, jetzt entdeckte er seine Braut , die sich aus dem Fenster eines Wagens zweiter Klasse lehnte und ihm zuwinkte . Der Wagen stand ziemlich weit vorn , nahe an der Lokomotive . Ein helles Freudenlächeln huschte über Lydias Gesicht , als sie Adam im letzten Augenblick doch noch vor sich sah . Sie hatte schon alle Hoffnung aufgegeben . Sie war ganz traurig geworden , sein Wegbleiben hatte sie verstimmt , am liebsten wäre sie wieder ausgestiegen . Nun war er doch noch gekommen . Das war so gut von ihm . Sie sah ihn zärtlich an , als er vor ihr stand , vor Aufregung kein Wort über die Lippen bringen konnte und ihr nur stumm die Rose reichte . » Du siehst recht blaß aus , Adam - « bemerkte Lydia besorgt und führte die Rose mit den kleinen , glattbehandschuhten Fingern der rechten Hand an ihre zarte , weiße Nase . Sie sah fragend auf ihren Verlobten nieder . » So - ? Mir war heute früh auch nicht ganz wohl - « antwortete Adam hastig - » und wie geht es Dir , Lydia - ? « fuhr er dann fort , nachdem er einmal tief Athem geholt - » Ich danke - « » Und wie lange willst Du mich allein lassen - ? « » Ich komme bald zurück - vielleicht eher , als es Dir lieb ist - - « » Lydia - ! « » Meine Adresse schreibe ich Dir - also Friedrichroda - ich muß erst sehen , ob ich Privatlogis nehme , oder - « » Und schreib ' mir , bitte , recht bald und recht viel - ja ? Zu schade , daß Du jetzt gerade - - bleib ' nicht zu lange , Lydia - ? « bat Adam leise - Es war ihm plötzlich sehr weich ums Herz geworden . Nun seine Braut in der Fülle und Reife ihrer Kraft und Schönheit vor ihm stand , loderte die Leidenschaft zu dieser Frau wieder in ihm auf . Ja ! Er liebte sie doch - und sie allein . - Es läutete zum dritten Male . Die Lokomotive pfiff , langsam setzte sich der Zug in Bewegung . Die Hände der beiden hatten zum letzten Male in einander gelegen , fest , zärtlich . Dabei hatten sie sich voll in die Augen gesehen . Sie gehörten nun zusammen und sie mußten sich schon treu sein . - - Das weiße Taschentuch Lydias statterte immer noch , Adam schwenkte den Hut . Der weiße , hin- und herzitternde Punkt verschwamm nun und verblaßte mehr und mehr , jetzt war er ganz und gar von der Entfernung aufgeschluckt . Der Perron war leer geworden . Adam blieb noch einen Augenblick stehen , blickte vor sich hin , freute sich , daß Lydia diskret die Geldgeschichte auch nicht mit der kleinsten Andeutung wieder berührt hatte , dann wandte er sich um , ging langsam durch die Vorhalle dem Ausgang zu und stieg langsam die Steintreppe hinunter , die vom Bahnhofsportal auf die Straße führte . Er befand sich in einem seelisch sehr merkwürdigen Zustande . Lydias Abreise stimmte ihn beinahe sentimental , that ihm beinahe weh . Er wunderte sich darüber und schüttelte den Kopf . - XX. Nun kamen stillere Tage für Adam . Er ging nicht viel aus , er saß oft stundenlang auf seinem Zimmer , er spann seine losen , verzettelten Gedanken in der Sophaecke , er las dies und das ohne inneren Zwang , ohne besondere geistige Genugthuung . Der Juni war sehr heiß , trotzdem überlief Adam oft ein leises , stachliges Frösteln , besonders gegen Abend stellte sich gewöhnlich ein heftigeres Fieber ein , sein Schlaf war dünn , unruhig , von schwülen , bizarren Träumen erfüllt . Früh fühlte er sich oft matter und hinfälliger , als er den Abend vorher gewesen war . Endlich nahm er Chinin ein , da wurde es besser , das Fieber trat weniger akut auf , schließlich blieb es ganz weg . Lydia hatte Adam bald nach ihrer Ankunft in Friedrichroda geschrieben . Er hatte den lieben , zärtlichen Brief mit seiner zartstrichigen Schrift , seinen pikanten stilistischen Inkorrektheiten , seinen versteckten Liebkosungen oft genug gelesen , wieder und wieder . Lydias Hingebung schmeichelte seiner Eitelkeit , er vergaß , welchen Umständen er schließlich ihren Besitz verdankte , es kam so weit , daß er sich unwillkürlich einredete , er hätte sie sich errungen , und er war stolz auf diesen Erfolg . Aber dennoch verschob er es von Tag zu Tag , Lydia zu antworten . Dieses Hinausschieben machte ihm ein pikantes Vergnügen , gewährte ihm einen angenehm prickelnden Reiz . Hatte er erst geschrieben , so war damit auch die momentane Situation erschöpft - und der Genuß , der in dem Bewußtsein lag , daß sich Lydia um so mehr und um so intimer mit ihm beschäftigen würde , je länger seine von ihr ersehnte Erwiderung ausblieb , hörte dann auf . Vielleicht wirkte bei seinem Zögern auch mit , daß ihm das Bild seiner Braut schon ein Wenig verblaßt , daß er schon etwas in den Hintergrund getreten war , daß der Einfluß ihrer reifen Frauenschönheit unter der Trennung doch schon gelitten hatte . Er mußte sich das eingestehen und ärgerte sich darüber . Aber er konnte nichts dagegen machen . Er gab sich oft alle Mühe , Lydias Bild in Klarheit und Frische vor sein geistiges Auge zu rufen , aber es wollte ihm nicht gelingen , nur Schemen kamen und vage Andeutungen . Dann konnte er nicht begreifen , daß nun in Zukunft er ihr und sie ihm angehören sollte , daß sie Beide hingehen sollten , um sich ihren lieben Mitmenschen als ein zusammengehöriges Paar vorzustellen . Das war Alles so drollig , so wunderbar , das konnte nicht sein , das widersprach doch so ganz den Gesetzen , unter denen zu leben er sich gewöhnt hatte . Er