man übrigens nicht . Es lag in ihrem Charakter , Gefälligkeiten , Wohltaten und alles , was sie in den Augen anderer erheben konnte , durch eine oft künstliche , mühsame Vorbereitung unscheinbar zu machen ; denn nichts tat ihr weher als Lob ; doch erkrankte ihr Gemüt in diesem selbstbereiteten lieblosen Zustande . In dieser Zeit empfing sie einen Brief von ihrer Taufpate , einer in der Gegend wohnenden Gräfin , die sie schon vor einiger Zeit besucht und mit deren Tochter sie einen freundlichen Umgang angeknüpft hatte . Die Gräfin bat sie dringend , sogleich zu ihr kommen , weil ihre Tochter Wallpurgis gefährlich krank sei und sehr nach ihr verlange . Annonciaten bestürzte diese Nachricht , sie hatte sich , als sie den vorigen Abend wie gewöhnlich am Fenster stand , so lebhaft nach dem Schlosse gesehnt , und nun rief sie eine so traurige Nachricht hin . Sie brachte den Brief ihrem Vater , der es ihr gern erlaubte , und nachdem er sich bei der Kammerfrau der Gräfin , die mit einer Kutsche gekommen war , Annonciaten abzuholen , über die Krankheit erkundigt und erfahren hatte , daß sie in einer bloßen tiefen Melancholie bestehe , so sprach er mit Annonciaten noch einmal allein , wie man mit Melancholischen umgehen müsse , machte sie aufmerksam auf ihren eignen Tiefsinn und beurlaubte sie mit den Worten : » gehe mit Gott , mein Kind « . Annonciata ward durch die Rede ihres Vaters sehr gerührt , die letzten Worte nämlich , » gehe mit Gott , mein Kind « , bewirkten ihr eine heftige Bewegung , denn in diesen selbstgebildeten Ausdrücken des Herzens , die wie die Wünsche : Guten Morgen ! Guten Abend ! die Frage : Wie geht es ? bei den meisten Menschen durch die Gewohnheit ganz bedeutungslos werden , lag für sie eine tiefe Bedeutung , und ich glaube dieses mit Recht für den Zug eines kindlichen und tiefen Gemüts halten zu dürfen , welches fromm an das Wort glaubt , und dem der Sinn nie verloren geht . Annonciata fiel dem Vater um den Hals , und konnte vor Tränen nicht sprechen . Wellner verstand dies nicht ; er dachte nach , ob er sie gekränkt habe , und da ihm nichts einfiel , so legte er auch das zu seiner allgemeinen Idee von ihr zurück , und seine Sorge ward erhöht . Zu Marien ging Annonciata auch , wo sie Joseph fand . Auch hier fühlte sie sich tiefer gerührt , als der Zufall es erforderte , und sie erstaunte selbst über das Wesen ihrer Trauer . Joseph redete viel Freundliches zu ihr , und viel von der Zukunft , aber das war es grade , was ihr das Herz zerbrach . » Die Zukunft ! « rief sie , » die Zukunft , o wäre sie vorüber ! « Dann schnitt sie sich eine Locke über der Stirne ab , und gab sie Marien , die dasselbe tat . Joseph und Marie sahen ihrem ganzen Betragen mit banger Aufmerksamkeit zu , denn sie hatten sie nie so vertraulich und so freundlich gesehen . Annonciata brachte Marien noch ein kleines Orangenbäumchen auf die Stube , und bat sie , es treu zu pflegen und ihrer oft zu gedenken abends , wenn sie nun nicht mehr bei ihr am Fenster stehe . Dann reiste sie ab , nachdem sie alle Leute des Hauses noch gegrüßt hatte , und ihre Trauer verbreitete sich über alle die Zurückgebliebenen , als sollte sie nie wiederkehren . Das ganze Haus war nun mit den Zubereitungen zu Josephs Abreise beschäftigt . Er selbst aber suchte die genauere Bekanntschaft des jungen Genuesers , den sich Wellner für Annonciaten ersehen hatte . Dies war ihm nicht schwer , denn jener war ein offener , lustiger Mann und ihm schon durch mehrere Geschäfte bekannt . Er wohnte in dem Hause eines seiner Schuldner als eine Art Exekution , da er den Mann nicht zahlbar gefunden hatte . Eigentlich war er kein bestimmter Kaufmann , sondern bloß der Erbe einer großen aufgelösten Handlung , und reiste , um die Schulden dieser Handlung einzutreiben . Joseph entschuldigte seinen Besuch bei ihm durch den Vorwand , daß er ihn um einige genuesische Kaufleute fragte . Da der Italiäner ihm hierüber Auskunft gegeben hatte , begann er , mit vielem Feuer über sein Vaterland zu sprechen , und geriet in eine lange Auseinandersetzung der Staatsverfassung von Genua , bis es Josephen bange ward , er möge seinem Zwecke heute nicht näherrücken . Der gesprächige Italiäner kam endlich auch auf die Weiber zu sprechen . Er klagte über die unsittliche Sprödigkeit der Deutschen , und sagte : » Ich wollte meinem Hausherrn gern die halbe Schuld erlassen , wenn er nur eine weise Tochter mit schwarzen Augen und Haaren hätte , die ich ein wenig lieben könnte ; nun aber ist kein Mitleid im ganzen Hause , denn die Tochter hat rote Haare , und ich muß hier sitzen und unbarmherzig sein . - Ihnen geht es wohl besser , mein Freund , denn ich habe jüngst bei Ihnen so im Fluge ein paar