machen , auch wenn sie wissen , daß sie eine unwiederbringliche Stunde verpassen , in der sie einander so viel zu sagen gehabt hätten . Konrad erzählte ihr von den Eindrücken der letzten Tage . Sie hörte aufmerksam zu und sagte dann : » Schon lange fühl ' ich ' s : es liegt ein großes Sterben in der Luft . « » Aber auch eine große Sehnsucht nach Auferstehung , « meinte Konrad . Ein ironisches Lächeln flog um ihren Mund : » Glauben Sie ? Mir scheint vielmehr , daß Ideen und Menschen sich noch im Grabe wehren würden , wenn ein grausamer Gott sie aus dem Schlafe wecken wollte . « Und rasch , als fürchte sie jede Möglichkeit einer Vertiefung , lenkte sie das Gespräch wieder in die ausgefahrenen Gleise der Konvention . Konrad verließ sie nicht weniger enttäuscht , als er vorher Warburg verlassen hatte . Aber schon am nächsten Tage bat sie ihn schriftlich um seinen Besuch . » Ich habe gezögert , ob ich es tun sollte , « schrieb sie . » Wir lieben uns nicht , sind nicht einmal befreundet , - die übliche Schlußfolgerung daraus wäre , daß wir einander Fremde sind . Es gibt jedoch , wie mir scheint , Situationen , in denen dies Fremdsein zum größten Nahesein berechtigt und befähigt , weil keine Empfindung Blick und Urteil trübt und zu Schonung und Lüge verleitet . Ich muß jemanden haben , der offen und unbestechlich ist wie das , was mich in der Wirrnis der letzten Tage im Stiche ließ : mein Gewissen ... « Konrad eilte zu ihr . Eine einzige , große , gelbe Kerze brannte in Frau Saras grauem Salon . Darunter lag ihre schwarz gekleidete Gestalt lang ausgestreckt auf dem niedrigen Diwan . Ihre Lider waren gerötet , zwei dunkle Flecken brannten auf ihren Wangen . » Ich habe keine Zeit zu verlieren , « sagte sie . Erst jetzt bemerkte er die Unordnung auf ihrem Schreibtisch , in ihrer Umgebung . In wirrem Durcheinander befanden sich Bücher und Papiere . » Sie wollen fort ? « frug er , umschauend , dabei fiel sein Blick auf die Kerze , die feierlich , wie in einer Altarnische , in der einen Ecke des Zimmers stand und mit den zarten Rauchschleiern den feinen Duft frischen Wachses um sich verbreitete . » Vielleicht , « antwortete sie gleichmütig und dann , seinem Blicke folgend : » Meiner Schwester Todestag , - im vorigen Jahre vergaß ich , ihn zu feiern . Um so inbrünstiger geschieht es heut . « Sie kämpfte mit den Tränen . Er streichelte unwillkürlich ihre Hand wie einem kranken Kinde . » Nicht weich werden , Baron , bitte nicht , « fuhr sie fort , » wenn Sie mir helfen wollen , müssen wir Fremde bleiben . Denn eine deutliche Antwort erwarte ich - keine Ausrede - auf das , was ich Sie fragen will . Ich brauche Grausamkeit , keinen Trost . « Und mit einem jäh hervorbrechenden Schluchzen vergrub sie den Kopf in die Hände . » Sprechen Sie , « sagte er erschüttert , » wenn Ihnen Wahrheit helfen kann , wie könnte ich sie Ihnen vorenthalten ? « Sie hob den Kopf : » Ich danke Ihnen . « Dann fuhr sie mit vollkommen gefestigter Stimme fort : » Nach meiner Frage , Baron Hochseß - das wird Ihnen , sobald ich sie gestellt habe , ohne weiteres verständlich sein - , werden wir uns nicht wiedersehen . Sie dürfen mir , mag Ihre Antwort so oder so ausfallen , mag ich ihre Richtigkeit durch mein Handeln anerkennen oder nicht , danach nicht mehr begegnen . Und nun merken Sie gut auf : es stürzte sich jemand nächtlicherweile , in Fieberhitze glühend und fast erlöschend vor Durst , in dunkles Wasser , das ihm Erlösung schien . Dann erst , im Tageslicht , entdeckte er , daß es schmutzig war und häßliche Zeichen davon auf seinem Körper hinterließ . Und er lief weit fort . Und Scham und Verzweiflung liefen mit ihm . Trotzdem trieben ihn Fieber und Durst immer wieder zurück nach dem Wasser - « Draußen knarrte die Eingangspforte ; es ging ein Schritt . Sara schnellte empor , starrte mit reglosen Pupillen zur Türe , und ein Schrei tiefster Verzweiflung entrang sich ihrer Brust : » Wenn er käme , wenn er in diesem Augenblick käme , er , an dem ich mir selbst zum Spott und zur Verachtung geworden bin , - ich stürzte ihm in die Arme - ich küßte seine Füße - « Sie sank zusammen . Draußen war es still . Konrad hatte sich abgewandt , bis Saras rauh gewordene Stimme sein Ohr traf . » Kann so jemand weiter leben , Baron Hochseß ? « frug sie laut und scharf . Er öffnete schon den Mund zu rascher , beschwichtigender Antwort , als sein Auge dem der gequälten Frau vor ihm begegnete . Aus seiner dunklen Tiefe flehte eine in Ketten schmachtende reine Seele um Erlösung . Da verstummte er , verbeugte sich tief und ehrfurchtsvoll , ohne daß er gewagt hätte , auch nur die Fingerspitzen derjenigen , von der er Abschied nahm , noch zu berühren und ging . In derselben Nacht erschoß sich Frau Sara Rubner . Die große , gelbe Kerze brannte noch immer ihr zu Häupten , als man sie fand . Konrad legte Warburg ein rückhaltloses Geständnis von allem ab , was sich zwischen ihm und ihr begeben hatte . » Du wirst verstehen , « sagte ihm dieser mit jener Kühle , die er jetzt ständig wie eine Maske trug , » daß auch wir geschieden sind . « Auf dem Totenbett , wohin er blasse Spätherbstrosen trug , sah er Frau Sara zum letztenmal . Man hatte ihr nach jüdischem Brauch die dichten , schwarzen Haare in kleine , feste Zöpfchen geflochten ; zwei alte , häßliche Klageweiber plärrten Gebete und