; die Lehrerin trat Quandt jammernd entgegen , als er mit der Holzhacke aus der Küche rannte . Er stieß sie weg , schäumte : » Ich wills ihm schon zeigen « , und stürzte wieder hinauf . Nach dem ersten Schlag mit dem Beil öffnete sich die Tür , und Caspar trat im Hemd auf die Schwelle . Der Anblick der ruhigen Gestalt hatte etwas so Unerwartetes und Ernüchterndes für den Lehrer , daß er förmlich zusammenklappte , nichts zu sagen und zu tun wußte und nur sonderbar mit den Zähnen knirschte . » Machen Sie Licht « , murmelte er nach einem langen Stillschweigen . Doch schon kam die Frau mit einem Licht , leise heulend , die Stiege herauf . Caspar erblickte das Beil im gesenkten Arm des Lehrers und fing an , heftig zu zittern . Bei diesem Zeichen von Furcht verlor Quandt vollends die Haltung . Er schämte sich , und tief aufseufzend sagte er : » Hauser , Sie bereiten mir großen Kummer . « Damit drehte er sich um und ging langsam hinunter . Caspar schlief erst ein , als der Tag dämmerte . Beim Frühstück , vor der gewohnten Unterrichtsstunde , erfuhr er , daß Quandt schon ausgegangen sei . Es wurde Mittag , und während des Essens war der Lehrer vollkommen stumm ; mit dem letzten Bissen erhob er sich und sagte : » Um fünf Uhr seien Sie auf Ihrem Zimmer , Hauser . Der Polizeileutnant will mit Ihnen sprechen . « Caspar legte sich oben aufs Kanapee . Es war ein heißer Augusttag , Gewitterwolken lagerten am Himmel , am offenen Fenster flogen Schwalben ängstlich zwitschernd vorüber , die schwül erhitzte Luft surrte und sang im engen Gemach . Noch müde von der Nacht , entschlummerte Caspar alsbald , und erst ein heftiges Rütteln an seiner Schulter weckte ihn . Hickel und der Lehrer standen neben ihm , er setzte sich auf , rieb die Augen und sah die beiden Männer schweigend an . Hickel knöpfte mit einer amtlichen Gebärde seinen Uniformrock zu und sagte : » Ich fordere Sie hiermit auf , Hauser , mir Ihr Tagebuch abzuliefern . « Caspar erhob sich tiefatmend und antwortete mit einer mehr von innerem Zwang als Mut eingegebenen Festigkeit : » Herr Polizeileutnant , ich werde Ihnen mein Tagebuch nicht geben . « Quandt schlug die Hände zusammen und rief klagend : » Hauser ! Hauser ! Sie treiben Ihre unkindliche Widersetzlichkeit zu weit . « Caspar schaute sich verzweifelt um und erwiderte zuckenden Mundes : » Ja , bin ich denn ein Eigentum von einem andern ? Bin ich denn wie ein Tier ? Was wollen Sie denn noch ? Ich hab ja schon gesagt , daß ich das Buch verbrannt habe ! « » Wollen Sie etwa leugnen , Hauser , daß Sie heute nacht bei der Kerze geschrieben haben ? « fragte Quandt dringlich . » Briefe haben Sie doch nicht zu schreiben gehabt , und mit den Exerzitien waren Sie fertig . « Caspar schwieg . Er wußte nicht ein noch aus . » Ein guter Mensch hat überhaupt die Einsicht in sein Tagebuch nicht zu scheuen , « fuhr Quandt fort , » im Gegenteil , sie muß ihm erwünscht sein , da doch seine Unbescholtenheit damit bezeugt wird . Sie am allerwenigsten , lieber Hauser , haben Grund , ein geheimes Tagebuch zu führen . « » Wie lange werden Sie uns noch warten lassen ? « fragte Hickel mit höflicher Kälte . » Da will ich doch lieber sterben , als daß ich das alles aushalten soll ! « rief Caspar und hob den Arm , um sein Gesicht darin zu verbergen . » Nun , nun , « sagte Quandt beunruhigt , » wir meinen es ja gut mit Ihnen , auch der Herr Polizeileutnant will nur Ihr Bestes . « » Freilich « , bestätigte Hickel trocken ; » übrigens kann ich Ihnen sagen , daß das Sterben zurzeit nicht der beste Einfall von Ihnen wäre . Da könnte man unter Umständen auf Ihrem Grabstein lesen : Hier liegt der Betrüger Caspar Hauser . « » Ganz abgesehen davon , daß sich in einem solchen Satz eine höchst verwerfliche Gesinnung ausdrückt , « fügte Quandt tadelnd hinzu , » eine feige und unsittliche Gesinnung . « » Es liegt mir am Leben nichts , wenn man mich immer mit solchen Geschichten plagt und mir nicht glaubt « , entgegnete Caspar bedrückt ; » ich hab ja früher auch nicht gelebt und hab lange nicht gewußt , daß ich lebe . « Hickel ging indes an der Wand entlang und klopfte mit den Knöcheln wie spielend an einige Stellen der Mauer ; plötzlich schien sich seine Aufmerksamkeit gegen das Bild über dem Sofa zu richten . Er nahm es lächelnd herab , betrachtete es nach allen Seiten und klappte schließlich die Scharniere auf , um die Holztafel zu entfernen . Caspar wurde schlohweiß und bebte wie Espenlaub . Aber als nun Hickel das blaue Heft schmunzelnd in seiner Hand hielt , ging eine seltsame Verwandlung mit Caspar vor . Es sah aus , als wachse er plötzlich und werde um Kopfeslänge größer . Mit zwei Schritten stand er dicht vor dem Polizeileutnant . Sein Gesicht war förmlich aufgerissen . In seiner Miene war etwas Erhabenes . Sein Blick glühte von einer leidenschaftlichen und gebieterischen Kraft . Hickel , in dem dumpfen Gefühl , als werde er zermalmt oder zertreten , wich langsam und fasziniert gegen die Tür zurück . Der kalte Schweiß brach aus seiner Haut , als ihm Caspar folgte , Schritt für Schritt , den Arm ausstreckte , das Heft mit einem Ruck aus seinen umklammernden Fingern zog , es mitten durchriß , die beiden Hälften noch einmal und noch einmal zerriß , bis alles in Fetzen auf dem Boden lag . Wer weiß , was noch geschehen wäre , wenn die Dazwischenkunft einer vierten Person in diesem Augenblick nicht die