raffte sich trotz seiner Erschöpfung empor und die Hand Eugeniens ergreifend , zog er sie fort nach dem Platze , wo den Verunglückten die erste , reichlich gebotene Hülfe zu Theil ward . Nur einen , den letzten , hatte man abseits getragen . Ulrich lag auf dem Boden ausgestreckt ; sein Vater war noch nicht wieder zur Besinnung zurückgekehrt und wußte nichts von dem Schicksal des Sohnes , aber dieser war deshalb nicht allein oder nur von fremder Hülfe umgeben ; an seiner Seite kniete ein junges Mädchen , das den Kopf des Sterbenden in ihren Armen hielt und mit dem Ausdruck herzzerreißender Angst in seine Züge blickte , ohne auf ihren Bräutigam zu achten , der an der andern Seite stand und die erkaltende Hand des Freundes gefaßt hatte . Ulrich sah beide nicht , wußte vielleicht gar nicht mehr , daß sie bei ihm waren ; sein Auge war groß und starr auf den flammenden Abendhimmel , auf die sinkende Sonne gerichtet , als wolle es noch einen Strahl des ewigen Lichtes einsaugen und mit hinübernehmen in die lange düstere Nacht . Arthur hatte eine halblaute Frage an den gleichfalls anwesenden Arzt gerichtet ; dieser antwortete mit einem stummen Achselzucken – der junge Chef wußte genug . Die Hand seiner Gattin loslassend , flüsterte er ihr einige Worte in ’ s Ohr und trat dann zurück , während Eugenie sich zu Ulrich niederbeugte und seinen Namen nannte . Da flammte es noch einmal mitten durch den Nebel des Todes mächtig auf ; die ganze Gluth und Leidenschaft des Lebens drängte sich für einen Moment nochmals zusammen in diesem Blick , den er mit dem Ausdruck des vollsten Bewußtseins auf die junge Frau richtete , deren Lippen jetzt eine bange leise Frage aussprachen : „ Hartmann ! Sind Sie schwer verwundet ? “ Das Weh von vorhin zuckte wieder über sein Antlitz ; die Stimme klang dumpf , gebrochen , aber ruhig . „ Was fragen Sie nach mir ? Sie haben ihn ja wieder . Was brauche ich da noch zu leben ! – Ich hab ’ s Ihnen ja vorher gesagt : Er oder ich ! Ich meinte es freilich anders , aber das war ’ s doch , was mir durch den Kopf fuhr , als die Wand stürzte . Da dachte ich an Sie und Ihren Jammer , und dachte daran , daß er mir da oben die Hand gereicht hatte , als sonst Niemand sie wollte , und da – da warf ich mich über ihn ! “ Er sank zurück ; der aufflammende Funke erlosch schnell in der Anstrengung des Sprechens , aber dieses wilde glühende Leben verblutete sich im Tode ruhig , ohne Kampf und Qual . Der Mann , dessen ganzes Dasein nur Haß und Kampf war gegen die , die das Schicksal über ihn gestellt , er hatte in der Rettung des Gehaßten sein Ende gefunden . Die Ahnung war zur Wahrheit geworden , die das Wasser ihm gestern zurauschte ; es hatte aus der Tiefe der Schachte hervor dem Opfer den Todesgruß gebracht . Er brauchte nicht mehr über dieses „ morgen “ hinauszublicken , das sich so dicht vor ihm verschleierte ; es war Alles zu Ende für ihn mit diesem „ morgen “ – Alles ! Drüben von der Landstraße her tönte der tactmäßige Schritt einer vorrückenden Menge , tönten Commandoworte und Waffenklirren ; die aus der Stadt erbetene und erwartete Hülfe gegen den Aufruhr war eingetroffen . Schon beim Betreten der Colonie hatte der befehlshabende Officier erfahren , was hier geschehen war ; er ließ seine Leute drüben auf der Chaussee Halt machen und kam , nur von einigen begleitet , hinüber auf den Schauplatz des Unglücks , wo er den Chef zu sprechen verlangte . Arthur trat ihm entgegen . „ Ich danke Ihnen , mein Herr , “ sagte er mit ruhigem Ernste . „ Aber Sie kommen zu spät ; ich bedarf Ihrer Hülfe nicht gegen meine Leute . In einem gemeinsamen zehnstündigen Kampfe um das Leben der Unsrigen haben wir Frieden miteinander gemacht – hoffentlich für immer ! “ Wieder war es Sommer geworden ; wieder lag Sonnenschein und Sommerpracht auf den Waldbergen und Thälern und über der Berkow ’ schen Colonie , wo sich das Leben so rührig und rüstig regte , wie nur je vorher , aber freier , freudiger war es geworden . Es wehte jetzt wie ein Athem von Freiheit und Glück durch diese Werke , die an Großartigkeit nichts eingebüßt hatten , wo sie doch Alles gewannen , was ihnen einst fehlte . Freilich war das nicht in Wochen und Monaten geschehen ; es hatte Jahre dazu gebraucht , und sie waren nicht leicht gewesen , diese Jahre , die der Katastrophe folgten . Damals , als die Arbeit auf den Werken wieder aufgenommen wurde , lag noch eine schwere Last auf den Schultern des jungen Chefs , der zwar Frieden gemacht hatte mit seinen Leuten , aber auch beinahe am Ruine stand . Jene Zeit der Gefahr , wo es sich darum handelte , mit persönlichem Muthe und persönlicher Aufopferung den Excessen einer rebellischen Menge gegenüberzutreten , war vorüber ; aber nun kam das Andere , Schwerere , die Zeit der Sorge , der steten mühseligen Arbeit , des oft verzweiflungsvollen Ringens mit der Macht der Verhältnisse , die Arthur fast zu Boden drückten . Doch er hatte in dem ersten Kampfe seine Kräfte kennen und erproben gelernt ; er wußte sie in dem zweiten zu gebrauchen . Länger als ein Jahr war es zweifelhaft gewesen , ob die Werke überhaupt ihrer Bestimmung und ihrem Besitzer erhalten blieben , und auch nachdem diese erste , gefährlichste Krisis überstanden war , gab es noch immer genug der Gefahren und Verluste , denen man die Stirn bieten mußte . Schon während der letzten Lebenszeit des alten Berkow hatten gewagte Speculationen , maßlose Verschwendung und vor Allem das gewissenlose , nur auf den augenblicklichen Gewinn berechnete System der