! Ich beklage Sie . Kommen Sie , vertrauen Sie sich mir , ich habe trotz Ihrer Schroffheit Sympathie für Sie . Ich werde Sie ein ganz neues Leben kennen , werde Sie das Geheimnis der Rache an den Männern lehren . Sie tragen den Stempel der weiblichen Gottesgeißel auf Ihrer hohen Stirne ! Lernen Sie sich nur erst ver ­ stehen , dann werden Sie einsehen , wie verkehrt Sie Alles angefangen haben . Nicht in den dicken Bänden , die Sie schreiben , in Ihrer Person liegt Ihre Macht , denn unsere Reize sind die Waffen , mit denen wir siegen . So lange die Männer Sinne haben und wir Schönheit , so lange werden wir Sie beherrschen . Und Sie , Sie geniale Törin , sperren sich in Ihre vier Wände ein , arbeiten und quälen sich — während Sie nur hinaus zu treten brauchen vor das Angesicht derer , die über Ihre geschriebenen Buchstaben die Achseln zucken — und sie liegen Alle zu Ihren Füßen ! Ist das nicht ein leichterer Sieg ? “ Ernestine war verstummt , die Gräfin sah zu ihrer Freude , daß eine starke Bewegung in ihr kochte und fuhr ermutigt fort : „ Sie sind schön — wie schön , wissen Sie vielleicht selbst nicht , sonst enthielten Sie der Welt nicht einen Anblick vor , der sie entzückte — sich nicht die Freude , dies Entzücken zu beobachten . O , glauben Sie mir , es gibt keine größere Wonne , als die Siege unserer Persönlichkeit . Sich selbst als einen Gegen ­ stand des Verlangens zu fühlen , beglücken zu können mit einem Blick , das ist Schöpferlust — das ist ein göttliches Vorrecht , um das Tausende Sie beneiden würden ! Was ist dagegen die kalte Genugtuung , die Ihre Studien Ihnen gewähren können ? Was haben Sie , wenn man zwei Meilen von hier sagt , Sie seien eine große Gelehrte ? Ist das Wort eine Blume , deren Duft Sie erquickt , ist es eine Flamme , die Sie wärmt , ein Lichtstrahl , der Ihnen leuchtet ? Beglückt es Jemanden außer Ihnen ? Es ist unsichtbar , un ­ greifbar , es ist eine Idee , ein Phantom , ein Nichts ! Es kann nur dann Wert für Sie haben , wenn Sie dadurch in den Augen Anderer an Wert gewinnen , denn allein sind wir nichts , wir werden erst , was wir sind , durch die Beziehung zu Andern . Gehen Sie nach Sibirien zu den Zobelfängern oder zu den Lapp ­ ländern hinauf und sehen Sie zu , ob Sie dann noch eine Genugtuung darin finden , sich für die größte Gelehrte Deutschlands halten zu dürfen . Was Sie erstreben , hat doch nur den Zweck , in den Augen der Männer etwas zu gelten , sich für die Verachtung , die Sie als Frau erlitten , zu rächen ! Sie suchen das Mittel dazu in Ihrem Tintenfaß , suchen Sie es in Ihren dunkelglühenden Augen , in Ihren langen , sei ­ denen Haaren — da werden Sie es finden . Sie können , wie jene Schöne im Märchen , Perlen und Diamanten aus diesen Haaren kämmen , lassen Sie mich die Fee sein , die Ihnen den Zauberkamm dazu in die Hand drückt . “ 57 „ Gräfin , fahren Sie nicht so fort “ , rief Ernestine tief errötend . „ Diese Sprache darf ich nicht hören ! “ „ Fürchten Sie meine Worte , so beweist das , welchen Eindruck sie Ihnen machen — und ich habe schon halb gesiegt “ , frohlockte die Versucherin . „ O , wenn Sie das glauben “ , rief Ernestine stolz , „ dann bitte ich Sie , sprechen Sie weiter , ich werde Ihnen , nachdem Sie geendet , sagen , was ich lieber verschwiegen hätte ! “ „ Sie werden , wenn Sie mich zu Ende gehört , milder denken “ , sagte die Gräfin . „ Sie halten meine Ansichten für unmoralisch . Was aber ist unmoralisch ? Was den Gesetzen der Natur am Nächsten entspricht ? Welche Moral hat das Tier ? Keine , und deshalb ist es straflos . Es gehorcht dem Gesetze , welches Sie als Naturforscherin für das erste , höchste halten müssen . Die Asketen sagen , die Moral sei notwendig , um die Ordnung zu erhalten , ohne welche das Chaos wieder hereinbräche . Ich frage Sie aber , ist in dem Reich der Tiere das Chaos ? Sind nicht die Rassen eingeteilt in strengster Ordnung ? Hat nicht und be ­ wahrt nicht jede ihre Eigentümlichkeiten ? Bleiben sie nicht untereinander streng geschieden ? Sucht der Löwe die Hyäne , würde die Tigerkatze den Schakal nicht zerreißen , der sich ihr nahen wollte ? Ist das nicht eine unerschütterliche Gesetzlichkeit ? Und so würde es auch bei den Menschen sein . Das Edle würde sich doch stets dem Edlen verbinden , wie das Gemeine dem Gemeinen . Über dem Ganzen waltete nur die Liebe und alle Unsittlichkeit des Zwanges , der Kon ­ vention , der Lüge und Heuchelei fiele weg . Wäre das nicht eine schönere Welt ? Und glauben Sie mir : auch eine bessere ! In dem Bewußtsein , daß kein gesetzlicher Zwang die Gatten mehr an einander bindet , müßte sich Jeder das Herz des Andern durch verdoppelte Güte und Aufopferung zu erhalten suchen , — die Menschen würden gefälliger , selbstverleugnender gegen einander , und der Geist wäre befreit mit der befreiten Sinnlichkeit ; sind wir doch , so lange unsere Wahl gebunden ist , geistig geknechtet ! Und haben denn nicht auch die Männer das Vorrecht der freien Wahl für sich in Anspruch genommen ? Binden sie sich an Gesetze ? Wo ist der , welcher nicht öffentlich oder heimlich an ihnen sündigte ? Uns nur , uns steht keine Entscheidung zu , — wir nur sollen eine Sache sein , die besessen wird ,