einige » politische « Journalisten ihr unreifes Tagesgewäsch über die » Wahlen « verzapfen hörte , daß er Lämmerschreyer ' n laut fragte , warum er nicht politischer Journalist geworden sei . Wie könne man ein so schlechtes Metier wie das des Dichters ergreifen , wo man heutzutage ungeheur viel Geist nöthig habe , um überhaupt nur aufzukommen ! Zum politischem Journalisten aber gehöre nur eine gehörige Portion Frechheit neben Dummheit und Unwissenheit , um Schiedsrichter Europas zu werden . Er solle mal hören , wie der Größenwahn der politischen Publicistik aus alles » Belletristische « herabschaue ! In gleichem Stil schimpfte er auf dem Heimweg weiter . Da sei neulich ein Vetter zu ihm gekommen , der als Offizier in die Armee getreten sei . » Ein Knabe von neunzehn Jahren ! « Da sagte ich zu mir : » Du Junker , der Du nichts bist und weißt , stehst jetzt bereits in der Achtung der Gesellschaft zehnmal höher , als Ich , der ... « er wollte sagen » der große Dichter « , verschluckte es aber anstandshalber , » Jaja , mein Lieber ! « Die Beiden hatten sich bierselig untergefaßt und schwankten mutterseelenallein durch die bitterkalte Nacht , die durch das bläuliche Licht der elektrischen Laternen auf dem Leipzigerplatz gleichsam noch eisiger angefröstelt wurde . » Darum seien wir uns klar , daß man nicht vorsichtig genug in der Wahl seiner Eltern , aber noch vorsichtiger in der Wahl seines Berufes sein muß . Wir haben das allerschlechteste Theil erwählt . Wie konnten Sie nur so dumm sein , als Dichter geboren zu werden ? « » Ich kann doch aber nichts dafür , « lallte Jener humoristisch . » Und so sind wir ' s doch will mal , daran ist nichts mehr zu ändern . I was , wenn ich nur genug habe , um grade leben zu können und dabei schaffen kann , bin ich scholl ganz zufrieden , « spielte er sich als Diogenes auf . » Na , nun wollen wir uns mal - he , Droschke ! - als schäbiger Geistesproletar ein Nachtfuhrwerk leisten ! Adios , Meister ! « » Ja , wollen Sie etwa gleich vierspännig fahren ? « murmelte Leonhart . III. » Lieber Federigo , komm doch heut Abend in die Weinstube von Huth . Dieser kleine Mensch , der Krastinik , möchte mit uns zusammensein . Er bewundert mich sehr , sagt er . Neulich bei der Ibsenfeier lernt ' ich ihn kennen . Hätt ' st Du doch nur diesen Pipsen gesehn mit seinem Hofrathsgesicht und seinen Ordensketten ! Das will ein Socialist sein , ein Demokrat , haha ! Wenn man mich zum Wirklichen Geheimen Oberregierungsrath erheben wollte , ich stieße den Bettel mit dem Fuße fort . O dieser Pipsen , diese feiste Wildente ! Ich sage Dir , wie die Gespenster sind sie ihm nachgehuscht - K. , der Knochenmann , und dann dieser B. mit der Abrahamsnase und Sch . mit der kalten Bulldoggenschnauze , diese zwei Macher in Ibsen-Schwindel - , als Er mal ' rausgehen mußte . Und dann , als er wiederkam ( sie standen alle , vor der engen Pforte Spalier ) - wie roch der Meister ! « Dein Schmoller . » Unabhängige Gesinnung . Die ist erloschen . Man hat ja die Zunftkritik zu einem Sinnbild der Unanständigkeit erhoben . « Leonhart schimpfte in nervös erregten Fisteltönen auf Krastinik ein . » Halten Sie doch eine Reihe von Recensionen , lobende wie tadelnde , über irgend eilte ungewöhnliche Leistung , die sich nicht mit den üblichen Cliché-Phrasen abspeisen läßt , nebeneinander ! Sie werden schaudern vor dieser abgründigen Unreife . - Sie , Kellner , eine neue Flasche Mosel ! Säure vertreibt Säure . « » Ja wohl , « schrie Schmoller . » Es giebt keine Kritik mehr ! Bestochenes Lob , bestochener Tadel ! Wer bei jeder Recension den Grund kennt , mag vor Ekel keine mehr lesen . Mit der Diogeneslaterne muß man suchen , nur einen Mann von Ehre unter den Schriftstellern und eine Zeitung von nicht allzugroßer Schmutzigkeit zu entdecken . « » Ganz richtig , « fiel Leonhart ein , » vor Allem fehlt überall der weite geschulte Blick , der nicht am Aeußerlichen kleben bleibt , sondern ins Innere der Dinge dringt . Das Kennzeichen jeder alexandrinischen Epoche , der seichte und nüchterne Formalismus , weht uns allerorts erkältend entgegen - selbst aus den kritischen Ergießungen der noch leidlich vornehmen und unbefangenen Geister . « » Aber was wollen Sie denn ! « warf Krastinik ein . » Ihre neue Richtung hat ja doch theoretisch auf allen Punkten gesiegt , trotz aller Bajazzosprünge der Alten ! Freilich ein Beweis für die Gewalt der Wahrheit . « » Ah pah ! « rief Schmoller . » Werden diese Vers-Erbrechen , diese rhythmischen Diarrhoës nicht immer noch gepriesen und auf der litterarischen Mode-Tafel servirt ? Liebt der biedere Deutsche nicht immer noch , dies schleichende Gift sentimentaler Lüsternheit den Backfischen , Höheren Töchtern und Salondämchen auf dem Weihnachtstische zu kredenzen ? « » Und doch täuscht dies nicht über die litterarische Vernichtung der ganzen älteren Generation . Schränkt doch eure Polemik ein ! Ignorirt sie doch ! De mortius nil nisi bene . « » Hübsch gesagt , Herr Graf . « Schmoller lachte auf . » Aber diese siegreiche Armee der Neuen bildet doch auch nur eine buntscheckige Falstaff-Kompagnie . Was segelt heut nicht Alles unter der Flagge des Realismus - daß Gott erbarm ! Kraftmeierei , Salonsäuselei , Formdrechselei ! In wie Wenigen lodert das Elementar-Dämonische , der eigentliche Grundtrieb der Poesie - von dem unser Freund Leonhart immer redet . « » Wohl , « sagte dieser ruhig , » aber an glänzender Begabung für alles Technische , an hochgestimmter Auffassung des Schönen , an blendender Stilbehandlung scheint doch kein Mangel . Und was für männliche Charakterköpfe , die sich klar profilirt in kernhaft wuchtigem